Krimi

Mankell, Nesbo & Co.: Neue Skandinavienkrimis

09.02.2010

Mankell, Nesbo & Co.: Neue Skandinavienkrimis

Arne Dahl ist nicht der einzige literarische Serientäter im Norden. Auch Jo Nesbø, Åke Edwardson, Liza Marklund und Co. machen immer wieder Lust auf mehr.

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Nicht nur zur Weihnachtszeit ist Vorfreude die schönste Freude; daher
diese Frohbotschaft vorab: Kurt Wallander kehrt zurück. Henning Mankell reaktiviert den neben Kommissar Beck (Sjöwall / Walhöö) bedeutendsten Ermittler Schwedens – allerdings letztmals: In „Der Feind im Schatten“, den der Zsolnay Verlag für Ende April ankündigt, gerät der Fahnder auf die Spur einer politischen Affäre, die ihn ins frostige Herz des Kalten Krieges führt.

Noch eine gute Nachricht: Harry Hole, nah am Suff gebauter Serienkommissar des Norwegers Jo Nesbø, trinkt nicht mehr. Einziger, nun ja, Wermutstropfen: Statt zu bechern, berauscht er sich im Höchstspannungsroman „Leopard“ an Opium, um den Verlust seiner Freundin Rakel zu verwinden. Im Vorgängerroman „Schneemann“ hatte er die Herzdame in Lebensgefahr gebracht – und sich selbst damit um die Krücke seines Lebens. Nun hockt Hole, der einst soff wie ein Loch, in einem Loch in Hongkong und sucht das Vergessen.
Vor völliger Benebelung wird er durch Kollegin Kaja bewahrt, die ihn nach Oslo zurücklotst. Dort soll Hole beim Auffinden eines Serienkillers helfen, der scheinbar wahllos Frauen meuchelt, indem er ihrem Mundraum einen mit Nadeln durchsetzten Gegenstand einspeist. Die Psychopathen-Hatz führt Hole in norwegische Eiswüsten, afrikanische Hitzehöllen – und bis an die Grenzen nicht nur seiner Vorstellungskraft.
Denn so existenziell wie in „Leopard“ war die Hauptfigur von Nesbøs Reihe selten betroffen: Rakel sendet kein Lebenszeichen, Holes Vater liegt im Sterben, und der Gegner erweist sich als seinem Häscher ebenbürtig. Bis zum Herzschlag-Finale, in dem bei Nesbø nie ausgemacht ist, ob es happy oder happig ausfällt. Das Gesetz der Serie bürgt im Krimi für Erfolg. Das mag weltweit so sein. Doch nur in Skandinavien haben es Autoren und längst auch einige Autorinnen zu solcher Konstanz gebracht.

Serielles Morden im Norden ist die Königsdisziplin, an der sich Genre-Vertreter in anderen Breiten zu messen haben. Dabei muss es nicht immer Wallanders Ystad sein – oder Stockholm, wo sich ein halbes Dutzend Fahnderfiguren von Liza Marklunds Annika Bengtzon bis zu Leif GW Perssons Evert Bäckström auf den Füßen stehen. Auch jenseits einschlägig bekannter Schauplätze gibt es nicht zuletzt in Schweden viele Orte, die als Tatort taugen.
Göteborg zumal. Zwei Literaten haben in ihren an Lokalkolorit reichen Büchern viel für den Krimi-Ruf ihrer Heimatstadt getan: Helene Tursten, deren Irene Huss nicht nur wegen Jiu-Jitsu-Kenntnis als schlagfertig gelten darf. Zweiter Kenner der dunklen Seiten von Göteborg ist Kommissar Erik Winter. Erdacht hat die politisch brisanten Missionen des Melancholikers Åke Edwardson, dessen stilistisch bravourösen Werken man die Tätigkeit als Dozent für Kreatives Schreiben anmerkt.

„Toter Mann“ heißt der jüngste und neunte Fall für Erik Winter, sein vorletzter: Alternde Schweden halten sich in einer Mischung aus Demut und Hybris gern an die Dekalog-Vorgabe von Sjöwall / Walhöö in deren Beck-Reihe; auch Håkan Nesser beschränkte das Kontingent seines Kommissars Van Veeteren auf zehn Fälle, bevor er mit Gunnar Barbarotti einen Neuen ins Rennen schickte (zuletzt bei btb: „Das zweite Leben des Herrn Roos“); nur Arne Dahl hat geschummelt, indem er den zehnten und eigentlich letzten Band seiner ersten Krimireihe um sein A-Team um eine Art elften ergänzt hat.
Was den Serien-Elan des Erik Winter anbelangt, hat dieser seine besten Jahre hinter sich. Kopfschmerzen und Hypochondrie peinigen ihn; dazu kommt sein Überdruss an einer Arbeit, die für ihn nur die ewige Wiederkehr des Schreckens bereithält. Der aktuelle Fall kreist um ein Mädchen, das vor 30 Jahren aus einem Jugendlager in den ach so idyllischen Schären verschwand. Nie verwunden hat das der Bruder, ein Roman-cier. Sein Bewältigungsprojekt, ein Buch über den Verlust der Schwester zu schreiben, wird beargwöhnt – auch in Göteborgs Unterwelt. Es fallen Falschaussagen, Masken und Schüsse in diesem kühl wie kühn aufgebauten Fall. Wieder irritiert der Autor durch Perspektivwechsel; wieder hat er für sein Schuld-und-Sühne-Thema eine glaubhafte Variante entwickelt.  
Mit der Winter-Reihe hat Edwardson einen literarischen Schwedenhappen erschaffen. Wenn er seinen Ermittler mit dem zehnten Fall („Der letzte Winter“) entsorgt, schafft er sich auch ein Gewicht vom Hals. Jedes beendete Buch, sagt er, mache ihn depressiv. Auch wenn er Angst vor der Trennung von Winter habe, sei die Figur zu Ende erzählt.

Nur gut, dass in Skandinavien, zumal in Schweden, auf einen abgetretenen Großmeister mindestens fünf neue Aspiranten folgen, um sein Erbe anzutreten. Im Falle des scheidenden Edwardson darf sich ein weiterer Göteborger Chancen ausrechnen: Johan Theorin. Sein auf der Ostseeinsel Öland spielendes Jahreszeiten-Quartett – zuletzt erschien „Nebelsturm“ (Piper) – mixt gekonnt Thriller-, Schauermär- und Sippenroman-Elemente.

Eine Serienpause für ihre sonst ermittelnde Journalistin Annika Bengtzon hat sich nur Schwedens Krimi-Queen Liza Marklund verordnet: Für den Pärchenmord-Thriller „Letzter Gruß“ (im März wird er bei Limes erscheinen) hat sie sich mit dem US-amerikanischen Kollegen James Patterson zusammengetan, der mit Schockern um den Psychologen Alex Cross reüssierte.
Es wird ein guter Lenz, was Morde im Norden angeht. Bis dahin gilt die Weihnachtsweisheit: Vorfreude ist die schönste Freude. Es gilt zudem ein dynastisches Bonmot: Mankells Feld ist gut bestellt. Das walten Nesbø, Dahl, Edwardson und Konsorten.

Hendrik Werner

Titel
Jo Nesbo
Leopard
Ullstein - 21,95 € (D) / 22,60 € (A) / 39,90 sFr.
Format: 699 S.
ISBN: 978-3550087745
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Ake Edwardson
Toter Mann
Ullstein - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 35,90 sFr.
Format: 539 S.
ISBN: 978-3550087127
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