Romane

Martin Suter: Verführung zum Genuss

09.02.2010

Martin Suter: Verführung zum Genuss

Exotische Speisen und Erotik: Der Zürcher Autor Martin Suter regt (fast) alle Sinne an – und macht Lust auch auf Lesen.

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Köstliches Essen statt Viagra – das klappt sogar bei Frauen: Wenn Maravan sein „Love Food“ kocht, will und kann jede(r). Da der Tamile aber als Asylbewerber in Zürich nur Hilfstätigkeiten ausführen darf und offiziell zudem arbeitslos gemeldet ist, ist Werbung für sein kleines Unternehmen nicht möglich – und es gleitet schnell in eher anrüchige Gefilde ab. Waren anfangs ältere Ehepaare Kunden, die für viel Geld ihr angestaubtes Sexleben aufmischen wollten, wird das exotische Essen zunehmend von Männern gebucht, die sich neben den Köstlichkeiten aus Sri Lanka auch Callgirls leisten können.  
Das ist nicht im Sinn Maravans, er würde lieber ausschließlich für Ehepaare kochen. Nur kann er sich den Luxus seiner Sexualmoral nicht leisten, weil er Geld braucht. Er will seine Familie auf Sri Lanka unterstützen, sich um seinen Neffen kümmern, der bei den Tamile Tigers als Kindersoldat angeheuert hat, und zudem wird er von deren Zürcher Vertretern um viel Geld erpresst. So gart und brutzelt er weiter – und das alles unter dem schlichten Titel „Der Koch“, der nichts davon ahnen lässt, dass Martin Suter wieder einmal einen wunderbar leichten, unterhaltsamen Roman geschrieben hat, der aber nicht einfach nur munter vor sich hin plätschert, sondern ernste Themen aufgreift. Es geht nicht nur um das einsame und schwierige Leben eines tamilischen Asylbewerbers in der Schweiz, sondern auch um dunkle Machenschaften von Zürcher Geschäftsleuten und ihren internationalen Partnern.

Diese (und andere) Vertreter der „Businessclass“ nimmt Suter immer wieder gern ins Visier, über sie hat der Zürcher Autor auch zahlreiche Kolumnen geschrieben. Dabei hat er selbst einmal dazugehört: als er noch sehr erfolgreich in der Werbebranche unterwegs war. Aber er will nicht so sein wie die auf sich selbst fixierten Ausbeuter und Abzocker in Nadelstreifen. Ihm sind Menschlichkeit und Anteilnahme wichtig – und sie sind wichtige Momente in seinem neuen Roman. Nicht moralisierend, nicht oberlehrerhaft. Aber deutlich.
 Zugleich will er unterhalten – und zum Genießen verführen: Suter, selbst leidenschaftlicher Koch, gibt die „alten ayurvedischen Rezepte zur Steigerung des sexuellen Verlangens“ in seinem Buch weiter. Allerdings bereitet Maravan sie molekular zu – so könne er vielleicht die enorme aphrodisierende Wirkung seiner Speisen plausibel machen, sagt Suter. Aber egal, ob es funktioniert oder nicht, sein Roman hat eine stimulierende Wirkung. Und dabei muss man nicht einmal den Kopf aus-schalten.

Sabine Schmidt

Titel
Martin Suter
Der Koch
Diogenes - 21,90 € (D) / 22,60 € (A) / 38,90 sFr.
Format: 320 S.
ISBN: 978-3257067392
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