Romane
Das Erste ist: Erleichterung. Judith Hermann ist 39 und sie sieht nicht um Jahre älter aus, nicht erschöpft, traurig, gezeichnet. Nicht so wie auf dem Bild zum neuen Buch. Im Gegenteil. Dabei wäre das so unwahrscheinlich nicht. „Alice“ versammelt fünf Geschichten und immer stirbt jemand. Der Tod ist das mächtige Zentrum. Die Autorin, die in ihren Büchern zuvor auf eine schwebende Art vom Leben und von der Liebe erzählt hat, schreibt jetzt über das Ende. Und zwar ausschließlich. Die Frage, wie unmittelbar hier eigene Erfahrungen eingeflossen sein mögen, drängt sich auch deshalb auf, weil in einem der Sterbenden eindeutig der Literaturkritiker Reinhard Baumgart zu erkennen ist, mit dem die Autorin befreundet war. Und Schmerz, Trauer – gräbt sich das nicht ein in einen Menschen, verwandelt ihn, auch äußerlich?
Doch jetzt sitzt Judith Hermann braun gebrannt, erholt, gut gelaunt bei Kaffee und Wasser im Berliner Sale e Tabacchi, einem bekannten italienischen Lokal, in Nachbarschaft zur „taz“, nah bei der Friedrichstraße. Ihr selbst gefällt das neue Bild. Und der Verlag, er wird sich wohl irgendetwas dabei gedacht haben. Und überhaupt sei es doch so besser als umgekehrt: ein beschönigendes Bild und eine ausgezehrte Autorin.
Judith Hermann und die Bilder von ihr – das ist eine eigene Geschichte. Da gibt es dieses berühmte madonnenhafte Foto, eine Frau wie nicht von dieser Welt: schön und entrückt. Ein Zuhörer hat damals, vor zehn Jahren, bei einer Lesung gesagt: „Ich freue mich, dass Sie da sitzen, denn auf dem Foto sehen Sie so aus, als wären Sie schon lange tot.“
Es gibt viele solcher Geschichten, die man erzählen könnte über Judith Hermann. Sie ist berühmt geworden mit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“. Es wurde gesagt, sie habe damit die Befindlichkeit einer Generation getroffen. Und wahrscheinlich stimmt das, zumindest für die, die wie Judith Hermann in Berlin das Leben als Experiment und Selbstfindung begriffen. 600000-mal hat sich das Buch verkauft. Die Autorin wurde zum Literaturstar, auch, weil sie selbst so wirkte, als sei sie einer ihrer Erzählungen entstiegen.
Am Vorabend hat sie im Literarischen Colloquium zum ersten Mal aus „Alice“ gelesen. Es war so voll wie sonst kaum in dem Haus am Wannsee. Sie ist eine geübte Vorleserin, nur manchmal schien ihre Stimme leicht ins Stocken zu geraten.
Judith Hermann sagt von sich, sie sei ganz handfest, nicht so leicht zu erschüttern. Aber anzumerken ist ihr dann doch, wie ihr das Gespräch der Kritiker im LCB zusetzt. Sie sitzen um sie herum und führen eine Diskussion über ihren Kopf hinweg. Es fällt ihr schwer, das auszuhalten, sie sei noch nicht wieder auf den Literaturbetrieb „konditioniert“, wie sie es an dem Abend selbst formuliert. Der Kritikereinwand, dass ihre Alice, die dem Leser in allen fünf Erzählungen begegnet, gefühlskalt und unfähig zur Trauer sei, trifft sie hart. „Das lesen Sie, wie Sie es lesen wollen“, entgegnet sie einmal barsch – womit klar wird, dass sie Alice ganz anders sieht. „Ich fand die fremde Lesart schrecklich“, sagt sie jetzt, am nächsten Vormittag. „Natürlich ist Alice traurig. Aber sie hat andere Äußerungsmöglichkeiten dafür.“
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Holger Heimann
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Judith Hermann Alice S. Fischer - 18,95 € (D) /19,50 € (A) / 33,90 sFr (UVP) Format: 192 Seiten ISBN: 978-3-10-033182-3 Bestellen |
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