Sachbuch
Dass die Abenteuer der schlagfertigen Gallier Asterix und Obelix auch in lateinischer Version zu haben sind, dürfte bekannt sein. Mit dem Comic-Klassiker haben bereits Kohorten von Lateinlehrern ihren Schülern die oft geschmähte Sprache der antiken Römer spielerisch nähergebracht. Doch was vor einiger Zeit als didaktischer Köder funktioniert haben mag, scheint heutzutage gar nicht mehr nötig zu sein. Mittlerweile hat sich das Parlieren à la Cicero nämlich zum echten Trend gemausert.
Latein war lange tonangebend und noch bis weit ins 19. Jahrhundert die internationale Verkehrssprache in Wissenschaft, Kirche und Politik. In Ungarn war es immerhin bis 1844 sogar Amtssprache. Heute wird ganz offiziell nur noch im Vatikan lateinisch geredet; die globale Lingua franca ist längst Englisch. Umso erstaunlicher, dass immer mehr Schüler der toten Sprache eine regelrechte Renaissance bescheren.
Mag es an der neuen Lust auf Bildung, an der Rückbesinnung auf tradierte Werte, am verstärkten Elitedenken liegen, fest steht: In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Gymnasiasten, die Latein erlernen, um ein Drittel gestiegen. So paukt inzwischen fast jeder dritte Oberschüler Vokabeln und Grammatik, um sich in Julius Caesars Feldzugerinnerungen „De bello Gallico“ einlesen zu können. Und all diese Qualen, wo man doch auf Lateinisch gemeinhin nicht einmal jemanden nach dem Weg fragen kann. Also: cui bono – wem nützt es?
Zum Beispiel den Studenten. Für viele Fachrichtungen ist das Latinum unabdingbare Voraussetzung. Außerdem ist es hilfreich für alle, die eine romanische Sprache lernen wollen, zum Beispiel Spanisch oder Französisch. Ganz nebenbei – die Schüler eines Augsburger Gymnasiums stellten entsprechende Untersuchungen an – ist es wie kaum ein anderes Bildungsgut dazu geeignet, sich bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“ in lukrative Gewinnbereiche zu katapultieren.
Radio auf Lateinisch
Und überhaupt: Latein ist cool, warum sonst sollte der wiedergewählte italienische Regierungschef Silvio Berlusconi, wie kürzlich in einem Interview, mit seinen formidablen Lateinkenntnissen („Ich könnte mit Caesar zu Mittag essen.“) prahlen? Und was steckt hinter den Nachrichten aus aller Welt, die der finnische Rundfunksender YLE einmal wöchentlich auf Latein durch den Äther schickt? Spinnen die Finnen? Bestimmt nicht. Bei allem Sinn fürs Skurrile gilt die skandinavische Nation doch als besonders innovativ und trendbewusst. Übrigens sendet seit vier Jahren auch Radio Vatikan Nachrichten auf Latein. Allerdings beziehen sich die Meldungen des Papstsenders nur auf aktuelle kirchliche Anlässe.
Damit nicht genug: Dass Musik mit lateinischen Texten nicht zwangsläufig bei „Carmina Burana“ oder gregorianischen Chorälen endet, beweist der finnische Literaturprofessor Jukka Ammondt. Unter seinem Künstlernamen Doctor Ammondt singt er seit mehr als zehn Jahren Elvis-Titel in lateinischer Übersetzung. „It’s Now Or Never“ wird bei ihm zu „Nunc hic aut numquam“ und „Don’t Be Cruel“ zu „Ne saevias“. Ganz neu ist das allerdings nicht: Bereits Mitte der 60er-Jahre haben Studenten Titel der Beatles lateinisiert.
Und auch bei uns tönt es mittlerweile römisch. So sendet etwa Radio Bremen einen lateinischen Nachrichten-Monatsrückblick, die „Nuntii Latini“. Das „Tor des Jahres“ der Sportschau wird dabei zum „ictus pedifollicus pulcherrimus“. Und die deutsche Hip-Hop-Band Ista demonstriert bereits seit mehr als 16 Jahren, dass Latein durchaus grooven kann. Der Name der Gruppe leitet sich von ihrem ersten Song her, der lateinischen Übersetzung des Hits „Die da?!?!“ von den Fantastischen Vier.
Und auch in die aktuelle Bücherwelt und damit in den Umgangston des 21. Jahrhunderts ist das Lateinische still und leise zurückgekehrt: Sieben Jahre lang übersetzten 14 Spezialisten für den Vatikan mehr als 15 000 Alltagswörter ins Lateinische – von Astronaut bis Zabaione. Dank dieses „Neuen Latein-Lexikons“ sind jetzt auch Ausdrücke wie „Covergirl“ („exterioris paginae puella“) und „Eierlikör“ („merum ovo infusum“) bei den Akademikern von heute angekommen.
Und Nikolaus Groß, im Hauptberuf Deutsch-Lektor in Seoul, stemmte gar Übersetzungen von Werken wie Patrick Süskinds „Das Parfum“ oder dem ersten Band der „Harry Potter“-Reihe („Harrius Potter et Philosophi Lapis“). Man sieht, die vermeintlich tote Sprache lebt wieder auf. Oder wie der Lateiner so treffend zu sagen weiß: Mors certa, hora incerta – der Tod ist sicher, nur die Stunde ist ungewiss.
Sabine Zemla
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