Romane

Alissa Walser im Interview© © A. Buxhoeveden / Piper

11.03.2010

Alissa Walser im Interview

Der Wunderheiler und die blinde Pianistin: In ihrem Debütroman erzählt Alissa Walser die Geschichte des Magnetiseurs Franz Anton Mesmer und seiner Patientin, des Wunderkinds Maria Theresia Paradis.

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Wie kamen Sie auf die Idee, einen Roman über den Wiener Arzt und Wunderheiler Franz Anton Mesmer zu schreiben, der Ende des 18. Jahrhunderts lebte?
Alissa Walser: Bei einem Streifzug durch meinen Zettelkasten, in dem ich alle Ideen und Einfälle aufbewahre, die mir interessant erscheinen, entdeckte ich 2006 die Notiz: „Mesmer und Paradis, der Magier und das Mädchen“. Was mich an dem Thema reizte, war nicht die Figur des tatsächlich wunderbaren Arztes. Für mich steht Mesmers Begegnung mit der blinden Pianistin Maria Theresia Paradis im Mittelpunkt.
Wann war Ihnen klar, dass aus diesem Stoff Ihr erster Roman wird?
Am Anfang war ich völlig offen, was daraus werden könnte. Je länger ich mich aber mit dem Thema beschäftigte, desto mehr atmete die Geschichte – das war eine sehr schöne Erfahrung. Es war auch nicht so, dass die Personen am Ende eines Kapitels einfach verschwunden sind. Ich hatte ziemlich schnell das Gefühl, dass die Geschichte mich weiterträgt.

Wollten Sie mit „Am Anfang war die Nacht Musik“ denn einen historischen Roman schreiben?
Nein, denn historische Romane wollen vergangene Epochen wiederaufleben lassen. Mich haben an der Mesmer-Geschichte vor allem die Konstellationen, etwa die zwischen den Personen, interessiert, die nicht an jene Zeit gebunden sind, sondern nach wie vor Gültigkeit besitzen – das Eltern-Tochter-Verhältnis, das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Wir leben heute zwar nicht mehr in einer Monarchie, doch existiert immer noch eine starke Orientierung an Autoritäten, an der Obrigkeit oder an Lehrmeinungen und Akademien.  

Wie nah sind Sie dabei an historischen Fakten?
Ich habe über Mesmer viel gelesen, war in Bibliotheken und habe sogar eine Doktorarbeit über ihn aus den 50er Jahren aufgestöbert, die sehr hilfreich war. Über die Begegnung zwischen Mesmer und Maria Theresia gibt es einiges an Material. Irgendwann ist man dann aber derart mit Wissen und Fakten vollgesogen, dass man sich davon lösen und als Autorin entscheiden muss, welche Dinge denn für die Geschichte wichtig sind.

 

Befriedigte das blinde Mädchen, das als klavierspielendes Wunderkind herumreiste, damals vor allem die Sensationslust des Publikums?
So war es wohl. Es war jedoch ihre Krankheit, die es der blinden Maria Theresia erst ermöglichte, sich ihrer Leidenschaft, dem Klavierspiel, in dieser Weise zu widmen.

Weshalb?
Weil die gesellschaftlichen Verhältnisse ihr als gesunder Frau keine andere Wahl gelassen hätten, als zu heiraten und Kinder zu bekommen. Ihre künstlerische Karriere war ihr nur dank ihrer Blindheit möglich. In der Person von Maria Theresia spiegeln sich deutlich die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse wider, und das hat mich an der Geschichte gereizt.

Konnte Mesmer dem Mädchen denn tatsächlich wieder zu ihrem Sehvermögen verhelfen?
Das halte ich für möglich. Maria Theresias Vater beschreibt jene Nacht ziemlich genau, als seine Tochter im Alter von drei Jahren plötzlich erblindete, möglicherweise aufgrund eines Schocks. Da sie vorher sehen konnte, halte ich es für denkbar, dass sie ihr Sehvermögen zwischenzeitlich wieder erlangt hat. Als sie gegen ihren Willen von Mesmer weggeholt wurde, was historisch belegt ist, hat sie ihr Sehvermögen dann nicht weiter trainiert und sich wieder völlig auf das Klavierspiel konzentriert.

Sind weitere Heilerfolge Mesmers überliefert?
Es gibt viele Quellen, die von erfolgreichen Heilungen berichten. Vor allem in Paris konnte sich Mesmer vor Patienten kaum retten. Trotz aller Bemühungen sind seine Lehren von der Akademie aber nie anerkannt worden.

 

Mesmers Lehre vom Magnetismus ist heute völlig vergessen?
Magnetiseure spielen heute praktisch keine Rolle mehr. Ganz im Gegensatz zur Hypnose, deren Entwicklung auf Mesmers Arbeit gründet, was ich in meinem Buch ja auch andeute. Der Vorgang des Hypnotisierens wurde übrigens lange als „Mesmerisieren“ bezeichnet.

Sie schreiben nicht nur, sondern sind auch Übersetzerin und Malerin – was hat Priorität?
Das Schreiben steht an erster Stelle.

Seit der Auszeichnung mit dem Bachmann-Preis 1992 sind nicht besonders viele Bücher von Ihnen erschienen. Warum haben Sie sich mit Ihrem ersten Roman so viel Zeit gelassen?
Mich hat bisher einfach kein Stoff zu einem Roman inspiriert. Es stimmt schon, dass ich keine Schnellschreiberin bin, die den Ehrgeiz hat, jedes Jahr ein Buch herauszubringen. Trotzdem habe ich natürlich auch die letzten Jahre über geschrieben, vor allem Geschichten, die aber eben noch nicht als Buch erschienen sind. Außerdem habe ich in der Zwischenzeit viel übersetzt.  

Ist die Prominenz Ihres Vaters Martin Walser für Sie als Autorin ein Vorteil oder begegnet man Ihren Büchern besonders kritisch?
Wie soll ich das wissen? Wenn jemand über mich so oder so urteilt, sagt er ja nicht dazu, ob der Name eine Rolle spielt! Ich glaube, das ist ohnehin nur am Anfang einer sogenannten Karriere ein Thema.

Das Vater-Tochter-Verhältnis spielt in Ihrem Roman eine wichtige Rolle – wie ist denn Ihr eigenes Verhältnis zu Ihrem Vater?
Töchterlich-väterlich. Und als Kollegen professionell.

Wie gefällt ihm Ihr Buch?
Sehr. Das hat mich gefreut.

 

Zur Person

Alissa Walser (49), Tochter von Martin Walser, studierte in New York und Wien Malerei. 1992 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann- und den Bettina-von-Arnim-Preis. 1994 erschien ihr Buch „Dies ist nicht meine ganze Geschichte“, 2000 folgte der Erzählband „Die kleinere Hälfte der Welt“. Als Übersetzerin hat Alissa Walser außerdem die Tagebücher von Sylvia Plath sowie Theaterstücke, u. a. von Joyce Carol Oates, Edward Albee, Marsha Norman und Christopher Hampton, ins Deutsche übertragen. „Am Anfang war die Nacht ­Musik“ ist ihr erster Roman.

Eckart Baier

Titel
Alissa Walser
Am Anfang war die Nacht Musik
Piper - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 34,90 sFr
Format: 253 S.
ISBN: 978-3492053617
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Format: 6 CDs
ISBN: 978-3869520292
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