Sachbuch
Interview: Eckart Baier
Warum ein Buch über Scham?
Maximilian Dorner: Fast jeder, den ich fragte, sagte mir, dass Scham ein ganz wichtiges Thema für ihn sei, sprechen wollte aber so gut wie niemand darüber. Und genau das will mein Buch: über Scham sprechen.
Warum fällt es uns so schwer, Scham zu benennen?
Das weiß ich nicht. Über kleine Peinlichkeiten lassen sich sogar noch relativ leicht Witze machen. Scham geht aber tiefer. Und je tiefer sie in die Existenz eindringt, umso mehr vereist die Scham, bildet einen Panzer des Schweigens. Deshalb, weil sie sich versteckt, ist Scham auch ein so schwer zu fassendes Phänomen.
Schon in dem Buch „Mein Dämon ist ein Stubenhocker“ haben Sie sich dem Thema gewidmet …
Ja, und schon damals sind mir diese zwei Seiten beim Schreiben am schwersten gefallen. Sogar beim Überarbeiten habe ich sie überblättert und mir gesagt: Damit beschäftigst du dich später. Nach dem Erscheinen des Buchs vor zwei Jahren sagte mir eine Rollstuhlfahrerin, dass sie die Passage über die Scham am meisten bewegt hätte. Obwohl sie seit 30 Jahren mit der Behinderung lebt, gerät sie in Situationen, wo sie die Scham überfällt. Damals merkte ich, dass ich mit dem Thema noch nicht fertig bin.
Wie schwer war es für Sie, über Scham nachzudenken und zu sprechen?
Es ist nicht leicht, sich ihr zu stellen, ohne Scham zu verallgemeinern. Wenn es gelingt, darüber zu sprechen und zu sagen: „Ich schäme mich“, verschafft einem das eine ganz neue Freiheit.
Sie wissen, wie Scham funktioniert und was sie in einem Menschen auslösen kann. Schämen Sie sich denn heute weniger?
Ich erkenne Scham besser und stelle mich ihr heute viel eher, das Gefühl ist aber trotzdem da. Mein Buch soll kein Ratgeber sein, wie man mit Scham umgeht. Ich wollte das Phänomen nur so detailliert und differenziert wie möglich beschreiben.
Wann haben Sie sich das letzte Mal geschämt?
Vor ein paar Tagen bei einer Party, zu der mich ein Freund eingeladen hat. Von 20 Leuten war ich der Einzige, der sich hinsetzen musste. Da spürte ich dann wieder dieses peinliche Gefühl, obwohl alle von meiner Behinderung wussten.
„Wegen Ihrer Behinderung müssen Sie sich doch nicht schämen“ – diesen Spruch kennen Sie wahrscheinlich zur Genüge. Warum lassen Sie ihn nicht gelten?
Wenn man sich zur Scham bekennt, wird das von anderen immer erst einmal abgetan, um nicht darüber reden zu müssen. Es hilft aber nichts, weil sich der Betroffene trotzdem schämt. Bei einer sichtbaren Behinderung ist die Scham vorhanden, egal, ob noch so viele Leute zu einem sagen, dass man sich nicht zu schämen braucht. Die Scham überfällt einen hinterrücks, was ich nicht nur an mir, sondern bei vielen anderen Behinderten erlebt habe.
Dabei ist Ihr Stock ein deutliches Zeichen für Ihre Behinderung …
Der Stock ist hierzulande tatsächlich so eine Art Blindenbinde. Ganz anders als etwa in New York, wo ich während meines Aufenthalts 2008 einen viel pragmatischeren Umgang mit mir selbst und dem Stock gefunden habe. Dort benutzen jüngere Menschen viel häufiger den Stock, während man bei uns eher Krücken nimmt. Mit Krücken würde ich mich aber wie ein Hochstapler fühlen, denn sie gelten hier ja fast schon als Beweis für Gesundheit.
Warum das denn?
