Ratgeber
Bleiben’s doch noch ein wenig, meint das zarte Wesen an der Bar. Gleich ist hier Livekonzert. Hier? Die Gaststätte im 8. Wiener Bezirk misst gerade mal fünf Badetücher. Außerdem ist Montag und Mitternacht weit vorbei.
Doch dann öffnet sich die Tür, und von draußen, wo die Josefstadt längst friedlich schlummert, zerrt ein junges Männlein ein monströses Instrument herein, das sich als Kontrabass entpuppt. Im Laufe der nächsten zehn Minuten erscheinen ein Flötist samt Querflöte, ein wunderschönes Tenor-Saxofon mit seinem Herrchen und ein Gitarrist mit einer Gitarre, dazu zwei mehr als luftig gekleidete Damen.
Kontrabass und Saxofon quetschen sich hinter den Tresen, die Gitarre klettert auf einen Barhocker, die Flöte bleibt notgedrungen mitten im Gedränge. Doch dann hebt ein derart flotter Blues an, dass der gesamte Laden wie elektrisiert zuckt. Eine geniale Session, spontan und weltstädtisch. Und in Wien, versteht sich.
Was mit ihrer Stadt passiert ist, scheint die Wiener selbst immer noch am meisten zu überraschen. Den wohl entscheidenden Impuls erhielt Österreichs verträumte Metropole bereits 1989, als der Eiserne Vorhang sich hob. Die Stadt, die sich jahrzehntelang mit sich selbst beschäftigte, wurde beinahe schlagartig zum Zentrum kultureller und wirtschaftlicher Aktivitäten zwischen Ost und West. Das gab es zuletzt zu Sisis und Franz Josephs seligen Kaiserzeiten. Und jetzt auch noch die aufregende Fußball-EM …
Wie Sisi mittlerweile zur Heldin eines Animationsfilms von „Bully“ Herbig avanciert ist, wird auch die klassische Wien-Folklore mit ihren Mozart-Devotionalien, Fiakerfahrten und Sachertorten neuerdings gern mit einem Augenzwinkern genossen.
Exotik und Erotik
Touristen aus aller Welt zieht es natürlich immer noch zuerst ins historische Zentrum. Dort, im 1. Bezirk, prangt wie eh und je die königlich-kaiserliche Zuckerbäckerstadt mit Staatsoper und Stephansdom. Auch noch 90 Jahre nach Ende der Monarchie werben hier Läden und Cafés damit, Hoflieferant gewesen zu sein, wie etwa der stets überlaufene „K. u. K. Hofzuckerbäcker Demel“. Beim „Figlmüller“ stehen derweil junge Japaner Schlange, um sich an geschmacksneutralen, aber wischlappengroßen Wiener Schnitzeln zu laben.
Über den Ring führt der Weg ins Museums-Quartier mit seinen revitalisierten Barockgebäuden der einstigen Hofstallungen. Zwischen dem kalkweißen Leopold-Museum, dem von dunkelgrauem Basalt umhüllten Museum Moderner Kunst und der Kunsthalle haben sich schmucke Cafés und Restaurants angesiedelt.
Auch auf der nahen Gumpendorfer Straße hat sich eine phänomenale Dichte an trendigen Geschäften und Lokalen entwickelt. Hotspots sind das Café-Restaurant „Zum Roten Elefanten“, das „Ra’mien“ mit minimalistischem Interieur im Asia-Restaurant und Suzie-Wong-Kitsch in der Kellerbar. Im „Shanghai Tan“ gleich nebenan gibt es neben exotischer Kost auch noch Mode und Accessoires.
Ausgehen wie die Einheimischen kann man im 7. Bezirk auf dem Spittelberg, einem Viertel mit hübsch renovierten Biedermeierhäusern und netten Lokalen, wie dem „Lux“ oder dem „Amerlingbeisl“, und in der Josefstadt, dem 8. Bezirk.
Dort liegen auch Wiens neue In-Hotels. Das „Rathaus“ beschert seinen Gästen das womöglich fulminanteste Frühstück der Welt. Unzählige Gourmet-Leckereien, auf Tellerchen raffiniert präsentiert, lassen all jene verzweifeln, die morgens noch nicht viel verdrücken können. Designthema des Hotels ist indes der Wein. Jedes der 40 Zimmer ist einem österreichischen Spitzen-Winzer gewidmet. Ein Wohnparadies für Vinophile.
Im „Altstadt Vienna“ durfte Stararchitekt Matteo Thun die neuen Zimmer gestalten. Dabei heraus kam eine Hommage an Josefine Mutzenbacher, Edelhure und Heldin der Altwiener Erotikliteratur. Pompöse Lüster und dunkel glänzende Farben verwandeln die Räume in luxuriös-behagliche Boudoirs.
Und was ist aus dem Klischee-Wien geworden, dem Schmäh und der Affinität zu Morbidem wie „einer schönen Leich“, einer gepflegten Beerdigung? Gibt es auch noch. Am Spittelberg steht ein Bistro, das jeden Abend voll ist von feiernden Wienern. Über dem Stammtisch hängt ein großes Gemälde in tristestem Aschgrau. Es ist eine Komposition aus Zitaten von Munchs „Der Schrei“, Picassos „Guernica“ und weiteren bekannten Bildern des Grauens, mit Folteropfern, Gemeuchelten und Gehenkten. Unter diesem Bild ist die Stimmung immer besonders ausgelassen. Man könnte auch sagen: typisch wienerisch.
Hans Schloemer
| Titel | |
|---|---|
|
Joachim Fischer Wien NOW GALA City Guide - 12,90 € (D) / 13,30 € (A) / 23,90 sFr Format: 128 S. ISBN: 978-3-86551-109-6 Bestellen |
|
|
Franz Soukup / Hanne Egghardt Wien Bruckmann - 22,95 € (D) / 23,60 € (A) / 39,90 sFr Format: 144 S. ISBN: 978-3-7654-4589-7 Bestellen |
|
|
Hermann Bahr Wien Czernin - 15,00 € (D) / 15,00 € (A) / 27,50 sFr Format: 160 S. ISBN: 978-3-7076-0191-6 Bestellen |
|
|
Christian Eder Wien Travel House Media - 9,50 € (D) / 9,80 € (A) / 17,90 sFr Format: 128 S. ISBN: 978-3-8342-0339-7 Bestellen |
|


