Sachbuch

Der Sound der Rebellen

26.11.2008

Der Sound der Rebellen

Madonna – Scheidung, Robbie Williams – Entzug. Na und?
Die wahren Legenden spielen im Rock-’n’-Roll-Himmel.

Schlagworte:

Ich dachte, ich wäre der heißeste Gitarrist der Szene. Ich ging die Straße rüber und sah ihn mir an. Ich holte danach nicht mal mehr meine Gitarre raus. Wasserstoffbomben explodierten, Raketen flogen durch die Luft – ich kann den Sound gar nicht beschreiben, den er aus seinem Instrument holte.“ So klagte der Musiker Mike Bloomfield von der Butterfield Blues Band, nachdem er zum ersten Mal Jimi Hendrix gehört hatte.

Klaus Theweleit und Rainer Höltschl versuchen, dem Geheimnis dieser Intensität auf die Spur zu kommen. Auf dem Festival in Monterey im Mai 1967 zündet Hendrix zum ersten Mal auf offener Bühne seine Gitarre an. Jimi, in London gefeiert, in den USA fast unbekannt, gibt in seiner letzten Nummer „Wild Thing“ alles: „Jimi auf den Knien, mit Gitarre Rolle rückwärts, Sex mit der Gitarre vor den Verstärkern und auf ihr reitend, bevor sie im Feuer geopfert wird, zertrümmert und verteilt als schwer verdauliche Gabe an die Mitglieder der gerade entstehenden Electric Music Church.“

Als er von der Bühne steigt, ist er, wie die „Los Angeles Times“ schreibt, „vom Gerücht zur Legende aufgestiegen“. Aber das Feuer, das Hendrix in die Menge getragen hat, verbrennt ihn selbst. Das Publikum will immer die gleiche Ekstase. Die Band bricht auseinander, der Drogenkonsum nimmt zu. Seine Frauenbeziehungen zu Groupies einerseits und „festen Freundinnen“ andererseits verschlingen sich ineinander und verschlingen ihn. Eine Mischung aus Alkohol und Drogen kickt ihn im September 1970 aus diesem Leben. Er ist gerade mal 27 Jahre alt.

1967, im gleichen Jahr, als Hendrix seine Gitarre in Brand steckte, macht eine Band mit dem Song „Light My Fire“ Furore: The Doors mit ihrem charismatischen Frontman Jim Morrison. Morrison ist Verehrer der französischen Dichter Rimbaud und Baudelaire, sieht aus wie ein griechischer Gott und gibt einen hervorragenden Ödipus ab. Den Song „The End“ singt Morrison live mit der Textzeile „Father, I want to kill you, mother, I want to fuck you.“

Der Skandal ist perfekt. Der Club, in dem die Band spielt, untersagt weitere Auftritte, Radiostationen machen die Liedzeile unkenntlich. Morrisons Konzerte enden in Tumulten: Er beleidigt nicht nur die Autoritäten, sondern auch seine Fans. 1971 flüchtet er vor dem Medienrummel nach Paris.
Die legendenumwobenen letzten Tage seines Lebens dort hat Philip Steele zu einem packenden Roman verarbeitet. Steele ist Morrison im April ’71 begegnet. Er fand einen einsamen, ausgebrannten Künstler vor, der sich verzweifelt – und vergeblich – um seine Muse Pamela Courson bemühte. Die Hörfassung liest Ben Becker, jemand, der weiß, was es heißt, dem Abgrund nahezukommen. Morrison stirbt im Juli 1971, mit 27, also im gleichen Alter wie Jimi -Hendrix. Offiziell an Herzversagen.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Zukunft des rebellischen Rock ’n’ Roll vier Jahre alt. Kurt Cobain bereitet sich schon früh auf eine Karriere als todgeweihter Rebell vor. In der siebten Klasse verkündet er: „Ich will reich und berühmt werden und mich umbringen wie Hendrix.“ Der Jüngling behauptet, sein Onkel hätte sich aus „Trauer über den Tod von Jim Morrison“ umgebracht. Mit 15 dreht er ein parodistisches Video mit dem Titel: „Kurt begeht blutigen Selbstmord.“

Dies tut Kurt tatsächlich, aber erst nachdem er die langweilige Popszene Anfang der 90er-Jahre auf den Kopf gestellt hat mit „Smells Like Teen Spirit“. Charles Cross’ Buch „Kurt Cobain Intim“ holt den Antihelden mit ganzseitigen Familienfotos und handgeschriebenen Faksimiles vom Podest und in die Wirklichkeit zurück. Cobains Sehnsüchte und Obsessionen werden in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit sichtbar. 1994 stirbt Cobain durch eine Überdosis Heroin und eine Kugel, die er sich in den Kopf schießt. Wie seine Vorbilder ist er 27.

Auf einem der Fotos in dem Buch von Cross sieht man den kleinen Cobain vor einem Beatles-Poster. Der letzte Rebell dieser Reihe, Beatles-Oberhaupt John Lennon, scheint nicht so recht hierher zu gehören. Philip Norman hat der Pop-Ikone mit Nickelbrille eine gebührend ausführliche Biografie gewidmet.
Lennon überwand die Trennung der Beatles und seine selbstzerstörerischen Tendenzen. Auf seinen letzten Alben klingt er entspannter als je in seinem -Leben. Aber am 8. Dezember 1980 erschießt ein geistig verwirrter Mann, der sich wenige Stunden zuvor noch ein Lennon-Autogramm geholt hatte, den 40-Jährigen.

Theweleit und Höltschl sehen in den berühmten Toten des Pop die rituellen Opfer gesellschaftlicher Veränderungen: „Naiv zu glauben, die Revolution des ,Make love, not war‘ wäre umsonst zu haben gewesen. Wir brauchen uns nicht einzubilden, dass christliche Gesellschaften je aufgehört hätten mit dem Kreuzigen. So einer am Holz begleitet all ihre ,Umbrüche‘. Und tut er’s nicht freiwillig, wird nachgeholfen mit einem Schießeisen wie im Fall John Lennons.“
Rock?’n’?Roll never dies. Die Rock?’n’?Roller schon.

Ullrich Beringer

Titel
Klaus Theweleit / Rainer Höltschl
Jimi Hendrix. Eine Biographie
Rowohlt Berlin - 17,90 € (D) / 18,40 € (A) / 32,20 sFr
Format: 256 S.
ISBN: 978-3871346149
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Philip Steele
City of Light. Die letzten Tage von Jim Morrison
Deutsche Grammophon - 29,99 € (D) / 29,99 € (A) / 53,90 sFr
Format: 3 CDs
ISBN: 978-3829121217
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Charles Cross
Kurt Cobain Intim
Hannibal - 29,90 € (D) / 30,74 € (A) / 49,90?sFr
Format: 160 S.
ISBN: 978-3854452935
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Philip Norman
John Lennon
Droemer - 29,95 € (D) / 30,80 € (A) / 51,– sFr
Format: 1024 S.
ISBN: 978-3426273524
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