Ratgeber
Charmant, aber bestimmt. Eloquent, aber bodenständig. Zart gebaut und hartgesotten. Die Österreicherin Sarah Wiener ist eine spannende Melange aus Profi und ein klein bisserl Diva. Dabei richtig gut in dem, was sie tut. Und das ist eine ganze Menge: erfolgreiche Unternehmerin, Spitzenköchin, Botschafterin der gescheiten Ernährung, Lichtblick an Lafers, Lichters, Schuhbecks Seite.
Aber: Wiener war schon eine Marke, hatte eine eigene Firma mit mehr als 100 Angestellten, bevor sie anfing, bei Kerner zu kochen, und damit zum TV-Star wurde. Wenn die sportliche Mittvierzigerin gut gelaunt am Fernsehherd wirbelt, um ihre nie magersüchtigen Nockerln, Buchteln, Hax’n oder Lammcarrés zu kreieren, ist das daher weniger Selbstdarstellung als bei vielen ihrer Kochkollegen. Man spürt, sie hat Freude daran, den Menschen etwas mitzugeben, das über die richtige Technik beim Zwiebelschneiden hinausgeht und mit Lust an gesunder und authentischer Ernährung zu tun hat.
Trotzdem, sagt sie, „tanzt“ sie gern mit in der Garde der Medienköche. Weil es ihr zum einen Spaß macht, zum anderen eine Plattform für ihr Anliegen bietet. Die Leute hören Statements nun mal lieber von Menschen, die sie aus dem Fernsehen kennen. Insofern ist die Bildschirmpräsenz der Sarah Wiener, die im ZDF bei Kerner und neuerdings bei Markus Lanz kocht und auf Arte ihre eigenen „Kulinarischen Abenteuer“ erlebt, das Sahnehäubchen auf einer Karriere, die vor gut 20 Jahren in Berlin begann: Sarah war 24, hatte einen Sohn und arbeitete als Küchenhilfe im Restaurant „Exil“, das ihr Vater, der Schriftsteller Oswald Wiener, betrieb.
Österreichs berüchtigter Intellektueller hatte sich von Frau und Kindern getrennt, als Sarah ein Jahr alt war. Ihre Mutter, die Künstlerin Lore Heuermann, war damals auch gerade keine konventionelle Glucke. Sarah ist somit das Ergebnis einer konsequent antiautoritären Erziehung: Schule geschmissen, mit 17 durch Europa getrampt, mit Gelegenheitsjobs – Schafe hüten, Orangen pflücken – durchgeschlagen. Viel ausprobiert, viel erlebt, viel kapiert.
Schließlich die Wiedervereinigung mit Vater „Ossi“, in dessen Kreuzberger Küche sie ihr Handwerk lernte. Was dann geschah – der erste Kochjob in einer Werbeagentur, der ausrangierte NVA-Küchenwagen, mit dem sie 1990 ins Catering-Geschäft einstieg und Stars wie Kate Moss bekochte, das erste, zweite, dritte Restaurant in Berlin –, kann man jetzt nachlesen. Sarah Wieners Leben ist ein offenes Buch mit dem vielversprechenden Titel „Sarah packt für Christo eine Liwanze ein“. Geschichten aus der Küche, hingeplauderte Anekdoten und Erinnerungen, dazwischen immer wieder Rezepte. Das unterhält und macht Appetit.
Überhaupt bringt sich die Starköchin sehr in ihre Werke ein. Das ist bei „Frau am Herd“ nicht anders. Neben kreativen Kochideen bietet das Buch zu ihrer Fernsehserie „Kulinarische Abenteuer“ viel Wiener – im knappen Hemdchen oder mit adrettem Kopftuch. „Die Sendung ist auch ein subversiver Erziehungsversuch zur Offenheit“, gesteht sie. Für Menschen, die nicht neugierig auf neue Erfahrungen sind, hat sie nämlich kein Verständnis.
