Romane
Jürg Acklin liebt es, wenn es kracht. Kein Roman von ihm, in dem nicht eine Pistole ihren Platz fände. Auch im Epizentrum des neuen Buchs liegt, versteckt, eine Waffe – doch diesmal kommt sie nicht zum Einsatz. Der Schweizer Autor und Psychoanalytiker inszeniert Phantasmagorien, die sich dort entzünden, wo die menschlichen Urkonflikte in den Alltag einbrechen.
Bisher steuerte er seine Geschichten gern ins Fantastische, Groteske, sodass seine Figuren jeden Halt verloren und ihrem Unbehagen in der Kultur mit einer lauten Explosion Luft machen konnten. „Vertrauen ist gut“ dagegen bleibt immer im Bereich des gerade noch Realistischen. Was die Sache nicht gemütlicher macht, im Gegenteil; die Angstfantasien seines Ich-Erzählers werden durch ihre Zweideutigkeit umso bedrängender. Wir können nie ganz sicher sein, ob er sich alles nur einbildet oder ob es noch schlimmer ist, als er glaubt.
Felix, so heißt der Ich-Erzähler, ist an den Rollstuhl gefesselt. Sein Bruder, ein Schriftsteller, lebt mit Frau und Kind nebenan. Wie immer gibt der Bruder Felix sein Manuskript zum Abtippen – und plötzlich befinden wir uns in einem Psychothriller, und zwar einem sehr literarischen. Was der Bruder erzählt, lässt Felix erschauern: Es geht um einen Schriftsteller, der mit Frau, Kind und behindertem Bruder zusammenlebt – nur, dass es um seine Ehe nicht gut bestellt ist. Seine Frau ist einer Sekte beigetreten; die beiden können sich nicht verständigen, und es beginnt ein verbissener Kampf um den kleinen Sohn. Immer häufiger hört Felix tatsächlich Gebrüll von nebenan – ob der Bruder wohl seine eigene Geschichte erzählt? Und wenn ja, wie viel davon ist Fiktion, wie viel Realität?
Für Felix lassen sich die Ebenen bald nicht mehr trennen. Dazu kommen die Erinnerungen an den jähzornigen Vater und seine handfesten Konflikte mit der Mutter. Jetzt steigen sie wieder auf – und Felix’ Angst lässt sich nicht mehr kontrollieren. Weil er befürchtet, dass sein Bruder von Vaters Pistole Gebrauch machen könnte, schnappt sich Felix die Waffe.
Die Logik der inneren Welt, die bei Acklins Figuren durchbricht, hat nichts mit vernünftiger Interaktion sozial kompetenter Menschen zu tun. Genau das ist es, was die verrückte Faszination dieser Texte ausmacht – es hat, so unheimlich es auch ist, etwas Befreiendes, die Verfügungsgewalt des Denkens hinter sich zu lassen und sich dem Chaos auszuliefern. Wenigstens in der Fiktion, die sich, wie dieser ebenso eindrückliche wie verspielte Roman zeigt, stärker auf die Wahrnehmung der Realität auswirkt, als einem lieb ist.
Christine Lötscher
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Jürg Acklin Vertrauen ist gut Nagel & Kimche - 17,90 € (D) / 18,40 € (A) / 32,90 sFr. UVP Format: 160 S. ISBN: 978-3312003648 Bestellen |
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