Krimi
"Beurteile kein Buch nach seinem Umschlag“, heißt es sinnig in der "Rocky Horror Picture Show“. Machen wir auch nicht. Wir beurteilen den Umschlag nach seinem Buch. Und da sticht etwas ins Auge: Auffallend viele aktuelle Krimis kommen, was ihr äußeres Erscheinungsbild anbelangt, mit nur drei Farbtönen aus: Schwarz, Weiß, Rot. Was uns die Grafiker der Verlage damit signalisieren, scheint klar: Hübsch geordnet ist unsere schwarz-weiße Welt. Bis das Verbrechen alles durcheinanderbringt und sich Bahn bricht. Eine zumeist blutig rote Bahn.
Hauptkommissar Harry Hole aus Jo Nesbøs Roman "Schneemann“ kennt sich damit bestens aus. Besser als ihm oft sogar lieb ist. Er zählt zum klassischen Typ des modernen Ermittlers à la Kurt Wallander: mittleres Alter, private Probleme. In Holes Fall heißt das: Alkohol und eine gescheiterte Beziehung. Von seiner Arbeit ist er besessen – und abgestoßen zugleich. Wenn er versucht, "einen Sinn darin zu finden, Leute einzusperren, die sich schon längst selbst eingesperrt hatten“, spiegeln seine Zweifel unsere Gesellschaft.
In „Schneemann“ kommt Hole einem Serienmörder auf die Spur, der es auf junge Mütter abgesehen hat und sie bestialisch seziert. Sein Erkennungszeichen: ein Schneemann. Auf dem Cover ist nun glücklicherweise kein Schneemann zu sehen. Das ließe der eigenen Fantasie kaum Raum. Denn wenn man Nesbø gelesen hat, wird einem erst klar, wie alptraumhaft Schneemänner aussehen können. Mit dem eisigen Grinsen und kalten Steinaugen. Und manchmal tragen sie auch als Kopf das abgeschnittene Haupt eines Opfers. Das Cover zeigt stattdessen einen Stiefelabdruck. Der wiederum ist ein gutes Symbol: ein Gänsehaut erzeugendes Element, wie der Killer mit Hole spielt, wie nahe er ihm kommt – und vor allem seiner Ex-Freundin. Eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, ist Nesbøs Stärke. Und der erfolgreichste Autor Norwegens spinnt mit bekannten Figuren aus den anderen Hole-Romanen deren Geschichten fort und schafft genügend neue außergewöhnliche Charaktere, die einen im Unklaren lassen, wer denn nun der Täter ist.
Nah herankommen ist auch ein passendes Stichwort für "Die Katze“. In Krimis ist meist derjenige der Täter, der dem Helden am nächsten ist. Soll es spannend bleiben, müssen ihm also viele auf die Pelle rücken. Körperlich, psychisch. Was die Amerikanerin Joy Fielding virtuos demonstriert.
Ihre Heldin zieht potenzielle Psychopathen förmlich an – und ist selbst nicht gerade die Unproblematischste. Charley Webb heißt sie, ist Anfang 30. Die spitzzüngige Journalistin schlachtet alles für ihre Kolumne aus: von der Intimsphäre ihrer Nachbarn bis zur eigenen Familiengeschichte. Wirklich sympathisch ist sie keinem, anfangs nicht einmal dem Leser. Webb erhält das Angebot, exklusiv über Jill Rohmer schreiben zu dürfen – eine junge Frau, die drei Kinder zu Tode gequält hat. Als sie die zierliche Jill im Gefängnis trifft, erliegt sie nach und nach dem morbiden Charme der Mörderin.
Zum Thriller wird Fieldings psychologischer Roman relativ spät. Dafür nimmt sie sich Zeit, ihre Heldin zu entwickeln. Die hadert mit der eigenen Mutter, die sie und ihre drei Geschwister früh verlassen hat, leidet unter dem kalten Vater, hat gestörte Beziehungen zu ihren Geschwistern. In der eigenen Geschichte findet Webb Parallelen zum Leben Jills. Natürlich nicht direkt, denn diese wurde während ihrer Jugend vom Vater und Bruder missbraucht, während die Mutter wegsah. Aber den Zerfall einer Familie miterlebt zu haben, das haben die Karrierefrau und die kaltblütige Mörderin gemeinsam. Was Webb zu der für sie schicksalshaften Frage führt: Sind wir Produkte unserer Kindheit? Oder haben wir eine Chance: Sind wir, was wir tun? Dazu passt dann die gefesselte Vogelschwinge auf dem Cover. Zu zerstörten Kinderseelen.
Zu einem Roman wie „Trojaner“ hingegen passt – dazu bekennt sich das Cover ganz plakativ – eine Tastatur. Denn ein Trojaner ist ein Computerprogramm, das dazu dient, jemanden auszuspionieren – um ihn zu kontrollieren. Ins Visier eines Menschen, der selbst so etwas wie ein fleischgewordenes Virus ist, gerät der englische Geschäftsmann Ed Lister. Seine 19-jährige Tochter ist ermordet worden, und nachdem die Polizei erfolglos war, will er den Täter nun selbst ausfindig machen. Als er ihm auf die Spur kommt, muss Lister feststellen, dass der Mord nur ein erster Schritt war, um ihn zu vernichten. Computer und Internet spielen eine große Rolle, doch „Trojaner“ ist kein Roman ausschließlich für Computerfreaks. Wenn der Schotte Charles Maclean technische Finessen wie ein virtuelles Horrorhaus beschreibt, in das der Wahnsinnige seine Gegenspieler einlädt, dann geht das jedem unter die Haut.
"Unter die Haut“ kann man beim Texaner Cody Mcfadyen wörtlich nehmen. In „Das Böse in uns“ sind den weiblichen Leichen Kruzifixe implantiert worden. Durchnummerierte Kreuze eines Serienmörders. Die letzte Zahl zeigt 143 an – und im Netz kündigt er weitere Morde an. Dass Mcfadyen nichts Unmenschliches fremd ist, zeigt sich auch im dritten Krimi um die FBI-Agentin Smoky Barrett, die Mann und Kind durch einen Psychopathen verloren hat, der ihr zudem das Gesicht mit einem Messer verstümmelte: „Manchmal sind nur die schlimmsten Dinge wahr“, heißt es. Und von solch namenloser Verzweiflung kündet auch das unheimliche Silhouetten-Cover: Schwarz – weiß – tot.
Ronald Dietrich
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Jo Nesbø Der Schneemann Ullstein Buchverlage - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 35,90 sFr (UVB) Format: 512 Seiten ISBN: 978-3-550-08757-8 Bestellen |
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Cody McFadyen Das Böse in uns Lübbe - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 35,90 sFr. Format: 448 S. ISBN: 978-3785723395 Bestellen |
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Joy Fielding Die Katze Goldmann - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 34,90 sFr. Format: 480 S. ISBN: 978-3442311545 Bestellen |
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Charles Maclean Trojaner DuMont - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 35,90 sFr Format: 512 S. ISBN: 978-3832180652 Bestellen |
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