Romane

Schlitzohr und Po-Experte

05.05.2010

Schlitzohr und Po-Experte

Ein hinterfotziger, virtuoser Heimatroman aus dem tiefsten Bayern, ein Afrikaner in Paris, der sich nicht nur in Gesäßfragen bestens auskennt, und die anrührende Geschichte einer Ehe – drei aktuelle Romane, die wir für unbedingt lesenswert halten.

Schlagworte:

Maximilian Steinbeis: "Pascolini". Aufbau

Provinzposse, Heimatroman, Räuberpistole? „Pascolini“ ist von allem ein bisschen und doch etwas ganz anderes. In jedem Fall ein Roman wie eine Wundertüte, voll von schrägen Typen, Ganoven, korrupten Politikern, bigotten Geistlichen, Schlitzohren und einer Handlung, die so verwinkelt und überbordend barock daherkommt, wie es wohl nur in der bayerischen Provinz möglich ist, in der das Ganze spielt. Virtuos erzählt Maximilian Steinbeis die Geschichte um den Schmugglerkönig, Patrioten und Lokalhelden Matthias Pascolini und um ein geplantes Skiparadies in Ettengrub. Dabei erweist sich der Autor nicht nur als Experte bayerischer Lebensart und -kunst, sondern auch als gewiefter Erzähler und Menschenkenner, dem als ehemaligem Parlamentskorrespondenten des „Handelsblatts“ in Berlin keine Hinterfotzigkeit fremd ist. bai

 

Alain Mabanckou: "Black Bazar". Liebeskind

Gebleichte Schwarzenhaut in Paris, Zöpfchen und Popos: Mit der Gesäßfrage und anderen Schönheitsaspekten geht „Black Bazar“ flott von hinten los. Schließlich konzentriert sich der von Frau und Tochter verlassene Held aus dem Kongo auch in seinem neuen Leben in der französischen Hauptstadt auf die „B-Seite“. Er weiß einen Hintern zu würdigen, der „im Uhrzeigersinn“ schwingt. Der „Arschologe“ selbst hat allerdings ein Problem weiter oben, zwischen seinen Ohren. Er hängt in der Kneipe herum, palavert über seinen Frust und gibt den Macho-Schönen. Der Kerl lebt das Afro-Klischee und strauchelt. Er muss lernen, mit Vorurteilen klarzukommen. Mit sich selbst. Alain Mabanckou seziert die Brüche des Großstadt-Einwanderer-Lebens, in dem sich alle Kulturen zusammenraufen. China, Pakistan und der Araber an der Ecke, alle und mehr versammelt – und mittendrin der Po-Experte, der seine sehr dunkelhäutige Ex nur „Ursprungs-Farbe“ nennt. Tiefschwarz? Nein, prall, klug und kunterbunt. pms

 

Rafael Yglesias: "Glückliche Ehe". Klett-Cotta

Enrique ist ein Schulabbrecher, dabei aber ein literarisches Wunderkind, das mit Anfang 20 schon zwei Romane veröffentlicht hat. Seine Beziehung ist gerade zu Ende gegangen, er lebt allein – und dann lernt er im Manhattan der 70er Jahre Margaret kennen, eine quirlige Frau, die aus einer sehr viel wohlhabenderen Familie stammt als er. Die beiden verlieben sich ineinander, heiraten, bekommen Kinder – und nach 30 Jahren erkrankt Margaret unheilbar an Krebs. Von ihrer furchtbaren Krankheit erzählt der autobiografisch gefärbte Roman und in Rückblenden von der Ehe der beiden. Einfach war sie nicht immer, belastet von einem Seitensprung Enriques, von Missverständnissen und Entfremdung, und doch war es eine „glückliche Ehe“ – und Rafael Yglesias’ Roman ist ein anrührendes Zeugnis einer trotz allem innigen Beziehung. sc

 

Titel
Maximilian Steinbeis
Pascolini
Aufbau - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 34,90 sFr.
Format: 251 S.
ISBN: 978-3351032968
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Alain Mabanckou
Black Bazar
Liebeskind - 19,80 € (D) / 20,40 € (A) / 34,50 sFr.
Format: 272 S.
ISBN: 978-3935890687
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Rafael Yglesias
Glückliche Ehe
Klett-Cotta - 22,90 € (D) / 23,60 € (A) / 36,90 sFr.
Format: 464 S.
ISBN: 978-3608937077
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