Romane

Weihnachten im Westen

03.09.2009

Weihnachten im Westen

Am 9. November 1989 hatte Thomas Brussig Frühschicht als Portier im Ostberliner Palasthotel. Exklusiv für das Buchjournal erinnert sich der Schriftsteller („Helden wie wir“) an den Tag, an dem die Mauer fiel.

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tier im Ostberliner Palasthotel, dem größten Fünf-Sterne-Hotel der DDR. Nach Honeckers Sturz am 18. Oktober reisten viele Journalisten an, erkennbar an ihren oft abgewetzten Jeans und ihren sperrigen Aluminiumboxen, in denen ihre technische Ausrüstung steckte. Sie wirkten oft auch unausgeschlafen, hatten eine grau-grünliche Haut und unterschieden sich damit von den frisierten, gegelten, gebräunten und erlesen gekleideten Geschäftsleuten, die sonst das Gros der Gäste stellten. Doch die Anwesenheit so vieler Journalisten machte mir auch Mut: Die kamen, weil sie sich was erwarteten.

Am 9. November 1989 hatte ich Frühschicht, mein Dienst ging von 6.30 Uhr bis 15 Uhr. An diesem Tag wurde der Dienstplan für Dezember gemacht, und die Schichtleiterin fragte mich, ob ich denn glaube, dass zu Weihnachten Westreisen möglich seien. (Sie hielt mich für eine Art Polit-Propheten, weil sie wusste, dass ich direkt neben der Umweltbibliothek, einem Hort bürgerrechtlerischer Aktivität, wohn­te und demzufolge über Informationen aus erster Hand verfügen musste.) Ich konnte die Frage nach den Westreisen zu Weihnachten sehr entschieden bejahen, da wenige Tage zuvor in der DDR-Volkskammer ein Reisegesetz vorgestellt, aber sogleich, da nicht weitreichend genug, zurückgewiesen wurde. Da auch die DDR-Volkskammer um die deutsch-deutsche Bedeutung des Weihnachtsfestes wusste, war ich mir sicher, dass zu Weihnachten Westreisen möglich sein würden.
Vor meinen Kolleginnen und Kollegen hatte ich ein Geheimnis: Ich hatte einen Roman geschrieben. Es ging um das letzte Schuljahr eines Abiturienten. Mein Bruder, der einer der wenigen Eingeweihten war, fasste das Werk mit dem Satz „Der Held hat Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden“ zusammen. Ich wollte nach diesem Erstling noch zwei weitere Bücher schreiben und mir erst dann, wenn ich meiner Fähigkeiten sicher bin, eine Veröffentlichung versuchen. Vorerst schreckte mich die Vorstellung, mir eine vernichtende Kritik einzufangen.
Doch die Entwicklung in der DDR im Herbst ’89 ließ mich meine Pläne ändern. Ich hatte das Gefühl, dass sich diese Gesellschaft plötzlich für die Talente interessiert, die sie hervorbringt. Dass man mit dem, was man will und kann, nicht ein Problem darstellt, sondern dass es begrüßt und als wertvoll erachtet wird. (Und ich glaube noch heute, dass die Wendezeit vielen die Chance bot, das Bild, das man von sich hatte, auch zu leben. Deshalb die vielen neuen Gesichter, die die Wende hervorbrachte.)

 

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Thomas Brussig

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Joachim Liebe / Thomas Brussig
Wende. Wandel. Wiedersehen.
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Format: 128 S.
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Grenzübergänge
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Format: 288 S.
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Format: 256 S.
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Format: 320 S.
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Mein 9. November
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