Sachbuch
Wenn in der englischsprachigen Welt jemand als „Luddite“ bezeichnet wird, dann ist gemeint, dass dieser Jemand sich fanatisch gegen jeglichen technischen Fortschritt sperrt. Die wenigsten Benutzer dieses Worts wissen allerdings, dass die Bewegung der Luddites im frühen 19. Jahrhundert vor allem eine Bewegung des sozialen Aufruhrs gegen die Mechanisierung der Webindustrie im Norden Englands war, die für Hunderttausende Menschen den Abstieg ins Elend bedeutete – und zu deren Bekämpfung zeitweise mehr Soldaten eingesetzt wurden als im Krieg gegen Napoleon.
Womit wir bei Jeremy Rifkin wären, der sich die Beschimpfung als „Luddite“ regelmäßig gefallen lassen muss. Wie nur wenige andere Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Folgen der technischen Entwicklung für die Gesellschaft. Wo die meisten seiner Berufskollegen bequem und lukrativ dem Gesetz der ungezügelt freien Märkte frönen, setzt er in seinen Arbeiten das Wohlergehen der Menschen und der Umwelt an die erste Stelle – Nachhaltigkeitsforschung in Reinkultur.
Mit seinen Analysen der Auswirkungen des technischen Fortschritts auf Arbeitswelt, Gesellschaft und Umwelt hat Rifkin in der Vergangenheit zumeist ins Schwarze getroffen. Und es steht zu hoffen, dass auch sein jüngstes Buch der Wahrheit nahekommt: In „Die empathische Revolution“ entwirft er nämlich das Bild eines grundsätzlich positiven, mitfühlenden Menschen.
Nur durch die Abkehr von der Vernunft des Wachstums hin zu einer Vernunft des Mitfühlens, der „Empathie“, die als Primat des Handelns die Sorge um die Auswirkung auf den Mitmenschen setzt, sei eine weitere positive Entwicklung der Gesellschaft möglich. Wobei Rifkin dieses neue Denken nicht als Utopie beschreibt, sondern in vielen Gesellschaftsbereichen bereits am Werke sieht.
Solcher Optimismus ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht eben mehrheitsfähig: Vom Streit über die vermeintliche Gier der Banken bis zu ideologischen Fundamentalismen kreist die Diskussion derzeit um klassische Beispiele für mangelnde Empathie. Rifkins Argumente für eine positive Entwicklung sind allerdings schlagkräftig – wer weiß, vielleicht ist doch nicht alles so schlecht, wie man denkt.
Zur Person
Jeremy Rifkin zählt zu den bekanntesten gesellschaftlichen Vordenkern der Gegenwart. Der amerikanische Soziologe und Ökonom ist Autor zahlreicher Bestseller wie „Das biotechnische Zeitalter“ und „Der Europäische Traum“ (beide Campus Verlag).
Holger Ehling
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Jeremy Rifkin Die empathische Zivilisation Campus - 26,90 € (D) / 27,70 € (A) / 45,90 sFr. Format: 468 S. ISBN: 978-3593385129 Bestellen |
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