Romane

Alina Bronsky: Einmal Russland und zurück© Alina Bronsky
Foto: Christoph Boeckheler

26.08.2010

Alina Bronsky: Einmal Russland und zurück

1991 verließ sie die Sowjetunion, ohne ein Wort Deutsch zu können. Heute schreibt Alina Bronsky in der Sprache ihrer Wahlheimat Romane über russische Migrantinnen. Eine Begegnung mit der Überfliegerin.

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Fremd in Deutschland zu sein ist für viele Einwanderer eine eher bedrückende Erfahrung. Für Alina Bronsky war es dagegen leichter – es ist ihr schnell gelungen, hier anzukommen und sich zu integrieren. Dennoch ist das Fremd-, das Anderssein ein wichtiges Thema für sie, über das sie dann auch zwei Romane geschrieben hat.

Aufgewachsen ist sie im russischen Jekaterinburg. 1991, mit 13 Jahren, kam sie mit ihren Eltern in den Westen. Ihr Vater ist Physiker und hatte damals ein Angebot der Universität Marburg bekommen. „Ich konnte kein Wort Deutsch, meine Eltern auch nicht“, sagt die Autorin. Aber sie hat die neue Sprache schnell gelernt: in der Schule, im Umgang mit Mitschülern und Freunden – und mit Comics. „Ich habe ,Donald Duck‘ gelesen. Meinen Eltern war das nicht recht, aber ich habe dann immer nur gesagt: ,Ich verstehe doch nichts anderes‘, und habe weiter auf dem Boden mit Donald und meinen Wörterbüchern gelegen.“

Sie hat Deutsch gelernt, als ob es für immer wäre, und so war es dann auch. Die meist auf ein oder zwei Jahre befristeten Verträge ihres Vaters wurden immer wieder verlängert oder es gab neue. Die Familie blieb erst in Marburg und ging dann nach Darmstadt, wo die 31-Jährige auch heute noch mit ihren drei Kindern lebt. Deutsch spricht sie längst perfekt und akzentfrei, und sie hat einen deutschen Pass.

Beim Lernen der Sprache hat Donald Duck geholfen – und auch sonst nicht geschadet. Nur sechs Jahre nach dem Verlassen der Sowjetunion bestand Alina Bronsky das Abitur mit einem Einserdurchschnitt. Schon damals wollte sie Schriftstellerin werden, aber getraut hat sie sich das noch nicht. Stattdessen begann sie ein Medizinstudium. Das brach sie im dritten Semester ab, danach arbeitete sie in einer Werbeagentur und begann mit 21 Jahren – ihre älteste Tochter war damals fünf Monate – ein Volontariat bei einer regionalen Tageszeitung.

2007, als schon ihr drittes Kind geboren und sie nur noch freiberuflich für ihre Zeitung tätig war, hatte sie die Idee für ihren ersten Roman, und sie begann zu schreiben. Wann immer sie Lust dazu hatte und es passte – sie macht darum kein Aufhebens, braucht auch keine besonderen Umstände, Rituale oder Ruhe. „Ich hatte kein Arbeitszimmer, auch nicht einen Tisch für mich. Aber das machte nichts – mit einem Laptop kann man ja überall schreiben.“

Das tat sie dann auch, auf der Couch im Wohnzimmer, am Küchentisch und oft nachts im Bett, wenn die Kinder schliefen. „Wenn man nicht weiß, worüber man schreiben soll, nutzen einem auch freie Zeit und ein schöner Tisch nichts. Aber wenn die Idee ansteckend großartig ist und einen mitzieht, kann man immer und überall arbeiten.“

Alina Bronsky war angesteckt, und so schrieb sie „Scherbenpark“: die Geschichte der 17-jährigen Sascha, die mit ihrer Mutter, ihren zwei Geschwistern und ihrem Stiefvater Vadim von Russland nach Deutschland gekommen ist und nun im Scherbenpark lebt, einem Hochhaus, das als sozialer Brennpunkt gilt. Saschas Mutter hat sich gut in Deutschland eingelebt, der Stiefvater aber nicht. Er tyrannisiert seine Frau, bis sie sich von ihm trennt – und Vadim sie und ihren neuen Freund tötet. Der Roman erzählt, wie Sascha versucht, mit dieser Katastrophe fertigzuwerden.

Drei Lektoren hat Alina Bronsky das Manuskript geschickt, zwei wollten es haben, und sie hat sich für den Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln entschieden. Kurz bevor ihr Debüt veröffentlicht wurde, las sie daraus eine Passage beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2008. Einen Preis hat sie damals nicht gewonnen, aber später mit ihrem Roman nicht nur ein breites Publikum angesprochen, sondern auch viele Literaturkritiker. Es herrschte eine ungewöhnliche, nahezu einhellige Begeisterung über den jungen, frischen Sound, den „Bronsky-Beat“ und die hochbegabte, freche Heldin des Romans. Die wird inzwischen auch von vielen jungen Leserinnen und Lesern zur Kenntnis genommen, nicht zuletzt, weil „Scherbenpark“ Schullektüre geworden ist.

Neben Lesungen, Schulbesuchen, Haushalt und Familie hat Alina Bronsky ihren zweiten Roman begonnen – ein Projekt, das für viele Autoren schwierig ist, nicht aber für sie. „Der Erfolg des ersten Buchs hat mich nicht unter Leistungsdruck gesetzt, sondern nur Positives gebracht. Es ist sehr schön, als Schriftstellerin wahrgenommen und respektiert zu werden. Ich war dann aber auch selbst von meiner neuen Geschichte so hingerissen, dass ich gar nicht weiter darüber nachgedacht habe, wie andere sie finden werden.“

 

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Sabine Schmidt

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