Romane

Sabine Ebert: Die Mutter der Hebamme© © Eckhardt Mildner

09.02.2010

Sabine Ebert: Die Mutter der Hebamme

Sie kommt aus Ostberlin, hat sich aber der Provinz verschrieben. Mit großem Erfolg: Sabine Eberts Schmöker über sächsische Geschichte kommen im Osten wie auch im Westen an. Ein Besuch in Freiberg.

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Es ist ein nasskalter Wintertag in Freiberg, vor den Fenstern hängt Nebel, doch Sabine Ebert genießt die Stille ihrer Dachwohnung wie ein Geschenk. Eine Kerze brennt; auf dem Sofa am Fenster, ihrem Lieblingsschreibplatz, muss ein Stapel mit Recherchematerial warten. Kopien und ­Bücher, unberührt seit sechs Wochen. Die ­erste Lesetour mit ihrem neuen Roman „Blut und Silber“ ist geschafft; anderthalb Monate Leben im Ausnahmezustand: Seit der Buchpremiere in der überfüllten Freiberger Nikolaikirche hat die Bestseller­autorin aus dem Sächsischen an die 30 Auftritte quer durch die Republik absolviert. Fast jeden Morgen aufwachen in einem anderen Hotel, Heimspiele in Chemnitz, Dresden oder Erfurt; aber auch in Braunschweig, Düsseldorf und Bielefeld gab es volle Häuser.

Die Frau, deren Namen bis zum Überraschungserfolg ihres Romanerstlings „Das Geheimnis der Hebamme“ (2006) niemand auf dem Zettel hatte, ist ein Phänomen: Annähernd 1,5 Millionen Mal gingen ihre drei im Jahresabstand erschienenen ­Mittelalter-Romane um die heilkundige Hebamme Marthe über die Ladentische, und auch das jüngste Opus, ihr erstes Hardcover, setzte sich sofort auf der „Spiegel“-Bestsellerliste fest. Für sie selbst hat der Gedanke, ein Star zu sein, etwas Unwirkliches: „Ich warte eigentlich noch ­immer, dass mich jemand am Ärmel zupft und ‚Aufwachen!‘ ruft.“ Wenn sich Ebert das Nachdenken über den eigenen Erfolg versagt, mag das Selbstschutz sein, Sorge, „die Bodenhaftung zu verlieren“. Doch wenn ‚ihre‘ Freiberger beim Fleischer um die Ecke liebevoll-besorgt Rechenschaft über die Arbeit am nächsten Roman ­verlangen, gibt sie ­bereitwillig Auskunft – und Autogramme. Sie weiß, wo sie herkommt. Und vergisst es nicht. Wenn der Verlag, um den Stress der Lesetournee zu mildern, ein Auto samt Fahrer stellt, steigt Ebert vorn ein. „Demonstrativ auf der Rückbank arbeiten? Ich schwatze lieber mit den Leuten!“

Mit der sogenannten Provinz hat Sabine Ebert, aufgewachsen in Ostberlin, kein Problem. Als sie nach ihrem Studium 1983 nach Freiberg kam, war das, so empfindet sie es heute noch, „Liebe auf den ersten Blick“. Hier sind ihre beiden Kinder geboren, die heute in Hamburg und Braunschweig studieren. Hier verdiente sie sich ihre ersten Sporen als Wissenschaftsjournalistin für die Bergakademie. Als die friedliche Revolution die Verhältnisse auch im sächsischen Hinterland zum Tanzen bringt, gründet Sabine Ebert mit drei Kollegen die erste unabhängige Zeitung der Stadt, den „Freiberger Anzeiger“. Sie begleiten die Wahlen im Osten, recherchieren über alte Seilschaften, neuen Filz oder das berüchtigte DDR-Frauengefängnis Hoheneck. Als der „Anzeiger“, ökonomisch unter Druck, Mitte der 90er zum Anzeigenblatt wird, steigt Ebert aus und wechselt in die Freiberuflichkeit: „Ich habe das nicht ausgehalten. Wir wollten doch aufklären, all die Geschichten bringen, die man früher nicht schreiben durfte.“ Als Lokaljournalistin ist sie schnell gut im Geschäft; bald entstehen auch erste Sachbücher zur Geschichte ihrer Wahlheimat. Doch irgendwann empfindet sie deren nüchterne Sprache als Fessel. Sie will mehr, hat Szenen im Kopf, die sich zu einem packenden Plot verdichten: Von den ersten Siedlern, die Otto der Reiche mit der Verkündung des freien Bergrechts einst ins Land holte, will sie schreiben. Von einem Mittelalter, das, grausam und entbehrungsreich, wenig zu tun hat mit den Prinzen und Prinzessinnen, die auf weißen Rössern durch deutsche Märchenwälder reiten.

Gibt es ein Rezept für den Erfolg? Sabine Ebert ist überzeugt, dass die Leser vor allem die Gründlichkeit ihrer Recherche honorieren. Auf den Regalbrettern neben dem Schreibplatz türmen sich Hunderte Bücher: alte Stadtchroniken, Lebensläufe, Fachliteratur über mittelalterliche Kleidung, Bergbau, Münzwesen, Heilkunde, Waffen. Doch auch Ebert weiß um den Punkt, wo totes Papier allein nicht weiterhilft: Wie viel Holz brauchte man, um einen Topf Wasser zum Kochen zu bringen? Wie weit flog ein Pfeil wirklich? Und: Wie war das eigentlich mit dem Sex im Mittelalter? Mit den Jahren ist ein regelrechtes Info-Netzwerk um die Autorin entstanden. Regelmäßig berät sie sich mit Historikern und Archivaren, Hobbyforschern und Mittelalter-Gruppen. Eine Schule für historischen Schwertkampf choreografiert für sie Zweikämpfe, bis jede Hut und Konter-Hut im Text sitzt. Dem Zufall bleibt nichts überlassen: „Soll ich etwa schreiben: ‚Sie gingen aufeinander los und fuchtelten mit dem Schwert‘?“

Auf Sabine Eberts Nachttisch liegt Markus Heitz’ „Drachenkaiser“, neben ihrem Bücherregal hängt ein „Herr der Ringe“-Filmplakat. Verspürt sie nicht hin und wieder den Impuls, die strenge Recherche-­
fron aufzugeben, das Genre zu wechseln? „Manchmal beneide ich die Kollegen, die Fantasy oder Science-Fiction schreiben“, gesteht sie. „Die definieren ihr Universum autonom und können dort unglaubliche Dinge tun.“
Sie selbst wird dem historischen Roman wohl noch eine Weile treu bleiben: Ende des Jahres soll der vierte Band der „Hebammen“-Reihe erscheinen; Teil 5 und ein ­weiterer Einzelroman sind in Planung. Der Erwartungsdruck der Leser macht das Schreiben nicht einfacher. Schon heute bekommt Ebert „Hausaufgaben“ von ihrem Publikum: Auch in Brandenburg oder Schwerin will man lesen, wie es in der Heimat zuging; damals, vor vielen Hundert Jahren. „Ich spüre da eine große Sehnsucht“, sagt Sabine Ebert. „Die Menschen möchten einfach ein Stück ihrer Geschichte wiederhaben.“

Nils Kahlefendt

Titel
Blut und Silber
Droemer Knaur - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 34,50 sFr.
Format: 736 S.
ISBN: 978-3426662885
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Sabine Ebert
Blut und Silber
Argon - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 37,90 sFr.
ISBN: 978-3866108479
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