Krimi

Donna LeonDonna Leon© Donna Leon
Foto Francesco Barasciutti

10.06.2010Ein Besuch beim Krimistar in Venedig

Donna Leon: Weltberühmt – nur nicht in Italien

Ein sanfter Kommissar und der morbide Charme Venedigs: Donna Leons Krimis sind Kult. Die Autorin ist der Lagunenstadt verfallen – und Georg Friedrich Händels Opern.

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Donna Leon in Venedig antreffen will, muss früh aufstehen. Morgens um acht, neun Uhr stehen die Chancen gut, sie an einem der Marktstände im Stadtteil Canareggio, wo sie wohnt, zu erwischen. Oder auf dem berühmten Gemüse- und Fischmarkt westlich der Rialtobrücke, wo sie gern zwischen den Ständen flaniert, mit Händlern parliert und vielleicht einen Bund Schalotten, Kräuter und einen gelben Kürbis für ihr Lieblingsrisotto einkauft. Zwei Stunden später, wenn das Heer der Touristen die Lagunenstadt übernimmt, sitzt sie normalerweise in ihrer Wohnung im vierten Stock eines renovierten Palazzo und arbeitet an einem neuen Venedig-Krimi um Commissario Brunetti und seine kluge Frau Paola. Seit ihrem Debüt „Venezianisches Finale“ 1993 hat sie jedes Jahr zuverlässig einen neuen Brunetti geschrieben, Nummer 18 mit dem Titel „Schöner Schein“ kam vor wenigen Tagen auf den Markt.

Ihre Bücher haben Donna Leon reich und weltberühmt gemacht. In Italien allerdings, wo die 67 Jahre alte Amerikanerin seit drei Jahrzehnten lebt, könnte sie fast überall unerkannt durch die Straßen gehen. Denn ihre Bücher sind zwar in 34 Sprachen übersetzt, aber eben nicht in die ihrer Wahlheimat. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen anders behandelt werden, wenn sie berühmt sind. Das will ich nicht, denn dann wäre mein Leben hier ein anderes.“ Sie will ein ganz normales Leben führen, will eine ganz normale Einwohnerin von Venedig sein, eine von rund 50 000 im historischen Zentrum.

Um anonym zu bleiben, hätte sie sich allerdings eine andere Stadt aussuchen müssen. Für die Autorin ist es so gut wie unmöglich, tagsüber unerkannt durch Venedig zu spazieren. Beim Gespräch mit dem Buchjournal in einem Café am Campo Santi Giovanni e Paolo dauert es nur wenige Minuten, bis sie von einer – unverkennbar deutschen – Touristin angesprochen wird, die sich als Donna-Leon-Fan outet und die Autorin bittet, ein Foto machen zu dürfen. Freundliches Nicken – „kein Problem, solange die Leute freundlich sind. Es freut mich, Menschen zu treffen, die meine Bücher mögen und die glücklich sind, wenn sie mich sehen.“ Doch auch ihr wird der Rummel in der Stadt, etwa an Karneval oder Ostern, zu viel und die Hitze im Sommer zu groß. Dann zieht sie sich in ihr Haus in den Bergen zurück, das sie nach zweistündiger Zugfahrt erreicht.

Nicht wenige dürften überhaupt erst wegen ihrer Krimis in Venedig sein, um auf den Spuren Guido Brunettis zu wandeln. Auch hier am Campo Santi Giovanni e Paolo macht der Commissario bei seinen Dienstgängen gelegentlich auf einen Espresso halt, liegt gleich hinter der mächtigen Kirche doch das Ospedale Civile, das städtische Krankenhaus, in dem Brunetti des Öfteren lebende und tote Verbrechens­opfer in Augenschein nehmen muss. Spielend lässt sich auch der Fußweg abschreiten, den er morgens von seiner Wohnung am Campo San Polo über die Rialto-Brücke zum Polizeipräsidium, der Questura, zurücklegt. Brunetti-Touristen pilgern vielleicht auch zum Campo Santo Stefano, einem der größten Plätze der Stadt, wo im Krimi „Blutige Steine“ ein Straßenhändler tot aufgefunden wird. Oder fahren auf die Laguneninsel Murano, wo Brunetti in „Wie durch ein dunkles Glas“ den Mordfall vor dem Brennofen einer Glasbläserei aufklärt. Lohnend auch die Fahrt mit dem Vaporetto, dem öffentlichen Linienboot, hinüber auf die Friedhofsinsel San Michele, wo neben Brunettis Vater auch Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky und Igor Strawinsky begraben sind.

 

Neugierige, kulturbeflissene Touristen – pro Jahr besuchen 20 Millionen Reisende die „Serenissima“ – stören Donna Leon weniger als die negativen Begleiterscheinungen des Fremdenverkehrs: Lärm, schlechte Manieren, das allmähliche Verschwinden von Lokalen mit guter Küche und von Handwerkern und Läden für den täglichen Bedarf. Dafür ist billiger Venezia-Ramsch allgegenwärtig. „Wissen Sie, wo ich noch etwas so Banales bekomme?“, fragt sie und zeigt auf den Knopf an ihrer Jacke. „In ganz Venedig gibt es dafür nur noch einen einzigen Laden!“ Donna Leon redet sich in Fahrt, schimpft so temperamentvoll und gestenreich wie eine italienische Mamma über den Niedergang ihrer Stadt. „Bald gibt es hier nur noch Dinge, die kein Venezianer braucht – Masken und Plastikgondeln!“ Vor allem für ältere Menschen werde das Leben immer schwieriger, die anstrengenden Wege über Stufen, Treppen, Brücken und schlechtes Pflaster zum nächsten Laden immer länger.

Für die Alltagssorgen der Venezianer haben Touristen in der Regel kein Gespür. Man ist fasziniert von dieser Stadt, einstmals eine der mächtigsten Metropolen Europas, die heute den morbiden Charme eines heruntergekommenen Freilichtmuseums ausstrahlt. Neben prachtvoll restaurierten Palazzi bröckeln Fassaden, chromglänzende Yachten sind an verrotteten Pfählen vertäut, gut gelaunte Gondolieri in gestreiften Pullovern lenken ihre Boote geschickt durch enge Kanäle und um knatternde Motorboote herum. Noch immer empfindet es Donna Leon als Privileg, in der „schönsten Stadt der Welt“ leben zu dürfen. „Ich liebe die Menschen und ihre Sprache, die Art, wie sie das Leben, das Essen und Trinken genießen.“ Doch auch nach 30 Jahren fühlt sie sich als Gast im Land, besitzt auch keinen italienischen Pass.

Mit 23 Jahren kehrte sie als Studentin der englischen Literaturwissenschaft ihrem Heimatland USA den Rücken. Sie studierte in Siena und Perugia weiter, arbeitete als Reiseleiterin in Rom und als Lehrerin an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China und Saudi-Arabien. Mit knapp 40 beschloss sie, nur noch Dinge zu tun, die ihr wirklich Spaß machen.

 

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Eckart Baier

Titel
Donna Leon
Schöner Schein
Diogenes - 21,90 € (D) / 22,60 € (A) / 38,90 sFr.
Format: 344 S.
ISBN: 978-3257067453
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Donna Leon
Schöner Schein
Diogenes - 29,90 € (D/A) / 53,90 sFr.
Format: Gelesen von Jochen Striebeck
ISBN: 978-3257802900
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