Sachbuch
Wem von uns haben sie nicht schon einmal eine laue Sommernacht im Garten oder auf dem Balkon verdorben? Und wer hat sich auf der Jagd nach ewig summenden und brummenden Mücken nicht schon eine Nacht um die Ohren geschlagen? Meist triumphiert dabei die Mücke, und wir geben als Jäger im Pyjama in ihren Facettenaugen wahrscheinlich nur ein höchst lächerliches Schauspiel ab. Aber haben wir denn ernsthaft geglaubt, dass wir die Krone der Schöpfung, die Sieger der Evolution sind oder gar die Welt regieren?
Das Buch „Bsss – Die ganze Welt der Insekten“ belehrt uns eines Besseren. In ihm wimmelt es nur so von Käfern, Bienen, Ameisen und all jenen Tieren, die wir gemeinhin als Plagegeister bezeichnen. Zwar ist dieses Buch für Kinder ab acht Jahren konzipiert, aber Zweifel sind angebracht, dass Erwachsene es fix und freiwillig wieder aus der Hand geben.
Faszinierender und anschaulicher lässt sich Wissen nämlich kaum vermitteln. Schlägt man dieses Buch auf, ergeht es einem, als ob man einen großen Stein umdreht: Überall kreucht, fleucht und wimmelt es. Eine Welt des Verborgenen und des zu Unrecht Gemiedenen öffnet sich.
Auch wenn es anfangs vielleicht ein bisschen Überwindung kostet: Ein Besuch bei den Gliederfüßern, die rund 90 Prozent aller Tierarten der Erde ausmachen, lohnt sich. Wir dürfen getrost Bescheidenheit an den Tag legen, wenn wir lesen, dass Asseln, Milben und Springschwänze sage und schreibe 400 Millionen Jahre länger Wohnrecht auf diesem Planeten haben als wir.
Sachinformationen wie der Aufbau der Flügel oder die Metamorphose einer Libelle werden anhand detaillierter Fotos grandios dargestellt. Man lernt durch die Facettenaugen von Honigbiene und Stielaugenfliege sehen, ist zu Besuch im Bienenstock und bewegt sich staunend durch das raffinierte System von Gängen, Pilzgärten und Klimaanlagen im Termitenhügel. Vor allem macht „Bsss“ deutlich, dass der Mensch gar nicht so ein genialer Architekt ist, wie er vorgibt. Allenfalls ist er genial im Abgucken und Kopieren.
Und noch etwas veranschaulicht dieses Buch: Wir Menschen können ohne Insekten nicht leben. Ja, wir sind abhängig von ihnen. Würden diese Tiere verschwinden, bräche in kürzester Zeit alles zusammen. Im Ökosystem sind sie nämlich die großen Ver- und Entsorger. Das macht etwa die Ansiedlung des Mistkäfers in Australien deutlich, ohne den das Land regelrecht im Mist versunken wäre, nachdem die ersten Einwanderer aus Europa ihre Kühe mitbrachten und diese ihre Haufen auf dem fünften Kontinent hinterließen.
Große Beachtung schenkt das Buch auch den Insekten als Nahrungsquelle. Immerhin stehen sie als wichtige Eiweißlieferanten bei bis zu 80 Prozent der Erdbevölkerung täglich auf dem Speiseplan. Doch keine Angst: Man muss sich nicht genötigt fühlen, die „Bienenlarven in Kokosnuss-Soße“ oder die „Knusprige Mehlwurm-Pfanne“ nachzukochen.
Insekten zu verspeisen – für Frankreichs berühmtesten Entomologen Jean-Henri Fabre (1823–1915) käme das einem Verbrechen gleich. Insekten waren die Gefährten dieses großen Humanisten und Naturforschers. Seine „Souvenirs Entomologiques“ machten ihn berühmt. Mit „Ich aber erforsche sie mitten im Leben!“, einem kleinen Auszug aus diesem zehnbändigen Werk, kann man sich nun mit dem „Homer der Insekten“, wie ihn Victor Hugo nannte, auf die Spur seiner geliebten Sandwespe begeben.
Fabre ist weder ein Jäger noch ein Sezierer. „Ein Insekt“, bekannte der Forscher, „interessiert mich sehr viel mehr, wenn ich es lebendig bei seiner Arbeit beobachte, als wenn es aufgespießt auf dem Grund eines Kastens liegt.“ Über aller Wissbegierde steht die Liebe zum Insekt. Kaum ein Gelehrter hat uns die Welt en miniature so poetisch und zugleich informativ vor Augen geführt. Für die Gewinnung seiner Erkenntnisse wurde Fabre von Darwin bewundert. Für seine literarischen, zuweilen zärtlichen Beschreibungen von Nachtfaltern, Wespen und Taranteln schlug Marcel Proust ihn 1904 sogar für den Literatur-Nobelpreis vor.
Einerlei, mit welchem Buch man sich nun ins Gras legt oder ob man sich mit Hans Horns und Friedrich Kögels praktischem Naturführer auf die Suche nach Bock- oder Rüsselkäfern begibt: Die Welt der Kerbtiere ist ebenso schön wie bizarr – und für uns unentbehrlich. Wer weiß, vielleicht stimmt der ein oder andere nach der Lektüre dieser Bücher ein ins nächtliche Summen der Mücken und spricht nicht länger von Plagegeistern, sondern wie Fabre von „lieben Freunden“.
Heike Kunert
| Titel | |
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Hans Horn / Friedrich Kögel Käfer BLV - 9,95 € (D) / 10,30 € (A) / 18,90 sFr Format: 96 S. ISBN: 978-3-8354-0355-0 Bestellen |
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Jean-Henri Fabre "Ich aber erforsche sie mitten im Leben!" Heinrich & Hahn - 15,90 € (D) / 16,35 € (A) / 29,00 sFr Format: 100 S. ISBN: 978-3-86597-047-3 Bestellen |
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Bsss
Dorling Kindersley - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 36,90 sFr Format: 144 S. ISBN: 978-3-8310-1141-4 Bestellen |
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Naturforscher-Set Insekten
Dorling Kindersley - 9,95 € (D) / 10,30 € (A) / 18,90 sFr Format: 72 S. ISBN: 978-3-8310-1154-4 Bestellen |
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