Romane

Bloß weg aus der Stadt

13.11.2009

Bloß weg aus der Stadt

Ist es ihr Hang zu Mäusedreck und Maden? Zu ländlichen Lebensformen? Oder suchen sie nur Ruhe? Warum schreiben Autoren Provinzgeschichten? Betrachtungen zu einem boomenden Genre.

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Bauern gibt es hier längst keine mehr. Kein Vieh, keine Landmaschinen, keine jungen Leute. Als die Niederländerin Pauline de Bok nach Mecklenburg reist, um sich auf einem abgewirtschafteten Bauernhof in der Nähe des Mürzinsees niederzulassen, findet sie ein paar Maulwurfshügel und quietschende Stalltüren vor; im Haus alte Briefe, die noch mit „Heil Hitler“ unterzeichnet sind.
Was führt die Journalistin aus Amsterdam in diese verlorene Gegend? „Ich bin gekommen, um allein zu sein, fort von der Stadt, von der Arbeit, den Menschen, der Flut von Informationen, die täglich in mein Leben geschwemmt werden. ... Ich will wissen, was passiert, wenn ich monatelang allein lebe, auf dem Land, von Tag zu Tag“, schreibt sie in ihrem dokumentarischen Roman „Blankow oder Das Verlangen nach Heimat“.

Es geht also um eine Art Selbstexperiment: De Bok will einsam sein – und die vollkommene Abgeschiedenheit gibt es eben nur in der Provinz. Dieser „Erfahrungshunger im Ländlichen“ ist es, den de Boks deutscher Verleger Rainer Weiss an diesem Roman so schätzt; diesen Mut, mit dem sie sich der Frage aussetzte: „Wie geht es mir mit all den Blindschleichen, dem Mäusedreck und den Maden?“  Interessanterweise ist de Bok mit ihrem Metropolenüberdruss zurzeit nicht allein. Auffällig viele Autorinnen und Autoren – und wie man an de Bok sieht, nicht nur deutsche – zieht es in den Neuerscheinungen dieses Jahres ins Ländliche. Schon im Frühjahr zeichnete sich diese Tendenz ab, wie die Zeitschrift „bella triste“ damals mit Blick auf einige jüngere Autoren bemerkte. Doch nicht alle scheinen, wie de Bok, bei ihren Landpartien in erster Linie die Einsamkeit zu suchen. Vielmehr macht sich bei manchen offenbar die Einsicht breit, dass die alten Bauernhäuser, die Bäume und der weite Himmel über ihren Geburtsorten nichts für die Engstirnigkeit und den Konservatismus mancher Alteingesessenen können. Heimat ist ihnen nichts zwangsläufig Verdächtiges mehr.

Stefan Thome ist dafür ein gutes Beispiel. In seinem Debüt „Grenzgang“, mit dem er es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2009 schaffte, begibt er sich in das fiktive Bergenstadt; es ähnelt dem hessischen Biedenkopf, wo Thome 1972 geboren wurde. Hier wie dort wird der „Grenzgang“ gefeiert, ein traditionelles Volksfest. Während also die Bergenstädter ihre Stadtgrenzen abschreiten, geraten die Lebensentwürfe der Protagonisten ins Wanken: Ein Historiker, der an der Berliner Uni scheiterte, begegnet einer alleinerziehenden Mittvierzigerin. Den Städten, in die sie der Ehrgeiz einmal trieb, kehrten beide enttäuscht den Rücken. Und ausgerechnet in Bergenstadt tut sich für sie nun die Möglichkeit eines neuen Lebens auf.

Vielleicht ein paar schöne Kindheitserinnerungen, aber auch eine leicht resignierte Stadtmüdigkeit scheinen also im Spiel zu sein, wenn Thome seinen Schauplatz aufs Land verlegt. In Peter Hofmanns Debüt dagegen macht sich in der Provinz der Epochenumbruch von 1989 schmerzhaft bemerkbar. In „Die letzte Sau“ führt er uns in ein Dorf bei Leipzig. Dort muss noch 1992 das Haus der Familie Schlegel dem Tagebau weichen – sie werden umgesiedelt. Hofmann schildert die Schlachtung ihres letzten Schweins, spürbar fasziniert von den archaischen „Handgriffen des Tötens“. Hinterher gibt es Schnitzel und Gepökeltes; das Familientreffen wird zu einem Moment des Rückblicks auf das Leben in der DDR. Von Ostalgie keine Spur; aber wer, wie die Familie Schlegel, auf den Trümmern des alten Staates neu anfangen will, der muss eben auch an alten, vertrauten Orten wie dem Hof der Eltern nach einem Fundament suchen, auf dem er Neues aufbauen kann.

Während die Provinz also bei Thome und Hofmann ein eher positiv besetzter Ort ist, an dem Neuanfänge möglich werden, ist das bei Ulla Hahn anders: In ihrem neuen Roman „Aufbruch“ ist das Dorf der Ort, aus dem es schleunigst wegzukommen gilt. Ihre Protagonistin Hilla macht sich aus der Provinz in die weite Welt des selbstständigen Denkens auf.
Man kann diese unterschiedlichen Autoren nicht über einen Kamm scheren; und viele werden sich den ländlichen Peripherien eher instinktiv als bewusst zugewandt haben. Spannend aber bleibt die Frage, warum sie es alle gleichzeitig tun: Woran liegt es, dass Regionalkrimis seit Jahren boomen? Und dass auch auf dem Feld des historischen Romans das Interesse an regionaler deutscher Geschichte stetig steigt?

Manchen Autor mag die Angst vor der großen, weiten, globalisierten Welt in die Provinz treiben, den anderen dagegen eher die Einsicht, dass die große, weite, globalisierte Welt gleich hinter der Dorfkirche anfängt. Die Finanzkrise mag hier und da eine Rolle spielen: Rainer Weiss kann sich jedenfalls vorstellen, dass gerade in Zeiten ökonomischer Unsicherheiten, wenn die „Dinge im Großen zusammenbrechen und wenig Verlass auf die großen Instanzen ist, viele Menschen im Kleinen nach Orientierung suchen“. Ebenso gut könnte es aber auch sein, dass das nachhaltige Denken endlich auch in der Belletristik angekommen ist. Denn wenn schon das Essen aus der Region kommen soll – warum dann nicht auch die Literatur?

Brigitte Preißler

Titel
Pauline DeBok
Blankow: oder Das Verlangen nach Heimat
Weissbooks - 22,- € (D) / 22,70 € (A) / 37,90 sFr. UVP
Format: 360 S.
ISBN: 978-3940888044
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Stephan Thome
Grenzgang
Suhrkamp - 22,80 € (D) / 23,50 € ( A) / 39,20 sFr. UVP
Format: 454 S.
ISBN: 978-3518421161
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Patrick Hofmann
Die letzte Sau
Schöffling - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 34,50 sFr. UVP
Format: 288 S.
ISBN: 978-3895614804
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