Romane
01.01.2008
Baggersee
Ich blicke aus meinem Fenster vom ersten Stock auf die Kreuzung vor meinem Haus. Ich habe eben aus den Nachrichten erfahren, dass dort – genau vor meinem Fenster und genau jetzt – eine Straßenschlacht stattfindet. Die Autonomen gegen die Bullen. Ich sehe da aber nichts. Nur Schnee und eine Frau an der Telefonzelle, die ihre Umkleidekabine noch an hat – eine von diesen Dingern aus Stoff, mit großen Blumenmustern in Braun oder Kotzgrün. So ein Stoffsack eben, der oben zugebunden wird, und durch den man sich am Baggersee vor fremden Blicken schützt. Ich frage mich, wer eigentlich vor was geschützt werden muss. Auf jeden Fall hat diese Frau ihre Kabine noch an und hämmert jetzt mit zusammengeballter Hand auf das Telefon ein. Diese Art von Frauen tragen auch Duschhauben in rosarot. Nicht nur zum Duschen. Auch beim Kochen, Putzen und Zeitunglesen. Vor welchen Blicken will sich die Frau verbergen? Sie kommt bestimmt nicht von irgendeinem See. Wir haben November, es liegt Schnee und noch dazu ist es mitten in der Nacht. Ich muss unweigerlich an die Mutter meines Schulfreundes Mike denken. Die hatte auch immer so ein Ding mit. Sie hat jedes Mal darauf bestanden, dass wir uns darunter umziehen. Und auch sonst hatte sie einen Hang zu den bieder-bürgerlichen Großmustern der Siebziger. Komischerweise rieche ich jetzt fettige Pommes mit Majo und höre träge Fliegen summen. Und ich sehe Maria in ihrem roten Badeanzug, ihren bleichen Körper, der von den Wellen rhythmisch an das schilfbewachsene Ufer geschlagen wird.
Draußen hämmert die Alte immer stärker auf das Telefon ein. Mittlerweile mit beiden Händen. Gleich fängt sie an zu schreien, da bin ich mir sicher. Die Griechin von gegenüber weiß das auch. Sie hat ihr Fenster bereits geschlossen und guckt unter schweren Liedern auf die Straße hinab. Gestern habe ich sie dabei beobachtet, wie sie sich oben ohne einen Kaffee gekocht hat. Danach stand sie noch eine Weile da, hat ihre Hände an der dampfenden Tasse gewärmt und einen Moment auf die Straße geguckt – genauso wie jetzt gerade. Sie braucht keine Umkleidekabine, sie hat nichts zu verbergen. Im Augenblick trägt sie einen dicken Rollkragenpulli und sieht sehr kuschelig aus. Ich starre die Griechin an und hoffe, dass sie für einen kurzen Augenblick die Augen von der Frau in der Telefonzelle abwendet, um zu mir herüberzublicken. Das tut sie allerdings nie. Die Alte unten hat aufgehört das Telefon zu schlagen. Bislang hat sie noch nicht angefangen zu schreien, aber das kann ja noch kommen. Vorne an der Ecke beim Kiosk biegt der Opa von unten in die Straße ein. Sein Köter zerrt ihn hinter sich her. Der Mann stolpert auf die Frau in der Umkleidekabine zu. Er spricht zu ihr. Sie blickt nur einen Moment auf und jetzt beginnt sie mit dem Schreien. Der Köter zieht seine Lefzen hoch und bellt die Frau an. Hinter mir höre ich einen Marienkäfer, der immer wieder gegen die Lampe fliegt, einer von denen, die nicht sterben wollen. Sein Summen und das leise Knacken der Flügel erinnern mich wieder an den Sommer. Ich bin zum Schwimmen lieber an den Baggersee gefahren. Ich war einmal in einem Freibad, aber da habe ich beobachtet, wie zwei alte Frauen sich gegenseitig ihre Ärsche eingecremt haben. Danach wollte ich dort nicht mehr hin. Am Baggersee waren nur wir Kinder. Manchmal kamen die Mütter mit, um auf uns aufzupassen. Aber die meiste Zeit waren wir frei. Ich konnte stundenlang auf dem Bauch im Gras liegen, die Augen ganz dicht an den Halmen, so dass sie aussahen wie ein undurchdringlicher Urwald. Mit Mike habe ich Wolkenraten gespielt und die warmen Strahlen der Sonne auf dem Bauch gespürt. Wir haben uns vorgestellt, dass es geheime Laserstrahlen sind und wir durch Aliens mit Superkräften aufgeladen werden. Mit den anderen Kindern haben wir Staudämme, Gräben und Burgen gebaut. Und auf dem Grund des Sees wohnte ein Ungeheuer mit hundert Armen und neun Augen. Es war ein unglaublicher Nervenkitzel, im trüben See zu schwimmen. Ich kann mich noch an unsere Wettkämpfe erinnern – Jungs gegen Mädchen. Und ich weiß noch genau, wie ich Maria in ihrem roten Badeanzug das Tauchen beigebracht habe. Zuerst mochte sie nicht, aber dann ist sie länger unter Wasser geblieben als alle anderen. Sie wollte das Monster sehen und ich habe ihr dabei geholfen.
Unten auf der Straße ist es mit einem Mal ruhig. Es hat wieder angefangen zu schneien. Die Frau in der Umkleidekabine hat sich auf dem Boden in der Telefonzelle zusammengekauert, den Kopf auf den Knien, die Griechin steht nicht mehr an ihrem Fenster und die Straßenschlacht hat noch nicht begonnen.
Silke Rath