Benutze ich Krücken, werde ich gefragt, ob ich beim Skifahren gestürzt bin oder einen Unfall hatte. Krücken sagen: Das wird schon wieder. Solchen Fragen muss ich mich mit dem Stock nie stellen. Das Phänomen Scham geht jedoch in diesem Fall weiter. Wenn ich mit meinen Krücken antworten würde: „Nein, kein Unfall, sondern ich bin behindert“, wäre die Scham sofort beim Gegenüber. Das wiederum ist eine Scham, die ich ganz schwer verstehe.
Es war schlicht die falsche Frage, die mir wahrscheinlich auch peinlich gewesen wäre.
Sie schämen sich, weil Sie glauben, dass Sie mich bloßgestellt oder von mir eine Aufrichtigkeit verlangt hätten, die ich nicht hätte geben wollen. Das ist ja das Aufregende an diesem Thema: Man muss nur eine Kleinigkeit an einer Konstellation verändern, schon schämt man sich oder die Scham springt auf den anderen über. Deswegen ist der Satz „Deswegen brauchst du dich nicht schämen“ auch so gefährlich, weil man die Parameter nur geringfügig verändern muss und schon würde derjenige, der den Satz gesagt hat, sich schämen.
Unterscheiden Sie eigentlich zwischen Scham und Peinlichkeit?
Für mich ist die Peinlichkeit die nach außen kommende Scham, die Hitze, das Erröten, was aber auch schnell wieder vorbei ist. Scham wirkt dagegen nach innen, lässt einen kalt werden, erstarren, vereisen.
Wie sieht denn die Wissenschaft die Scham?
Wenn überhaupt, wird das Thema sehr theoretisch abgehandelt, bezeichnenderweise machen die Autoren dabei um die eigene Scham einen Bogen. Auch die Psychoanalyse hat das Phänomen jahrzehntelang gemieden und schrieb bis in die 80er Jahre hinein lieber über Ängste und Triebe.
Aus welchem Grund?
Es ist immer dasselbe Phänomen: Man schämt sich der Scham. Daher fällt es auch so schwer, wissenschaftlich darüber zu sprechen, weil es für die Scham keine Kategorien gibt und man nicht genau weiß, was die Scham eigentlich ist. Die einen sagen, sie ist angeboren, die anderen sehen Scham gesellschaftlich begründet.
Die Scham als Terra incognita?
Ich habe mich oft tatsächlich wie ein Entdecker gefühlt, der einen Kontinent erforscht, von dem jeder weiß, dass es ihn gibt, von dem die hinteren Winkel aber bisher nicht vermessen wurden. Dabei bin ich auf die perfideste Schamform überhaupt aufmerksam geworden, über die am allerwenigsten gesprochen wird, weil sie so banal erscheint: die Scham aus Einsamkeit. Zu sagen: „Ich bin einsam“, ist wahrscheinlich noch schwerer als der Satz „Ich schäme mich“. Einsamkeit ist in hohem Maße mit Scham behaftet.
Gehen Menschen, die Ihre Bücher kennen, anders mit Ihnen um?
Die Bücher helfen zweifellos, Verkrampfungen beim Umgang zur Sprache zu bringen und mit ihnen fertigzuwerden. Mir haben schon viele Leser gesagt, dass sie es genauso empfinden wie ich, sie aber nicht die Sprache haben, es so auszudrücken.
Ist Schreiben für Sie eine Art Therapie?
Das Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, über Dinge intensiv nachzudenken. Bei Therapien werden Fragen eher pathologisiert. Sie bekommen den Stempel des Krankhaften, was die Scham ja gar nicht hat. Sie ist einfach ein Phänomen, das sich oft sehr raffiniert manifestiert und das im Menschen viel verändern kann. Diese Triebkräfte haben mich interessiert, ohne gleich einen therapeutischen Ansatz zu haben.
Aber selbst wenn man die Mechanismen erkannt hat, bleibt die Scham vorhanden?
Ja, aber man hat sich besser unter Kontrolle, wenn man weiß, was da gerade passiert. Auf der Stehparty fühle ich mich zwar unwohl, ich habe mein Problem aber erkannt und ich kann die Situation aushalten. Viel schlimmer wäre es, wenn ich die Party aus dem diffusen Gefühl des Unwohlseins heraus verlassen hätte.
Wie geht man mit einer beschämenden Situation am besten um?
