Sachbuch
Jahr 1805 trauerte die Welt das erste Mal um Joseph Haydn. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich in Windeseile, Luigi Cherubini schrieb rasch eine Trauerkantate, und in Paris wurde zu Haydns Ehren das „Requiem“ von Mozart aufgeführt. Allein: Die Nachricht von Haydns Ableben war falsch, was den rüstigen 73-Jährigen in Wien königlich amüsierte: „Wenn ich nur die Feier gewusst hätte, ich wäre selbst dahin gereist, um die Messe in eigener Person zu dirigieren.“
War die Geschichte bisher eher spaßig, wurde sie 1820, elf Jahre nach Haydns tatsächlichem Tod, dann makaber: Auf Geheiß des Fürsten von Esterházy sollten die sterblichen Überreste des Komponisten, der seinem Großvater 30 Jahre lang gedient hatte, von Wien nach Eisenstadt überführt werden. In einem Ehrengrab in der Bergkirche des Städtchens sollte Haydn seine letzte Ruhestätte finden. Als das Grab geöffnet wurde, fehlte der Schädel. Zu angeblichen Forschungszwecken hatte ein Bekannter Haydns den Leichnam bereits wenige Tage nach der Bestattung 1809 geschändet. Da der Mann das kostbare Stück partout nicht herausrücken wollte, wurde ein kopfloser Haydn zum zweiten Mal beerdigt. Erst im Jahr 1954 tauchte sein Schädel wieder auf, was die Nachwelt zum Anlass nahm, den Komponisten 145 Jahre nach seinem Tod im prächtigen Mausoleum der Bergkirche noch einmal und nun endgültig beizusetzen.
Nicht weniger respektlos ging die Nachwelt bisweilen auch mit Haydns Werken um. Der zu Lebzeiten hochgeehrte und weltberühmte Musiker, der bis heute gern als kreuzbraver „Papa Haydn“ abqualifiziert wird, gilt nach Mozart und Beethoven bestenfalls als nachrangiger „Wiener Klassiker“. Das Schicksal, als Komponist der „zweiten Reihe“ zu gelten, verbindet Haydn mit den beiden anderen Komponisten, die 2009 geehrt werden, mit Georg Friedrich Händel und mit Felix Mendelssohn Bartholdy. Und bei allen dreien hat nicht zuletzt das Jubiläumsjahr 2009 einer allmählich in Gang kommenden Neubewertung und -entdeckung ihrer Werke zusätzlichen Schwung verliehen.
Gerade Haydn war einer der aufregendsten und revolutionärsten Komponisten der Geschichte – und einer der fleißigsten dazu: Haydn schuf Hunderte großer Werke, da-runter 104 Sinfonien, 24 Opern, 14 Messen, 52 Klaviersonaten und 83 Streichquartette – unter ihnen das berühmte Quartett Nr. 64, das „Kaiserquartett“, mit der Kaiserhymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“, die heute als Melodie der deutschen Nationalhymne dient.
Die Lebensdaten lassen die Spannweite von Haydns musikalischem Schaffen schon erahnen: Im Geburtsjahr 1732 stand das Hochbarock mit den Großmeistern Bach, Händel und Scarlatti in voller Blüte, als Haydn 77 Jahre später starb, war Mozart bereits seit 18 Jahren tot und der Romantiker Mendelssohn wurde geboren. „Die großen Komponisten haben aufgebaut auf den Ideen von Haydn, aber er war sicher der Ideenreichste und Originellste von allen“, betonte der Dirigent Nikolaus Harnoncourt in einem Interview.
Den Grund für seine Originalität sah Haydn selbst in der Abgeschiedenheit des Schlosses Esterházy, wo er 30 Jahre lang arbeitete: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.“ Mit Mozart pflegte Haydn ein fast freundschaftliches, von gegenseitigem Respekt geprägtes Verhältnis – wobei der 24 Jahre ältere Haydn die Leistungen des Jüngeren neidlos und bewundernd anerkannte: „Ihr Sohn ist der größte Komponist, den ich von Person und dem Namen nach kenne“, rühmte Haydn in einem Gespräch mit Leopold Mozart dessen genial begabten Sprössling. ...
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Eckart Baier
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