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Hängt ihn höher!

13.11.2009Kalender 2010

Hängt ihn höher!

„Wandelbarkeit“ muss von „Wand“ kommen. Schließlich sorgen dort prangende Kalender immer wieder für Umschwünge. Originelle Neuheiten für das Jahr 2010.

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Wie macht er das bloß? Er sieht nie abgerissen aus – obwohl mindestens einmal im Monat jemand an ihm herumrupft. Selbst in der plätzchenreichen Winterzeit bewahrt er mühelos Kontur, und in Warmwetterphasen ist seine straffe Schimmeroberfläche auch ohne Waxen vorzeigbar. Beneidenswert, so ein Wandkalender.
Einerseits. Andererseits: Wer will schon von einem Tag auf den anderen nichts mehr gelten? Nach Monaten voller Auskunftsbeflissenheit Knall auf Fall abserviert werden? Alle weichherzigen Recyclingperfektionisten können nun aufatmen, dank Passepartout und geschrumpftem Format: „Frauen“ (Heye) ermöglicht eine Dauerbegegnung mit Monets Sonnenschirmträgerin, und bei „Nature“ (Harenberg) sichert der zusätzliche Rahmen mit Aufstellvorrichtung die Schreibtischtauglichkeit etwa eines Riesenfarns – wahrlich eine platzsparende Alternative zur „Meine Familie, mein Haus, mein Tier“-Fotostrecke, die in Patchwork-Zeiten rasch arbeitsbehindernde Umfänge annehmen kann.

Während die einen auf Entschleunigung setzen, fördern andere Zeitplaner erbarmungslos das intensivierte Umblättern. Mit „Elements“ (aus der Serie MixMe von Ackermann) kann man aufgrund des Triptychon-Schnitts verfeinerte Stimmungs­regulation betreiben: Bei situativ unangebrachter Friedfertigkeit stimuliert Lava-Blitz-Lava, vor abträglichem Herumwüten schützt Eis-Wald-Wolke. Der Nachteil: Bereits vor Frühlingsanbruch haben spielerisch Veranlagte (1 728 Varianten!) womöglich einen adretten Hingucker in eine zerfledderte Zumutung verwandelt. Folglich ist Haushalten mit grobmotorischen Mitgliedern prinzipiell zu einem weniger anfälligen Einteiler wie „Zeitreise – Venedig vor 100 Jahren“ (Weingarten) zu raten, zumal bei den handkolorierten Fotos ein bisschen Schmutzfingerpatina nicht weiter auffiele.

Oder soll es konsequent außereuropäisch und garantiert kitschfrei zugehen? Dann führt kein Weg vorbei an „Japanische Paravents“ in hellen, erdigen Naturtönen: der perfekte Hintergrund zum Servieren alkaloidhaltiger Pflanzensude.
Sie mögen lieber Kaffee statt Tee? Und sind ohnehin eher heimischen Gefilden zugeneigt? Dann gefallen Ihnen gewiss die Illustrationen aus „Grimms Märchen“ (Ackermann): Im Mai 2010 etwa lustwandelt Rotkäppchen arglos neben einem Wolf, der ob seiner ponyhaften Statur den Verschlingtrick erstmals plausibel macht. Die erzieherische Botschaft für Kinder bleibt indes dieselbe: Immer schön auf dem Weg bleiben und sich bloß nicht von Blümchen ablenken lassen! Erwachsene hingegen dürfen das glücklicherweise, sonst gäbe es Martin Strunks „Fleurs“ (Edition Panorama) nicht. Der Facharzt für ­Radiologie hat – man muss ihn für diese findige Nutzung seiner Praxis-Gerätschaften bewundern – mit Röntgenstrahlen filigrane Schattenbilder von Lilien und Co. erstellt.
 
Florale Motive geben bei „Animal House“ lediglich den Hintergrund ab: Sie zieren die Tapeten, vor denen einzelne Pinguine, Kühe, Möpse und andere Fauna-Vertreter lässig posieren. Wunderbar schräg. Kann da die Beschränkung auf die Subgattung Federvieh unter Heiterkeitsaspekten genauso ergiebig sein? Yes, she can – wie „Verrückte Hühner“ beweist. Aus Comics ist zwar bekannt, wie gewieft sich vermeintlich stupide Eierlegerinnen im Geschlechterkampf gegenüber gackernden Mackern zu behaupten wissen. Aber wer hätte ohne Lichtbildbeleg geglaubt, dass solche Geschöpfe bisweilen bockigen Schafen gleichen?
Gänzlich frei von feministischem Assoziationspotenzial ist hingegen „Giganten der Technik“, vom Verlag ebenso süffisant wie angemessen als „Männerkalender mit Niveau“ angekündigt. In der Tat: Schlüpfrig ist hier allenfalls der Untergrund, auf dem Muldenkipper und Braunkohlebagger manövrieren – ebenso imposant inszeniert wie Raketenabschussrampen, Teilchen­detektoren und Bohrinseln.

Wer hingegen auf tragbare Accessoires aus ist, sollte sich von „Style & Taste“ (Knesebeck) inspirieren lassen: Sei es der Armreif aus weißer Schokolade, die Artischockenkappe oder der Tagliatelle-Gürtel – mit diesen appetitlichen Kreationen ist frau immer gut angezogen, sogar in einer der prachtvollen Burgen, mit denen „Scottish Castles“ lockt. Denn längst ist es wahrscheinlicher geworden, dort einer hippen Filmcrew zu begegnen als einem heiratsversessenen Schlossherrn, der auf den Ärmliche-Gouvernanten-Look steht.

Apropos Kino: „Deutsche Filmtheater“ feiert zu Recht die glanzvolle, ansonsten zum Schattendasein verdammte Architektur der Lichtspielhäuser, und „Ghost Towns“ stimmungsvoll mondbeschienene Holzruinen, gleichsam die Nachtseite der üblichen sonnenglühenden Western-Drohkulissen.
Hängt ihn höher!, möchte man da all jenen zurufen, die immer noch nicht einsehen wollen, dass ein Wandkalender mehr drauf hat, als schnöde Datumsinfos zu liefern. Und daher Hochachtung und pfleglichen Umgang verdient. Bis dass die Altpapiertonne uns scheidet.

Andrea Rinnert

Titel
Style & Taste
Knesebeck - 14,95 € (D) / 15,50 € (A) / 27,90 sFr. UVP
Format: 12 Blätter, 30 x 30 cm
ISBN: 978-3868730555
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Japanische Paravents
Weingarten - 26,95 € (D/A) / 49,- sFr. UVP
Format: 12 Blätter, 68 x 33 cm
ISBN: 978-3411806829
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Deutsche Filmtheater
Dumont - 36,- € (D/A) / 64,- sFr. UVP
Format: 12 Blätter, 29 x 58 cm
ISBN: 978-3832014421
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Verrückte Hühner
Knesebeck - 14,95 € (D) / 15,50 € (A) / 27,90 sFr. UVP
Format: 14 Blätter; 30 x 30 cm
ISBN: 978-3868730586
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