Romane
31.05.2010Von der Faszination des Fußballs
Georg Klein: Blutgrätsche und andere Glücksmomente
Um den üblichen Verharmlosungen vorzubeugen: Fußball ist selten lustig; Fußball ist alles andere als gesund; Fußball trägt nur beiläufig zur Völkerverständigung und Gewaltsublimierung bei. Wichtiger als Spaß, Bewegung an der frischen Luft und die symbolisch geregelte Nachahmung kriegerischer Auseinandersetzung ist etwas anderes: Wenn zwei Mannschaften mit- und gegeneinander auflaufen, liegt die Möglichkeit eines großen Spiels in der Luft.
Großes Spiel ist mehr als großer Kampf. Einmal, in den frühen Achtzigern, als ich noch ziemlich schnell war, schlitzte mir am Ende eines langen Hobby-Matches mein Gegenspieler auf der Außenbahn bei einer Attacke, die die Bezeichnung "Blutgrätsche" wahrlich verdiente, die linke Wade auf. Er war Schotte und Wahl-Augsburger, technisch versierter als ich, aber schon Ende dreißig und daher nicht mehr der Allerfixeste. Gemeinsam bestaunten wir, was normale Schraubstollen an einem gespannten Muskel anrichten können. Und dann sagte der Übeltäter, anstatt sich für die spektakuläre Wunde zu entschuldigen, in seinem genügsamen Stummeldeutsch bloß: "Macht nix! Das war Superspiel!"
Rückblickend will ich nicht behaupten, dass uns ein wirklich großes Spiel gelungen war. Aber als ich in der Notaufnahme des Städtischen Krankenhauses auf verschwitzten Socken den Arzt erwartete, war ich nicht nur frei von Grimm, sondern von einer Gelassenheit erfüllt, wie sie nur besondere Erfahrungen nach sich ziehen. Die Serie von verbissenen Zweikämpfen, die ich mir mit dem Wadenaufschlitzer geliefert hatte, war wie jeder gelungene oder missratene Pass, wie der stümperhaft verschenkte und der gewitzt ausgeführte Freistoß in einem Spiel geborgen, das alle seine Teilnehmer den ganzen egomanischen Kram der zurückliegenden Woche vergessen hatte lassen.
Man könnte diese zauberhafte Erlösung, um ein quasireligiöses Pathos zu vermeiden, theoretisch abgekühlt "Systemglück" nennen. Ein gelingendes Fußballspiel ist ein autarkes System aus dynamischen Elementen. Seine Voraussetzungen sind simpel: ein Feld, ein Ball, zwei Tore und die Regelkenntnis der Spieler. Aber im Vollzug ist es zu einer Komplexität fähig, die unseren schönsten seelischen Spielen, dem Traum oder der Imagination eines Romankapitels, nicht nachsteht und unser Ich in etwas Größerem birgt.
Vor sechs Jahren habe ich nach einer gelungenen Kopfballverlängerung, nach einer missglückten Landung auf holprigem Rasen und einem Sehnenabriss im rechten Knöchel, das aktive Fußballspielen aufgegeben. Inzwischen stehe ich nur noch am Spielfeldrand und sehe zu, wie unsere Söhne, auf der Suche nach ihrem großen Spiel, den Blutgrätschen hühnenhafter ostfriesischer Verteidiger entkommen oder erliegen. Regelmäßig träumt mir nachts von mehr oder minder guten Spielen. Ja, sogar vor dem Fernseher rieselt mir bisweilen zumindest die Ahnung grandioser Systemlust über den Rücken. Und irgendwann, wenn meine innere Mannschaft einen ganz besonderen Tag hat, wird es mir gelingen, auch in einem Stück Prosa angemessen großartig über ein großes Fußballspiel zu schreiben.
Georg Klein wurde im März für seinen "Roman unserer Kindheit" (Rowohlt) mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Ein ausführliches Interview mit dem Autor lesen Sie in Buchjournal 3, das Ihre Buchhandlung ab dem 9. Juni für Sie bereithält.
Weitere Informationen zu Georg Klein und seinem neuen Roman finden Sie im Internet unter www.devries-klein.de.
| Titel | |
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Georg Klein Roman unserer Kindheit Rowohlt - 22,95 € (D) / 23,60 € (A) / 39,90 sFr. Format: 448 S. ISBN: 978-3498035334 Bestellen |
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