Sachbuch
Er war klein und kahl. Er konnte reden – weiß Gott! War gewitzt wie ein Buchfink und zäh wie ein Kettenhemd. Nicht totzukriegen. In diesem Jahr feiert die Kirche die 2000. Wiederkehr des Geburtstags von Paulus.
Von Hause aus war er ein frommer Jude, ein Gegner jeder abweichenden Lehre. Die ersten Christen verfolgte er deshalb mit maßlosem Zorn. Ihre Ideen erschienen ihm gotteslästerlich. Als einer von ihnen durch die Straßen Jeru-salems gejagt und draußen vor der Stadt gesteinigt wurde, war Paulus dabei. Er zog nach Damaskus, um die dortigen Jesus-Anhänger gefangen zu setzen. Doch da geschah etwas Unerwartetes.
Kurz vor Damaskus nämlich durchlebte Paulus eine Art inneres Erdbeben. Ihm war, als sähe er plötzlich ein überirdisches Licht. Er stürzte zu Boden und glaubte, die Stimme Gottes zu hören. Bis auf den Grund seiner Seele fühlte er sich durchschaut und, wie er schreibt, „erkannt“. Danach war er wie umgewendet. Wenn er der jungen Kirche bislang den Garaus machen wollte, so wurde er nun ihr eifrigster Missionar.
Unerklärlich? Es ist der „Skandal des Menschen“, schreibt der zeitgenössische Philosoph Peter Sloterdijk, „dass er sich finden kann, ohne sich gesucht zu haben“. Von einem Moment auf den anderen kann ein Abgrund sich öffnen – ein Sturz ins Innere, der alle Sicherheiten auflöst, aber auch neue Klarheit schenkt. „Man entdeckt beim Überqueren der Straße oder während ein Schlüsselbund zu Boden fällt, dass man wirklich existiert. Davor gibt es keinen sicheren Schutz.“
Ohne das Damaskuserlebnis -wäre die Lehre Jesu möglicherweise vergessen worden, erstickt im Keim. Erst durch Paulus wurde das Christentum bekannt. In seinen Briefen zeigt sich noch heute etwas von dem ursprünglichen Elan, mit dem er die neuen Glaubensinhalte überall verkündet haben muss.
Insbesondere sein „Brief an die Römer“ hat Nachbeben aller Art ausgelöst. Er umfasst nicht mehr als 20 – 30 Druckseiten. Die aber haben es in sich.
Augustinus zum Beispiel verdankt diesem Brief seine Lebenswende. Es war im August des Jahres 386 in Mailand, als er, unruhig und verwirrt, in den Garten seiner Her-berge flüchtete. Er legte sich unter einen Feigenbaum, weinte und bat Gott um innere Klarheit. Auf einmal hörte er aus dem Nachbargarten die Stimme eines -Kindes, die im Singsang immer wiederholte: „Nimm und lies! Nimm und lies!“
Augustinus schreibt: „Ich wusste keine andere Deutung, als dass mir Gott durch die Stimme dieses Kindes befiehlt, die -Bibel zu öffnen und die erste Stelle zu lesen, auf die mein Auge fallen würde.“ Es war ein Satz aus dem Römerbrief. „Kaum hatte ich ihn gelesen, da strömte mir Gewissheit wie ein Licht in mein trauriges Herz und alle Nacht des Zweifelns verschwand.“ Augustinus wurde Christ, Priester, Bischof und gilt heute als großer Kirchenvater.
Unerklärlich? 1000 Jahre später saß der junge Martin Luther verzweifelt im Turmzimmer seines Klosters zu Wittenberg. Er hatte sich schon lang den Kopf über das Problem der Gerechtigkeit Gottes zergrübelt und wusste nicht aus noch ein. Da plötzlich, beim Studium des Römerbriefs, ging ihm ein Licht auf: „Hier spürte ich“, schreibt er, „dass ich völlig neu geboren sei, sodass -jene Stelle bei Paulus mir zur Pforte des Paradieses wurde.“ Ein Paulussatz war der geistige Funke, der die Reformation entzündete und Luther die Kraft gab, Widerstand gegen Kaiser und Papst zu leisten.
Und auch John Wesley, einer der Begründer des Methodismus, verdankt dem Römerbrief seine Bekehrung. Und noch Karl Barth, der „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“, entwickelte aus dem Römerbrief die Hauptzüge seiner Theologie. Vielleicht sollte man auf den Aus-gaben der Paulusbriefe einen Warnhinweis anbringen: „Vorsicht! Lektüre kann zu unerwarteten Erkenntnissen führen“ oder so ähnlich.
Doch das Paulusjahr bringt natürlich auch andere Bücher hervor, die ebenfalls Aha-Erlebnisse aller Art versprechen. Zum Beispiel „Paulus entdecken“: Kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. spürt darin dem Gehalt verschiedener Paulus-Worte nach und legt sie aus. Oder die Meditationen von Kardinal Martini, die unter dem Titel „Das Evangelium von Paulus“ erschienen sind. Peter Walker nimmt seine Leser in einem reich bebilderten Band auf die Missionsreisen des Apostels mit. Eine Betrachtung von Leben und Werk des Paulus bietet schließlich Alois Prinz in dem inspirierenden Buch „Der erste Christ“ – schön zu lesen, in einer wohltuenden Sprache.
„Nimm und lies!“ Von den meisten Menschen bleiben nach 2000 Jahren kaum ein paar Knochen übrig. Von Paulus eine Kirche.
Alexandra Eichner
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Benedikt XVI. / Birgit Potter (Hg.) Paulus entdecken St. Benno - 6,50 € (D) / 6,70 € (A) / 12,50 sFr. Format: 120 S. ISBN: 978-3746224046 Bestellen |
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Carlo Maria Martini Das Evangelium von Paulus St. Benno - 12,90 € (D) / 13,30 € ([A) / 23,90 sFr Format: 180 S. ISBN: 978-3746224183 Bestellen |
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Alois Prinz Der erste Christ Beltz - 18,00 € (D) / 18,50 € (A) / 34,90 sFr (UVP) Format: 256 S. ISBN: 978-3407810205 Bestellen |
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Peter Walker Unterwegs auf den Spuren des Paulus Katholisches Bibelwerk - 24,90 € (D) / 25,60 € (A) / 46,20 sFr. Format: 216 S. ISBN: 978-3438062284 Bestellen |
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