Sachbuch
Wer von Istanbul, der westlich geprägten Metropole am Bosporus und größten Stadt Europas, in den Osten der Türkei fährt, gelangt in eine andere Welt. Das strukturschwache Hinterland der Türkei entspricht über weite Strecken jenen Vorstellungen, die man sich bei uns aufgrund der Erfahrungen mit anatolischen Gastarbeitern gemacht hat.
Es ist gerade dieser Gegensatz zwischen Moderne und Tradition, der die Türkei von heute maßgeblich ausmacht. Wie sich dieser Zwiespalt im alltäglichen Leben äußert, das zeigen ausführlich und anschaulich die beiden Landesporträts von Jürgen Gottschlich und Annette Großbongardt. Der Autor Gerhard Schweizer konstatiert in seinem Türkei-Band gar eine „Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus“. Wer verstehen will, wie sich diese im Lauf der Jahrzehnte zugespitzt hat, kommt an jenem Mann nicht vorbei, dessen Ehrenname „Atatürk“ ihn zum Vater aller Türken erklärt.
Klaus Kreiser schildert in seiner Biografie, wie der 1881 im damaligen osmanischen Saloniki geborene, zunächst Mustafa genannte Staatsgründer an der militärischen Vorbereitungsschule den Beinamen „Kemal“ („Vollkommenheit“) und 1916 als General den Titel „Pascha“ erwarb. Mustafa Kemal hatte früh erfahren, dass sich das Osmanische Reich vom einstigen Angstgegner des christlichen Europas zum „kranken Mann am Bosporus“ zurückentwickelt hatte. Dieser Patient drohte unter europäischem Druck, aber auch bedrängt von armenischen und kurdischen Nationalisten zu zerbrechen.
Radikaler Reformer
Nach dem Ersten Weltkrieg gelang es Kemal Pascha, die endgültige Zerschlagung seines Landes durch Bündelung aller Kräfte zu verhindern. Nach der Ausrufung der Republik 1923 verordnete er der Türkei radikale Reformen nach dem Erfolgsmodell europäischer Nationalstaaten. Fundament der nach seinem Schöpfer als Kemalismus bezeichneten Staatsdoktrin wurde der Laizismus, die strikte Verbannung der Religion aus Politik und Öffentlichkeit. Das Arabische und seine Schriftzeichen, die Sprache des Korans, wurden durch das mit lateinischen Buchstaben geschriebene Türkisch ersetzt. Koranschulen, arabische Gebetsrufe, Kopftücher oder der Fes wurden verboten.
Auf diese Weise entstand ein fortschrittlicher Staat, der etwa in puncto Frauenrechte manchem westlichen Land voraus war. Nach 1933 galt Atatürks Türkei als Zufluchtsort für Verfolgte des Nazi-Regimes. Aus dem Zweiten Weltkrieg wusste sich die Türkei nach dem Tod ihres Gründervaters im Jahr 1938 ebenso herauszuhalten wie aus der sowjetischen Einflusssphäre.
Und doch blieb die Türkei eine „gelenkte Demokratie“, deren kemalistisches Militär seit 1960 wiederholt gegen missliebige Regierungen putschte und immer wieder gewaltsam gegen aufständische Kurden vorging. Erst vor Kurzem schien die mit fast 47 Prozent gewählte Regierungspartei AKP vor einem Verbot zu stehen, weil man ihr vorwarf, das Land zu islamisieren.
Der Grund für diese Widersprüche und brisanten Gegensätze liegt darin, dass Kemal Pascha den türkischen Nationalismus gegen den Islam ins Feld geführt hatte, obwohl das Kernland des einstigen Osmanischen Reichs ethnisch wie religiös alles andere als einheitlich gewesen war. Kompakt und kompetent beschreibt Reclams „Kleine Geschichte der Türkei“, wie einst islamisierte, nomadische Turkvölker aus Zentralasien westwärts zogen, wo ihre Nachfahren unter Osman I. im 14. Jahrhundert die Grundlagen eines Weltreichs legten. Aus dem einst christlichen Byzanz wurde Konstantinopel und endlich Istanbul, und obwohl die Türken die stärkste Volksgruppe bildeten, stellten christliche Griechen und Armenier ebenso wie Juden nicht nur am Bosporus große Teile der Bevölkerung.
Atatürks Nationalisierung der Türkei übte dann einen starken Anpassungsdruck auch auf die kurdische Minderheit aus. Und die zunehmende Abwanderung von Christen führte dazu, dass die Türkei zwar offiziell laizistisch war, aber der Anteil von konservativen Muslimen besonders in den großen Städten ständig wuchs.
Landflucht mit Folgen
Die Modernisierung der Landwirtschaft und Militäraktionen gegen Kurden im Hinterland trieben Millionen von Türken in die Metropolen. Die dort lebenden westlich orientierten Eliten sahen sich mit einer wachsenden Zahl von Mitbürgern konfrontiert, deren Wertvorstellungen noch von alten Familienbildern und islamischen Grundsätzen bestimmt waren.
So lange diese Türken noch zu wenig von den Segnungen einer westlich geprägten Gesellschaft profitieren, bilden sie das Wählerpotenzial für islamisch orientierte Politiker wie einen Recep Tayyip Erdoğan, der seine Popularität nicht zuletzt auch seinem erfolgreichen Wirken als Oberbürgermeister Istanbuls verdankt, wie Gerhard Schweizer in seinem Buch zeigt.
Die Türkei hat aber auch sehr kritische Intellektuelle hervorgebracht. Für seinen Band „Türkei wohin?“ interviewt Halil Gülbeyaz einige der schillerndsten Vertreter. Unter ihnen der Schriftsteller Feridun Zaimoglu und der Filmregisseur Fatih Akin, die in Deutschland heimisch und erfolgreich sind. Und Erfolg ist in der von inneren Spannungen strapazierten Türkei immer noch das beste Argument für eine Orientierung am Westen.
Ulrich Baron
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Jürgen Gottschlich Türkei Christoph Links - 16,90 € (D) / 17,40 € (A) / 31,00 sFr Format: 200 S. ISBN: 978-3-86153-489-1 Bestellen |
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Annette Großbongardt Istanbul Blues Rowohlt Berlin - 17,90 € (D) / 18,40 € (A) / 32,20 sFr Format: 224 S. ISBN: 978-3-87134-617-0 Bestellen |
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Halil Gülbeyaz Türkei wohin? Parthas - 19,80 € (D) / 20,40 € (A) / 38,20 sFr Format: 200 S. ISBN: 978-3-86601-296-7 Bestellen |
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Klaus Kreiser Atatürk C. H. Beck - 24,90 € (D) / 25,60 € (A) / 43,70 sFr Format: 334 S. ISBN: 978-3-406-57671-3 Bestellen |
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Klaus Kreiser / Christoph K. Neumann Kleine Geschichte der Türkei Reclam - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 35,90 sFr Format: 334 S. ISBN: 978-3-15-010678-5 Bestellen |
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Gerhard Schweizer Die Türkei Klett-Cotta - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 38,40 sFr Format: 320 S. ISBN: 978-3-608-94112-8 Bestellen |
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