Krimi
Vier Dandys erheben sich halb freiwillig, halb gezwungen von ihrem geliebten Dominospiel, um den Ausverkauf mexikanischer Bodenschätze an die USA zu verhindern. Dann lassen sie sich wieder zum Dominospiel nieder. So könnte man in zwei Sätzen die Handlung des Romans „Der Schatten des Schattens“ wiedergeben. Doch wie kommen ein Dichter, ein Journalist, ein Anwalt und ein Chinese dazu, mexikanische Ölvorkommen zu retten? Sie wissen es selbst nicht.
Am Dichter Fermín Valencia nagt die Langeweile. Der Anwalt Alberto Verdugo ist durch seine Vertretung der hauptstädtischen Prostituierten zwar mit dem Milieu vertraut, aber unausgelastet in seiner Rolle als Rebell gegen seine Herkunft. Der Journalist Pioquinto Manterola hingegen ist immer in seinem Element.
Manterola ist Polizeireporter, „weil sich hier die wirkliche Literatur des Lebens findet“. 1922, das ist das Jahr, in dem der Roman spielt, herrscht gerade ein wenig Ruhe. Zehn Jahre lang war Mexiko durch Revolution und Bürgerkrieg geschüttelt worden. In die Romanhandlung eingeschobene „Geschichten aus vergangener Zeit“ erinnern an diese Epoche, in der wild gewordene Revolutionsgeneräle, Banditen wie Pancho Villa und Bauernrevolutionäre wie Emiliano Zapata um Macht und Ausrichtung der Revolution kämpften.
Die komischste Figur unter den vier Musketieren ist der Chinese Tomás Wong. Wong kann kein Chinesisch, demonstlielt aber seine existenzielle Flemdheit, indem er konsequent L für R splicht. Er ist Mitglied einer anarchosyndikalistischen Organisation. Das bringt dem Roman einen absurden Begleitdiskurs über die Rechtfertigung revolutionärer Gewalt ein: Die Einzigen, die in dem herrschenden Chaos über die Legitimation von Bombenanschlägen und Banküberfällen debattieren, sind Wongs Genossen.
Jeder andere greift ungehemmt zur Waffe. So erlebt der Dichter beim Besuch eines Konzerts, dass einer der Posaunisten erschossen wird. Ebenso skrupellos wird, dem Redaktionsfenster des Journalisten gegenüber, ein Mann aus dem zweiten Stock gestürzt. Die Frau, die rasch zurücktritt, nachdem der Mann gefallen ist, ist die attraktive Witwe Roldán. Obwohl ihr Name warnend ein Anagramm des spanischen ladrón (= Dieb) ist, wird sie zum Objekt der Verehrung der Musketiere erkoren.
Nennen wir dies die Versuchsanordnung, in der Paco Ignacio Taibo II seinen roten Kriminalfaden verwirrt hat. So chaotisch die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, so unübersichtlich ist das Geschehen dieses herrlich in Geschichte und Literatur, Fakten und Fiktionen abschweifenden Kostümkrimis. „Also wenn das jetzt so weitergeht, werden wir bald alles wissen, außer was eigentlich hier vor sich geht“, seufzen an zentraler Stelle die Helden, um nur umso entschlossener schusssichere Westen, gepanzerte Fahrzeuge und Taschenpistolen ins Feld zu führen. Paco Ignacio Taibo II – oder kurz: PIT II – ist der populärste Krimiautor Mexikos, ein Wilder, der die Mittel der Postmoderne souverän einsetzt, um spannend zu unterhalten.
Tobias Gohlis ist Autor der "Buchjournal"-Krimikolumne "Dunkelkammer" und Sprecher der KrimiWelt-Bestenliste. In der Juni-Liste ist "Der Schatten des Schattens" auf Rang drei platziert. Die komplette Liste finden Sie unter www.arte.tv/krimiwelt
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Paco Ignacio Taibo II Der Schatten des Schattens Assoziation A - 18,– € (D) / 18,50 € (A) / 32,90 sFr. Format: 232 S. ISBN: 978-3935936637 Bestellen |
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