Eine Möglichkeit ist, der Scham mit heiterer Gelassenheit zu begegnen. Es gibt Situationen, in denen man über Peinlichkeiten gemeinsam lachen kann. Schlägt das Lachen aber in Auslachen um, explodiert die Scham. Deshalb halte ich mich mit Ratschlägen auch zurück, denn was für den einen ein befreiendes Lachen ist, kann beim anderen genau das Gegenteil bewirken oder in Beschämung umschlagen.
Sollte man vielleicht besser ganz schweigen?
Das kommt auf die Situation an. Professionalität ist ein wichtiger Aspekt, wie man Scham begegnen kann, denken Sie an die Arzt-Patienten-Beziehung. Es gibt viele Untersuchungen, die für den Arzt reine Routine sind, bei denen sich der Patient aber unwillkürlich schämt. In solchen Situationen muss der Arzt den Gefühlen des Patienten Raum geben, ohne darüber zu reden. Ein Spruch wie „Sie müssen sich jetzt nicht schämen“, wenn man einen Katheter gelegt bekommt, kann beim Patienten zu noch mehr Scham führen.
Inwieweit bestimmt die Scham Ihren Alltag?
Oft ist die Bitte um Hilfe mit Scham verbunden. Für mich ist es inzwischen kein Problem, jemanden zu bitten, mir die Türe aufzuhalten oder meine Schwester um Hilfe zu fragen. Ich überlege mir aber dreimal, einen Bekannten mit einem Einkauf zu beauftragen oder beim Nachbarn zu klingeln, ob er meinen Müll hinaustragen kann. Man glaubt, man habe das Problem im Griff, blendet aber ganz viel aus und versucht die Dinge so zu organisieren, dass man sich diese Frage nicht stellen muss. Also lasse ich lieber meine Schwester durch die halbe Stadt fahren, bevor ich zum Nachbarn gehe.
Verzweifeln Sie eher an den Beschwerlichkeiten im Alltag als Folge Ihrer Behinderung – oder an den großen Dingen: dem Wissen, dass Sie nie wieder Ski laufen, bergsteigen oder eine Fahrradtour machen können?
Es sind eher die Schwierigkeiten des Alltags, die einen zermürben. Bei den anderen Dingen kann ich mich fragen: Würde ich jetzt gern Fallschirm springen oder Mountainbike fahren? Dann käme ich zu dem Ergebnis, dass ich das früher nicht getan habe und es deshalb heute auch nicht vermisse. Schlimmer ist, dass man jeden Gang planen und organisieren muss: Gibt es an dem Ort, wo ich hinwill, Treppen? Wie weit ist es zu gehen? Wer bringt mich hin, wer holt mich ab? Wo ist die nächste Toilette? Diese Dinge machen einen auf Dauer mürbe.
Haben Sie Angst vor der Zukunft?
Angst nicht, aber es gruselt mich bei der Vorstellung, dass es noch lange mit dieser Behinderung weitergeht. Hilfreich ist, dass ich ein Mensch bin, der in der Gegenwart lebt und höchstens zwei, drei Monate im Voraus denkt. Was mich wirklich bedrückt, ist der Gedanke, dass zu meinen Behinderungen im Alter weitere Einschränkungen dazukommen könnten. Diese Konstellation stelle ich mir äußerst unpraktisch vor.
Zur Person
Maximilian Dorner, 1973 geboren, studierte an der Bayerischen Theaterakademie und ist seit mehreren Jahren als Lektor, Dozent und Autor tätig. 2007 erschien sein Roman „Der erste Sommer“, der mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde. 2006 wurde bei ihm Multiple Sklerose, eine chronische Nervenkrankheit, diagnostiziert. Nach dem Buch „Mein Dämon ist ein Stubenhocker“ (2008) und „Lahme Ente in New York“ (2009) ist „Ich schäme mich“ sein drittes Buch, das sich mit seiner Behinderung auseinandersetzt.
Eckart Baier
| Titel | |
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Maximilian Dorner Ich schäme mich Rowohlt Berlin - 14,90 € (D) / 15,40 € (A) / 27,40 sFr. Format: 192 S. ISBN: 978-3498013301 Bestellen |
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