Romane
Robert Löhr: „Das Hamlet-Komplott“. Piper
Ohne Scheu und Berührungsängste, dafür mit Witz und Fabuliertalent holt Robert Löhr die Säulenheiligen der Weimarer Klassik vom Podest und schickt sie in allerlei Abenteuer. Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe gibt dabei den Indiana Jones. Dem Dichterfürsten zur Seite stehen August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck, Heinrich von Kleist und Madame de Staël. Die Klassikhelden sind in Löhrs Roadmovie getarnt als wandernde Schauspieltruppe – mit Shake-speares „Hamlet“ als einzigem Stück im Repertoire. In ihrem Thespiskarren transportieren sie nicht nur Kulissen und Kostüme, sondern in geheimer Mission auch die deutsche Reichskrone, hinter der die napo-leonische Geheimpolizei her ist. Unter dem Druck des täglich wechselnden Publikums erfährt so ganz nebenbei die Tragödie um den zaudernden Dänenprinzen, an deren Schluss so gut wie alle Protagonisten tot sind, einschneidende Veränderungen: Endlich gibt es auch in „Hamlet“ ein glückliches Ende für fast alle Beteiligten – sehr zum Verdruss der beiden Shakespeare-Übersetzer Schlegel und Tieck. „Das ist der große Fehler der deutschen Autoren, dass sie sich nicht ums Publikum kümmern“, merkt Madame de Staël auf Seite 124 beziehungsreich an. Robert Löhr hält das völlig anders: Er kümmert sich um seine Leser und unterhält sie ebenso launig wie gescheit. br
Titus Müller: „Die Jesuitin von Lissabon“. Aufbau
Ein Erdbeben legt alles in Schutt und Asche: Titus Müllers Roman spielt rund um den 1. November 1755, als Portugals Hauptstadt völlig zerstört wurde. Die Naturkatastrophe galt seinerzeit als eines der schlimmsten Unglücke der Weltgeschichte. Die Akteurinnen: eine böse (Leonor) und eine gute Zwillingsschwester (Dalila). Beide Frauen lieben denselben Mann: Antero. Er betreibt nicht nur seismografische Forschungen, sondern kämpft zudem bis aufs Blut mit dem machtbesessenen Jesuiten Malagrida. Als herzensbrecherische Figuren gehören auch noch Anteros Tochter Samira und deren Hund Bento zur opulenten Geschichte. Müller vereint viele packende Themen, seien es Religionsfragen, politische Gier oder fas-zinierendes, verbotenes Bibliothekswissen. Liebesdinge kommen dabei kein bisschen zu kurz. Langeweile? Kitsch? Keine Sekunde. Am Tejo bleibt alles im Fluss. pms
Brigitte Riebe: „Die Prophetin vom Rhein“. Diana
Die Mystikerin Hildegard von Bingen (1098- 1179) hat Konjunktur: Vom Hildegard-Keks über den Hildegard-Likör bis hin zu Fasten mit und nach Hildegard gibt es derzeit nichts, was es nicht gibt. Doch bei solch einer Hildegard-Schwemme ist eine Ausnahme zu lobpreisen: Brigitte Riebes beeindruckender Roman. Die Historikerin erzählt die Geschichte einer starken, klugen, leidenschaftlichen Frau, der es gegen alle männlichen Widerstände gelingt, ein eigenes Kloster zu gründen und ihre Gedanken und Visionen zu Pergament zu bringen. Sie nimmt sich der verwaisten Geschwister Gero und Theresa an, und greift – mit fatalen Folgen – ein, als sich das Mädchen in ein Mitglied der als Ketzersekte gebrandmarkten Katharer verliebt. Riebe lässt neben Glaube und Liebe auch das Alltagsleben des zwölften Jahrhunderts auferstehen und zeigt, dass das „finstere“ Mittelalter alles andere als dunkel war. br
Kay Cordes: „Das Gesicht des Teufels“. rororo
Rothenburg ob der Tauber, 1524: Die 19-jährige Köhlerin Hanna lebt mit ihrem Vater, ihrem Bruder und ihrer kleinen Schwester im Wald. Ihre Mutter ist schon lange tot, und Hanna muss sich um die Familie kümmern. Und wie die Männer auch um das Feuer. Es ist ein schweres, sehr armes Leben, das sie führen. Dann bebt auch noch die Erde, der Vater kommt in den Trümmern der Hütte um, die Köhler-Feuer greifen auf den Wald über, und Hannas Familie muss für den Schaden geradestehen. Um ihr Auskommen zu sichern, will ihr Bruder sie an einen reichen Widerling verheiraten – aber sie wehrt sich. Und weil sie von Visionen heimgesucht wird, wird ein Hexenprozess gegen sie angestrengt. Eine schöne junge Frau, der das Leben übel mitspielt – und die dann doch ihr Glück macht, davon erzählt Kay Cordes: mit schlichten Elementen, aber spannend. sc


