Sachbuch

Zeitlos schön

08.01.2009

Zeitlos schön

Reisen wir in die Vergangenheit – 30.000 Jahre zurück. Eine unvorstellbar lange Zeit. An deren Beginn das steht, was uns heute noch genauso fasziniert und berührt: die Kunst.

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Schon in der Steinzeit verzierten die ersten Menschen Höhlenwände mit Zeichnungen und Malereien. Uns gedanklich so weit zurückzubewegen, ist eine harte Nuss für unsere Vorstellungskraft. Versuchen wir, uns Schritt für Schritt vor- oder vielmehr zurückzutasten.
An die Kunst vor 30 Jahren können sich die meisten noch ganz gut erinnern. 1979 lässt der damalige Hausherr Helmut Schmidt die riesige Skulptur „Large two forms“ des englischen Bildhauers Henry Moore vor dem Bonner Bundeskanzleramt aufstellen. Kein anderes Kunstwerk haben wir so oft im Fernsehen gesehen – bis zum Regierungsumzug nach Berlin sind die beiden verschlungenen Bronzegebilde Dauergast in den Abendnachrichten und damit in den Wohnzimmern der Republik. Alte Bekannte, sozusagen. Und ganz nebenbei ein Stück moderne abstrakte Bildhauerkunst.
Wollen wir 300 Jahre zurück-blicken, wird es schon schwieriger. Doch, da, 1665 – ein vertrautes Gesicht. Vor gut 340 Jahren malt Jan Vermeer, einer der bekanntesten holländischen Maler des Barock, sein „Mädchen mit dem Perlenohrring“. Das junge Mädchen mit dem blauen Turban und den halbgeöffneten Lippen vergisst wohl niemand so schnell, den es einmal mit diesem intensiven Blick angeschaut hat. Nur 37 Bilder des Künstlers sind er-halten, bis heute ist er vor allem für seine klaren, realistischen Alltagsdarstellungen und für sein raffiniertes, eindringliches Spiel mit Licht und Schatten bekannt.
Bei 3000 Jahren streikt die Fantasie dann doch allmählich. Wie sah Kunst wohl im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung aus? Wer neugierig ist, aber nicht gleich Kunstgeschichte studieren möchte, blättert am besten in dem Band „30?000 Jahre Kunst“. Dazu sollte man das massive Kompendium aus dem Hause Phaidon allerdings auf einem stabilen Tisch platzieren. Auf 1000 Seiten präsentiert es jeweils ein Kunstwerk, in chronologischer Reihenfolge und mit den wichtigsten Informationen zu Entstehung und Bedeutung. Besonders spannend: Werke, die zeitgleich in den verschiedensten Ländern und Kulturen entstanden sind, werden nebeneinandergestellt und fordern Vergleiche heraus.
Einmal aufgeschlagen, kann die Entdeckungsreise losgehen. Im Jahre 1000 vor Christus stoßen wir auf eine schwedische Felszeichnung. Sie zeigt ein menschliches Paar in enger Umarmung, vermutlich Teil eines Fruchtbarkeitsrituals. Skandinavien befindet sich in der Bronzezeit, der Epoche also, die direkt auf die Steinzeit folgte. Die Schrift ist dort offensichtlich noch nicht bekannt, dafür sind unzählige Felsbilder er-halten, die bezeugen: Hier lebten Menschen. Menschen, die sich und ihr Dasein im Bild festhielten, sodass wir heute von ihrer Existenz wissen. Mit dem frühen „Liebespaar“ können wir uns durchaus identifizieren. Und spüren das Gemeinsame, das über alle Zeiten hinweg Verbindende mit diesen entfernten Vorfahren.
Zur gleichen Zeit war man in Ägypten allerdings schon ein ganzes Stück weiter, wie sich im Vergleich feststellen lässt. Dort finden wir kunstvolle Grabbeigaben, die – ebenfalls vor 3000 Jahren – einer ägyptischen Königin mitgegeben wurden. Die kleinen Gipsfiguren mit Schakal- und Falkenkopf sollten die Verstorbene beschützen. Und sie sind beschriftet! Ganz im Gegensatz zu den Nordeuropäern verfügen die Ägypter zu diesem Zeitpunkt bereits seit 2000 Jahren über ihre Hieroglyphenschrift. Grabbeigaben, Sarko-phage und Gräber versehen sie unter anderem mit den Namen der Toten. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie unterschiedlich frühe Kulturen sich entwickelten. Und das zugleich vertraute Züge trägt, schließlich beschriften auch wir unsere Grabstätten mit den Namen der Verstorbenen, um gegen das Vergessen anzukämpfen.
