Krimi
Der russische Lyriker Ossip Mandelstam schrieb 1933 sein „Stalin-Epigramm“. Es kostete ihn das Leben, denn er nannte Stalin darin einen „Bauernschlächter“. Vorerst aber wurde Mandelstam nur aus Moskau verbannt. Seine Frau Nadeschda folgte ihm nach Woronesch, wo er die Gedichte seiner grandiosen „Woronescher Hefte“ schrieb. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1937 wurde ihm ein neuer Prozess gemacht. Ende 1938 starb er, gebrochen und entkräftet, in einem sibirischen Lager.
Das ist die Vorlage für Robert Littells Roman. Nach erfolgreichen Thrillern wie „Die kalte Legende“ (2006) und „Die Söhne Abrahams“ (2008) spielt der 1935 in Brooklyn, New York, geborene Autor jetzt mit Karten, die ihm die Literaturgeschichte gegeben hat. Anders als in einem gewöhnlichen Thriller gibt es hier keine Rettung in letzter Minute. Doch so eindeutig, wie es die bloßen historischen Fakten vermuten ließen, ist die Geschichte nicht.
Mag Mandelstam als ein Mann des Wortes dem Diktator physisch ausgeliefert gewesen sein, so haben seine Gedichte und sein Epigramm doch dessen Herrschaft überlebt. Im Roman reagiert Stalin auf die Nachricht von seinem Tod mit einem Wutanfall, denn nun ist alle Hoffnung dahin, vom bedeutendsten russischen Lyriker seiner Zeit mit einem Lobgesang verewigt zu werden. Stalin wusste, dass keine der Hymnen, die willfährige Schreiber zu Tausenden auf ihn verfassten, dem Urteil der Nachwelt standhalten würde. So trieb er mit Künstlern ein zynisches Spiel, versuchte deren Willfährigkeit durch ein Wechselbad aus Terror und Hoffnung bald zu erzwingen, bald zu erschmeicheln. Mandel-stams poetischen Frontalangriff hatte er deshalb 1934 zunächst unerwartet milde bestrafen lassen, während andere für Verbrechen hingerichtet wurden, die frei erfunden waren.
Littell erzählt dieses grausam-groteske Spiel aus wechselnden Perspektiven. Neben Mandelstam, seiner Frau und seiner Geliebten melden sich die Dichterin Anna Achmatowa und Boris Pasternak zu Wort – zudem auch der Leibwächter Stalins und ein bauernschlauer Gewichtheber, der dem Diktator die Nachricht vom Ende des Dichters überbringen wird.
Mandelstam selbst war nicht frei von Größenwahn, als er sich Stalin mit einem Gedicht entgegenstellen wollte. Doch lebte er ja auch, wie Littell ihn sagen lässt, in einem Land, „in dem die Dichtung einen hohen Stellenwert hat. Menschen werden umgebracht, weil sie Gedichte lesen oder schreiben.“
Ulrich Baron
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Robert Littell Das Stalin-Epigramm Arche - 22,- € (D) / 22,70 € (A) / 39,- sFr. UVP ISBN: 978-3716026229 Bestellen |
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