Zuletzt ist sie wochenlang über Frankreichs Dörfer gezogen, hat geschaut, gelernt, probiert, was und wie dort gekocht wird. Dass sie dabei auch mal ein Huhn schlachten musste, hat Tierschützer auf die Barrikaden gebracht. Auch dafür hat sie kein Verständnis: „Wer Tiere essen will, muss sich auch der Tatsache aussetzen, dass man sie dafür töten muss.“ Besagtes Huhn, versichert sie, musste nicht leiden: „Es ist ganz sanft in meinen Armen gestorben.“
Wieners Kochprogramm hat eherne Grundpfeiler: beste Zutaten, artgerechte Zucht, keine Gentechnik, keine Fertigprodukte. Wer ihre Rezepte gewissenhaft nachkocht, darf nicht zu den kleinen Helfern aus dem Supermarktregal greifen. Selbst bei den einfacheren Gerichten ist jede Zutat selbst gemacht, von der Mayonnaise bis zur Kokosmilch. „Ich esse nichts, was vier Jahre haltbar ist!“
Und bitte keine Diät, es sei denn, jemand ist krank. „Das mit ,nur Fleisch‘ oder ‚nur Kohlenhydrate‘ halte ich für Blödsinn. Man soll das alles nicht so überhöhen. Das ist für viele inzwischen wirklich Religionsersatz, da werden ganze Philosophien drum herum gestrickt.“
Auch auf elitären Gourmet-Sternenzauber kann sie verzichten. Sie geht das Kochen lieber praktisch an – und mit einem Schuss gesellschaftspolitischer Würze: „Ich lege keinen Wert darauf, die Originellste oder Schickste zu sein, ich will eine demokratische Küche mit biologischen, regionalen, saisonalen Produkten.“
Gut essen von klein auf
Zwar habe jeder das Recht, Mist zu essen, aber dann solle er auch wissen, dass das Mist ist. „Viele können doch schon gar nicht mehr richtig schmecken, bei all den Geschmacksverstärkern, mit denen die Industrie uns manipuliert. Wir haben zig Sorten Erdbeerjoghurt, aber bei allen werden die Aromastoffe aus Sägemehl gemacht. Das schmeckt viel zu stark. Eine richtige Erdbeere wirkt dann fad dagegen. Und die einfachsten Kochtechniken beherrschen viele auch nicht mehr.“
Die Kinder, betont sie, seien die Leidtragenden dieser Entwicklung. „Manche erkennen nicht mal den Unterschied zwischen Apfel und Birne“, sagt sie. Und tut viel, damit das nicht so bleibt. Seit gut einem Jahr gibt es die „Sarah Wiener Stiftung – Für gesunde Kinder und was
Vernünftiges zu essen“. Die Initiative bietet bundesweit kostenlose Kochkurse, Frühstücksrunden und Warenkunde in Schulen und Kindergärten an.
Die Kleinen lernen, Kräutergärten anzulegen, Gemüse zu putzen und leckere Gerichte aus natürlichen Zutaten zuzubereiten – die sie dann stolz verzehren. Und dabei ganz spielerisch mitkriegen, dass frische Bratkartoffeln nicht mal entfernt an Chips aus der Tüte erinnern. Und dass ein Apfel tatsächlich anders schmeckt als eine Birne.
Und wie hält es die „Frau am Herd“ mit dem Feminismus? Von verschiedener Seite ist ihr vorgehalten worden, der Titel ihres neuen Buches sei eine Aufforderung, die Frau in die überholte Heimchen-Rolle zurückzubeordern. Die Selfmadefrau Wiener ärgert so etwas mächtig: „Natürlich bin ich Feministin. Aber was hat das damit zu tun? In dem Buch geht’s um mich, also bin ich die Frau am Herd. Wäre das Buch von einem Mann, hieße es halt ,Mann am Herd‘.“
Würde sie sich gern einmal von jemandem bekochen lassen, egal ob Mann oder Frau? „Schon, aber von wem denn?“, fragt sie, was kein bisschen arrogant klingt, sondern vernünftig. Sie kann’s nun mal am besten. Das neue Buch hat sie übrigens ihrem frisch angetrauten Ehemann gewidmet, dem Schauspieler Peter Lohmeyer, „für den ich am liebsten koche“. Zum Ausgleich kümmert der sich um die Wäsche. „Und wenn ich überhaupt keine Lust habe zu kochen, dann koche ich eben nicht“, sagt sie. „Dann gibt’s Brote. Das ist auch gesund.“
Ira Panic
| Titel | |
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Sarah Wiener Frau am Herd Knaur - 24,95 € (D) / 25,70 € (A) / 44,90 sFR Format: 304 S. ISBN: 978-3426648285 Bestellen |
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Sarah Wiener Sarah packt für Christo eine Liwanze ein Berliner Taschenbuch Verlag - 9,90 € (D) / 10,20 € (A) / 18.90 sFr Format: 200 S., mit sw-Fotos ISBN: 978-3833305900 Bestellen |
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Sarah Wiener Meine kulinarische Reise durch Frankreich. Eichborn - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 35,90 sFr. Format: 160 S. ISBN: 978-3821873152 Bestellen |
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