Sachbuch

Mensch, bist du affig

19.12.2008

Mensch, bist du affig

Charles Darwin entdeckte den Grund, warum sich manche Arten gleichen. Der Evolutionstheoretiker wurde vor 200 Jahren geboren.

Schlagworte:

Ist vom britischen Naturforscher Charles Darwin die Rede, sind Superlative unvermeidbar. Er habe „unsere intellektuelle Weltsicht stärker verändert als jeder andere Wissenschaftler“, rühmt etwa der renommierte Wissenschaftsautor und Evolutionsforscher Stephen Jay Gould im -Vorwort zum Band mit Darwin-Briefen, der den Titel „Nichts ist beständiger als der Wandel“ trägt.

Nicht ohne Grund kommt Gould zu einem solchen Urteil. Schließlich ist es Darwin gewesen, der den Menschen eine neue Stellung innerhalb des großen Ganzen zugeteilt hat: Von der Krone der göttlichen Schöpfung ist er zum Produkt einer von natürlichen Gesetzen, aber auch vom Zufall bestimmten Evolution geworden.
Für 2009 steht uns nun gleich ein doppeltes Darwin-Jahr ins Haus. Sein Geburtstag jährt sich (am 12. Februar) zum 200., die Veröffentlichung seines Hauptwerks „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ (am 22. November) zum 150. Mal. Für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft ist das Anlass, die deutsche Erstausgabe des revolutionären Buches kundig kommentiert nachzudrucken.

Heute wissen wir mehr als der Vater der Evolutionstheorie. In manchen Punkten hat man Darwin korrigiert oder zumindest präzisiert. Ernst Peter Fischer stellt den aktuellen Forschungsstand in seinem reich illustrierten „großen Buch der Evolution“ allgemeinverständlich dar. Nicht zuletzt zeigt er, wie Darwin immer wieder falsch verstanden und missbraucht worden ist.

So hätte man aus seinen Formeln vom „Kampf ums Dasein“ – „struggle for existence“ und „survival of the fittest“ – geschlossen, das Leben sei ein ewiger Widerstreit aller gegen alle, in dem nur die Stärksten überleben. Das jedoch ist ein Missverständnis, das Fischer von Darwin selbst korrigieren lässt: „Mit Recht kann man sagen, dass zwei hundeartige Raubtiere in Zeiten des Mangels um Nahrung und Dasein kämpfen; aber man kann auch sagen, eine Pflanze kämpfe am Rande der Wüste ums Dasein, obwohl man das ebenso gut ausdrücken könnte: Sie hängt von der Feuchtigkeit ab.

Es lohnt sich also, auf Darwins Texte zurückzugreifen, zumal er in Briefen und Büchern einige der schönsten naturkundlichen Reisebeschreibungen hinterlassen hat. Gerade davon profitieren auch Volker -Mosbruggers Textauswahl „Darwin für Kinder und Erwachsene“ und Jürgen Neffes Darwin-Buch „Das Abenteuer des Lebens“. In Letzterem zeichnet der Autor nach, wie Darwin von 1831 bis 1836 auf einer Weltumseglung die Grundlagen für seine bahnbrechende Theorie entdeckte.

Schon zuvor hatte er etwas anderes entdeckt: eine besondere Form der Langsamkeit. „Man hat mir gesagt“, so heißt es in seiner Lebensbeschreibung, „dass ich im Lernen viel langsamer gewesen sei als meine Schwester Catherine.“ Zum Glück entstammte der am 12. Februar 1809 im eng-lischen Shrewsbury geborene Charles Robert einer wohlhabenden, liberalen Familie, denn auch als Student der Medizin und Theologie stellte er die Geduld seines Vaters auf die Probe. Doch sein langsames und scheinbar zielloses Lernen hing wohl damit zusammen, dass er sich gerne seine eigenen Gedanken machte.
Das fiel auch den Professoren auf, und so ermunterte der Botaniker John Stevens Henslow Darwin, auf dem Vermessungsschiff „Beagle“, das 1831 zu einer mehrjäh-rigen For-schungs-reise in See stach, anzuheuern. In den folgenden Jahren sollte Darwin die Magellanstraße durchsegeln, die Pampas und Berge Südamerikas durchstreifen, Vulkane und Koralleninseln erkunden. Dabei trug er so viele präparierte Tiere und Pflanzen zusammen, dass etliche Forscher zu Hause auf Jahre hinaus mit deren Bestimmung beschäftigt waren.

Des Lebens ganze Fülle vor Augen, fiel Darwin auf, dass dessen -Arten auf ganz eigenartige Weise verteilt waren. Auf den Galapagos-Inseln, weit vor der Küste Lateinamerikas, schoss er etliche Finken, die sich untereinander und von ihren Verwandten auf dem Festland so weit unterschieden, dass man sie später als eigenständige Arten bestimmte.
Darwins revolutionärer Gedanke war, dass eine solche Vielfalt nicht das Ergebnis einer einmaligen Schöpfung sein konnte, sondern dass sich Arten durch etwas, was er als „natürliche Zuchtwahl“ bezeichnete, an ihre Umwelt anpassten.

Ihm war klar, dass er damit nicht nur die Fachwelt, sondern auch die Kirchen schockieren würde. Immerhin galt die -biblische Schöpfungsgeschichte noch als maßgeblich. So zögerte Darwin die Veröffentlichung seiner bereits 1844 skizzierten Theorie bis ins Jahr 1859 hinaus, sammelte bis dahin Fakten und Bundesgenossen. Amüsiert schildert Gould im eingangs schon erwähnten Vorwort zur Briefauswahl, wie der Forscher seine Kollegen mit Fragen und Hilfsersuchen löcherte und dies als Freundschaftsbeweis ausgab.

Mögen sie angesichts solcher Aufdringlichkeit anfangs vielleicht noch verstimmt reagiert haben, so werden die meisten der Briefempfänger doch stolz gewesen sein, an Darwins Forschungen mitgearbeitet zu haben. Das Abenteuer des Lesens gibt uns noch heute die Möglichkeit, daran teilzunehmen.

Ulrich Baron

Titel
Jürgen Neffe
Darwin. Das Abenteuer des Lebens
C. Bertelsmann - 22,95 € (D) / 23,60 € / 39,90 sFr.
Format: 528 S.
ISBN: 978-3570010914
Bestellen
Volker Mosbrugger
Darwin für Kinder und Erwachsene
Insel - 14,80 € (D) / 15,30 € (A) / 26,40 sFr.
Format: 115 S.
ISBN: 978-3458174127
Bestellen
Ernst Peter Fischer
Das große Buch der Evolution
Fackelträger - 39.95 € (D) / 41,10 € (A) / 67 sFr.
Format: 416 S.
ISBN: 978-3771643737
Bestellen
Charles Darwin
Über die Entstehung der Arten
Wissenschaftliche Buchgesellschaft - 49,90 € (D) / 51,30 € (A) / 84 sFr
Format: 520 S.
ISBN: 978-3534219476
Bestellen

Kommentar schreiben

Wir bitten um sachliche Kommentare zum Thema.

Ihr Kommentar

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

Anzeige