Und wie fing nun alles an, vor 30?000 Jahren? Die ersten Zeugnisse menschlicher Kunst wurden in Europa gefunden: Hier malen frühe Menschen der Steinzeit Tiere an Höhlenwände. Tiere, die sie fürchten und bewundern oder von denen sie sich ernähren – mehr als 400 Zeichnungen gibt es allein im südfranzösischen Chauvet. Oder schnitzen und hämmern menschliche Formen in Stein und Elfenbein, wie etwa im süddeutschen Lonetal oder im österreichischen Willendorf. Sie bilden sogar ihre eigenen Hände ab. Wozu diese allerersten Formen menschlicher Kunst auch dienten – und das waren vermutlich rituell-kultische Zwecke: Sie zeigen, dass es den Menschen schon in der Steinzeit um mehr als ums reine Überleben ging. Dass sie versuchten, sich ein Bild zu machen – von sich, von der Welt, die sie umgab, oder von Dingen, die sie im Innersten beschäftigten. Und dass sie bereits einen Sinn für Schön--heit entwickelt hatten, den wir immer noch nachempfinden können.
Seit diesen Anfängen haben die Menschen nie aufgehört, sich künstlerisch mit sich und ihrer Umgebung auseinanderzusetzen. Was sich geändert hat, sind ihre Methoden, die immer ausgereifter wurden. Jan Vermeers Mädchen würde uns nicht so intensiv und klar anschauen, hätten die Maler der Renaissance nicht im 15. Jahrhundert die Ölfarbe erfunden. Ihr Hauptvorteil ist die deutlich langsamere Trockenzeit gegenüber der zuvor überwiegend verwendeten Tempera, die dem Künstler ein sehr hohes Arbeitstempo abverlangte. Mit der neuen strahlenden Farbe lässt sich nun sehr viel detaillierter arbeiten, zumal sie noch während des Auftragens vermischt und damit verändert werden kann.
„Wendepunkte“ wie diesen gibt es zahlreiche in der Entwicklung der Kunst bis heute. Nachzulesen sind sie im „Großen Buch der Kunst“ aus dem Prestel Verlag, das dazu anregen möchte, „sich individuell mit der Kunst zu beschäftigen“, wie es im Vorwort heißt. Mehr als 1000 Abbildungen machen den Zugang leicht, neben der zeitlichen Abfolge gibt es 21 gängige Themen zu entdecken. Im Kapitel zur Abstraktion etwa treffen wir – neben Kandinsky, Picasso und Mondrian – wieder auf Henry Moore und seine Skulpturen.
Dass Kunst – egal welcher Epoche – in allererster Linie etwas mit Schauen und Staunen zu tun hat, stellt der White Star Verlag kongenial unter Beweis. Der Prachtband „Erlebte Kunstgeschichte“ präsentiert 65 Meisterwerke auf 147 brillanten großformatigen Farbfotografien. Für den souveränen Gesamteindruck sorgen ge-stochen scharfe Detailaufnahmen, drei-dimensionale Stücke werden von allen Seiten gezeigt. Die Größe der Bilder er--laubt Eindrücke, die so unter Museumsbedingungen nur selten oder gar nicht möglich sind: das Lächeln der Mona Lisa – so nah, so betörend wie nie.
Also genau das Richtige, um sich unvoreingenommen und intuitiv der „großen“ Kunst zu nähern. Und damit selbst ein bisschen zum Künstler zu werden, denn schon Theodor Fontane wusste: „Anstaunen ist auch eine Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes als groß zu begreifen.“

Silke Rothenburger

Titel
30 000 Jahre Kunst
Phaidon - 49,95 € (D) / 51,40 € (A) / 85,50 sFr
Format: 1064 S.
ISBN: 978-0714899732
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Jan Zaczek
Das große Buch der Kunst
Prestel - 24,95 € (D) / 25,70 € (A) / 44,90 sFR
Format: 528 S.
ISBN: 978-3791340562
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ucia Gasperini / Serena Mirabelli
Erlebte Kunstgeschichte
White Star - 35,- € (D) / 36,- € (A) / 60,50 sFr
Format: 184 S.
ISBN: 978-3867260770
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