Kolumnen
Zu diesem Ereignis hatten die verantwortlichen Buchhändler einen extragroßen Darwin-Tisch zusammengestellt: mit dem entsprechenden Darwin-Material, einer umfassenden Biografie des Finkenforschers, seinen Werken, Werken anderer Autoren, die von seinen Werken inspiriert wurden, und etlichen Büchern, die mit Darwin direkt oder mit der Evolution im Allgemeinen nach Meinung der Buchverkäufer zu tun hatten. So lag auf dem Darwin-Tisch auch die Fantasy-Saga „Planet der Affen“, außerdem der Affenkalender 2009, beides zutiefst antidarwinistische Werke. Doch die Kunden nahmen den Darwin-Tisch mit dem Affenkalender freundlich zur Kenntnis, niemand wunderte sich darüber.
In der allgemeinen Wahrnehmung war der englische Finkenforscher vor allem für zwei Sachen berühmt: dass die Menschen vom Affen abstammen und dass die Stärkeren immer überleben, während die Schwächeren zugrunde gehen. Darwin beobachtete, um zu seinen Erkenntnissen zu gelangen, die Finken auf den Galapagosinseln. In einem sonnigen Jahr hatten sie weiche und kurze Schnäbel. In kalten und nahrungsarmen Jahren wurden ihre Schnäbel immer länger und härter. Aus der Sicht der Evolution befinden wir uns also derzeit in einer sonnigen Phase. Unsere Schnäbel sind kurz und weich. Nur bei manchen sind die Schnäbel trotz bester Wetterbedingungen größer geraten. Laut Darwin werden sie diejenigen sein, die überleben.
Die Antidarwinisten behaupten dagegen, dass nur die überleben, die sich solidarisch zu den anderen verhalten, um sich gemeinsam den sich stets verändernden Lebensbedingungen anpassen zu können. Sie lernen, mit jedem Wetter umzugehen.
In den sozialistischen Ländern hatte diese Ansicht die Oberhand. Der sowjetische Wissenschaftler Lyssenko zum Beispiel hatte in den 50er Jahren große Erfolge bei der Erhöhung der Milcherträge durch das Vorlesen von Erinnerungsbüchern der Helden des sowjetischen Bürgerkriegs in Kuhställen erzielt. Es gelang ihm, allein durch Agitation und Propaganda unter den Pflanzen kälteresistente Kartoffeln zu züchten und die Maisernte deutlich zu verbessern. Seine letzte Theorie, dass die Kuckucke in Wirklichkeit ihre Eier nicht in fremde Nester legen, sondern durch spezielle akustische Signale bewirken, dass aus den fremden Eiern Kuckuckskinder schlüpfen, konnte leider in unseren Laboratorien nicht nachgewiesen werden, weil die Kuckucke sich weigerten, sich in Gefangenschaft zu vermehren, das heißt, die richtigen Signale von sich zu geben. Diese sturen Kuckucke haben die Karriere des Wissenschaftlers Lyssenko letzten Endes ruiniert.
Wer hatte nun Recht, Darwin oder Lyssenko? Ich hoffe, Letzterer. Sonst werden die Menschen bald wie Robocops aussehen. Wäre ich der Buchhandlungsminister, würde ich in jeder Buchhandlung einen Darwin- und einen Antidarwin-Büchertisch aufstellen, obwohl ich der Gerechtigkeit halber an dieser Stelle sagen muss, dass die Buchhandlungen schon immer prodarwinistisch eingestellt waren. Sie haben die dicksten, die buntesten Bücher mit riesigen Buchstaben auf dem Cover, die sogar einem blinden Halbalphabeten zugänglich sind, schon immer ganz nahe an der Kasse ausgelegt und ihnen auch sonst die besten Plätze eingeräumt. Diese Bücher an der Kasse stechen dem Kunden ins Auge und dominieren in jedem Laden. Sie werden millionenfach gedruckt und sind in der Regel von Autoren verfasst, die „viel und gut“ schreiben.
An einen solchen Autor erinnerte sich der Erfinder des russischen psychologischen Romans, Iwan Turgenjew. Als er alt und krank in Paris von jungen Autoren besucht wurde, beschwerte er sich, er könne in der letzten Zeit gar nichts Gescheites mehr zur Papier bringen. Der junge unbekannte Literat B. erwiderte daraufhin: „Und ich schreibe in der letzten Zeit viel und gut!“
Wladimir Kaminer
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Wladimir Kaminer Es gab keinen Sex im Sozialismus Goldmann - 8,95 € (D) / 9,20 € (A) / 16,90 sFr. UVP Format: 240 S. ISBN: 978-3442542659 Bestellen |
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Wladimir Kaminer Es gab keinen Sex im Sozialismus Random House Audio - 14,95 € (D/A) / 27,90 sFr. UVP Format: 1 CD ISBN: 978-3837100273 Bestellen |
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