Romane
Oft entscheidet alles bereits der Name. Oft suchen Autorinnen und Autoren lange erst nach Namen und den von ihnen ausgelösten Assoziationen, bevor sie mit dem Schreiben anfangen. Häufig ist der Name einer Figur Maske oder Verschleierung. Was also kann in Thomas Langs neuem Roman der Hauptfigur Jan Bodenlos alles nicht zustoßen? Namen, gesteht Thomas Lang im Gespräch, „finde ich immer eine sehr schwierige Sache. Aber irgendwann habe ich dann das Gefühl, dass es passt.“ Bei Jan tut es das.
Er ist 18 Jahre alt, Gymnasiast und lebt in Füchten, einer fiktiven und in jeder Hinsicht unbedeutenden Kleinstadt im Siebengebirge unweit von Bonn. Wie der 1967 in Nümbrecht im Regierungsbezirk Köln geborene Lang, der in Waldbröl Abitur machte und heute in München lebt, dieses Städtchen und die geistig-politischen Lebenswelten der 1980er Jahre, die, so Lang, „uns heute 100 Jahre weit weg zu sein“ scheinen, lebendig werden lässt, ist präzise und beklemmend komisch. Das fängt mit Gelfrisuren an und reicht von der Musik bis zur apokalyptisch grundierten Atmosphäre. Ist aber frei von jeglicher Nostalgie, wie auch Lang selber.
„Ich wollte“, wehrt er ab, „keine Sozialchronik der alten Bundesrepublik schreiben.“ Weltfrieden- und Weltrettungsprojekte gehen an Jan größtenteils vorbei, ist er, der mit „dem Rücken zur Welt“ (Lang) lebt, doch weitaus mehr auf sich konzentriert und mit sich selber beschäftigt. Und mit seiner familiären Situation: dem spießigen sprachlosen Vater, einem angestellten Architekten, der Mutter, die eine Krebserkrankung überstanden hat, und der vier Jahre älteren Schwester An, die Schule wie Fotografenlehre abgebrochen hat. Und die, das ist die große Zäsur zur Hälfte des Buchs, bei einem Autounfall ums Leben kommt. Danach ist psychisch alles verschoben.
Das letzte Schuljahr reißt Jan, seelisch beschädigt durch erste amouröse Erfahrungen, lustlos herunter und wird dann zur Bundeswehr eingezogen. Der sprachlich überaus lebendige Roman, der kunstvoll einsetzt, da Lang die Chronologie eines Sprungs in ein Schwimmbecken rückwärts ablaufen lässt, endet mit einer furiosen nächtlichen Vision. Vor Jans Augen tauchen alle Toten, die Schwester und die Hunde der Familie, die verschwundenen Freunde und die Mädchen auf, für die Jan entflammte. Und verschwinden sukzessive wieder. So wie das auf Papier getuschte Porträt der ein Zimmer mysteriöserweise stets rückwärts betretenden Deutsch-Chinesin Kiku, das sich Strich für Strich auflöst. Am Ende liegt „ein unbeschriebenes Blatt da“. Denn: „So könnte es enden. So könnte es beginnen.“
In seinem Erstling „Than“ ließ Lang einen sprachlosen Außenseiter in eine Parallelwelt eintauchen, der Roman „Am Seil“ – für einen Ausschnitt daraus erhielt er 2005 den Ingeborg-Bachmann-Preis – war ein dramatischer Kampf eines moribunden Vaters und seines ihm unterlegenen Sohnes. Nach dem zuletzt erschienenen Roman „Unter Paaren“, einer ironisch-kühlen Darstellung zweier jüngerer Duos, die äußerlich erfolgreich, aber innerlich hohl sind, erzählt er nun in „Bodenlos“ – dem Buch, über das er seit 2001 nachgedacht und an dem er seit 2006 intensiv gearbeitet hat – von der Zeit und dem Wunsch nach Aufhebung der Zeitlichkeit, von Jugend und ihren Träumen, vom Suchen, Erkunden, Sehen, Erstarren und Erwachsenwerden. Vielleicht, so Thomas Lang schelmisch, wird es eine Fortsetzung geben.
Alexander Kluy
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Thomas Lang Bodenlos C.H.Beck - 21,95 € (D) / 22,60 € (A) / 39,90 sFr. Format: 461 S. ISBN: 9978-3406590702 Bestellen |
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