Hörbuch

Lausch-Klassiker

22.12.2008

Lausch-Klassiker

Auf CD verlieren oft ungeliebte Schullektüre-Autoren Staub und Pathos. Und beweisen, wie viel Aktuelles in ihren Werken steckt.

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Es gibt Leseerlebnisse, die wollen einem nicht mehr aus dem Kopf. Und haben schon deshalb das Prädikat „Klassiker“ verdient. Georg Büchners „Lenz“ ist so einer. Wenn der Gang durchs Gebirge für den wahnsinnig werdenden Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz „eine Lust ist, die ihm wehe tat“, empfinden wir, die wir ihn begleiten, ganz genauso.

Nun gibt es ein Hörbuch, das klingt lange nach und lässt uns dieses kleine, aber umso gewaltigere Werk aufs Neue entdecken. Wenn der Anspruch an ein Hörbuch der ist, Sprache und Empfinden in einen vollendeten Einklang zu bringen, so ist dies hier auf höchstem Niveau gelungen. Wohl nie wurde die Stille so beklemmend intoniert. Die verstörende Getriebenheit, die beängstigende Rastlosigkeit von Lenz, sein Bezug zur Welt, der stets aufs Neue in eine Qual mündet, werden von Sprecher Philipp Hochmair großartig zum Ausdruck gebracht. Wir als Hörer kommen da gar nicht umhin, unsere eigene Existenz zu hinterfragen und „in diesem, von materiellen Bedürfnissen gequälten Sein“ uns gegenwärtig mehr denn je wiederzufinden. Keine Frage: Dieses Hörbuch darf als ein kleines Meisterwerk gelten.

In ihrer feinen Klassiker-Reihe „Wortwahl“ bringt die Deutsche Grammophon Lessings Drama „Nathan der Weise“ heraus und beweist: Diese Parabel ist alles andere als verstaubter Schulstoff! Mehr als 200 Jahre sind seit der Erstveröffentlichung des Werks mittlerweile vergangen, aber an Aktualität hat es nichts eingebüßt. Im Gegenteil: Der Hörer wird erstaunt und vielleicht auch erschrocken darüber sein, wie nötig es noch immer ist, in den Unterschieden der Religionen die Gemeinsamkeiten zu finden und eine Versöhnung der Gegensätze anzustreben.

Plädoyer für die Vernunft
Diese Aufnahme spricht vor allem unser Gewissen an. Ein sehr energischer, zuweilen schelmischer Nathan fragt auch in unsere Zeit hinein: „Was heißt denn Volk?“ Und wie sollte es anders sein: Der Weg zu Erkenntnis und Toleranz führt über die Liebe des Tempelherrn zu Recha und muss der Geschwisterlichkeit beider geopfert werden. Es siegt die Vernunft.
Ganz anders als in Gottfried von Straßburgs „Geschichte der Liebe von Tristan und Isolde“. Ein Sinnenrausch ist dieses von Anna Thalbach und Wanja Mues eingesprochene Hörbuch, deren lebhafter -Dialog fast einem verspielten gegenseitigen Rauben von Küssen gleicht. Dieter Kühns so lebendige Übertragung des mittelhochdeutschen Epos in unsere moderne Sprache lässt uns 215 Minuten in einen Strudel von Leidenschaft und Begehren, von List und Intrigen geraten.

Tristan und Isolde, die dem König Marke von Cornwall versprochen ist, verlieben sich rettungslos ineinander, nachdem sie versehentlich von einem Liebestrank kosten. Fortan versuchen sie mit allen nur möglichen Mitteln, ihre Liebe zu vollziehen und gleichzeitig vor König Marke zu verbergen. Wer etwas über die Liebe, „die wahre Feuerlegerin“, erfahren will, der höre sich diese mitreißende Übertragung an, die zuweilen erheiternd frivol daherkommt.

Alles ist so schwungvoll inszeniert, dass man Isolde nur zu gut verstehen kann, wenn sie sagt: „Wie herrlich lebt doch eine Frau, die ein solcher Mann beglückt!“ Man darf erstaunt sein, wenn man nach diesem Hörgenuss eines mit Sicherheit feststellt: Unsere Empfindungen, Verwirrungen und Verrücktheiten in der Liebe haben sich seit dem Hochmittelalter kein bisschen verändert. Verliebte werden spätestens nach dieser CD alle Vernunft über Bord werfen.

Wenn Stefan Zweig in seinen „Sternstunden der Menschheit“ sagt, dass ein Genie, das in der Kunst entsteht, die Zeiten überdauert, so darf der Autor selbst als ein solcher Genius gelten. Diese historischen -Miniaturen, die vom Schauspieler Jürgen Hentsch in getragener Ernsthaftigkeit gekonnt dargeboten werden, vermitteln ein politisches wie künstlerisches Verständnis für Geschichte. Darin wird auch in Zukunft ihr Verdienst liegen.

Geschichte wird lebendig
Dank dieser Einspielung können wir uns mit geschlossenen Augen auf eine Zeitreise begeben: Wir sind dabei, wenn Händels „Messiah“ entsteht oder die „Marienbader Elegie“, wenn die „Marseillaise“ ihren Siegeszug antritt, Cäsar dem Tod zum Opfer fällt und Byzanz erobert wird. Es liegt wohl auch an der Stimme von Jürgen Hentsch, die mal kraftvoll, mal brüchig, mal mahnend und dann wieder staunend uns vor Augen führt, dass Geschichte ein zutiefst menschlicher Prozess ist, angetrieben von menschlicher Schwäche und Stärke.
Stefan Zweig, der sich 1942 im brasilianischen Exil das Leben nahm, weil es fatalerweise unter keinem guten Stern stand, erfährt mit dieser Produktion eine rechte Würdigung. Diese 14 „Sternstunden der Menschheit“ sind gewiss Sternstunden in der Welt der Hörbücher

Heike Kunert

Titel
Gotthold Ephraim Lessing
Nathan der Weise
Deutsche Grammophon - 7,99 € (D) / 7,99 € (A) / 15,90 sFr
Format: 2 CDs
ISBN: 978-3829122030
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Georg Büchner
Lenz
Audiopool - 19,90 € (D) / 19,90 € (A) / 28,90 sFr
Format: 2 CDs
ISBN: 978-3937362090
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Gottfried von Straßburg
Die Geschichte der Liebe von Tristan und Isolde
Patmos - 24,95 € (D) / 25,20 € (A) / 45,90 sFR
Format: 3 CDs
ISBN: 978-3491912595
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Stefan Zweig
Sternstunden der Menschheit
Argon - 39.95 € (D) / 41,10 € (A) / 69,90 sFr.
Format: 10 CDs
ISBN: 978-3866105713
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