Romane
Frau Potente, wie kam es dazu, dass Sie Ihre zehn Erzählungen in Japan angesiedelt haben?
Mich hat Japan schon fasziniert, bevor ich 2005 zum ersten Mal dort war, mit Max Urlacher. Wir drehten einen Dokumentarfilm, interviewten Leute aus der Kunstszene und kamen so mit dem offiziellen Japan in Berührung. Im Jahr darauf fuhr ich mit einem japanischen Freund dorthin und lernte das Land von seiner privaten Seite kennen. In Japan gibt es ein starkes Empfinden von Innen und Außen, und es geht viel mehr um die Sachen, die nicht gesagt werden, als um jene, die gesagt werden. Die Feinheiten liegen im Nonverbalen. Der japanische Freund hatte, als wir nach Japan kamen, seine Mutter drei Jahre nicht gesehen, und in der Zwischenzeit war vieles geschehen. Ich erwartete also, dass sie sich in den Armen liegen würden. Aber nichts dergleichen. Man verbeugte sich kurz, sprach wenig. Erst am nächsten Tag bereitete die Mutter dem erwachsenen Sohn ein Bad und kochte fantastisch für uns. So wusste er, dass sie sich irrsinnig freute.
Wie fühlen Sie als Europäerin sich dort?
Wir sind Gaijin, das heißt Außenmenschen. Und da die Japaner sich selbst für weltführend halten, in Kultur, Mode etc., reagieren sie sehr nachsichtig, denn der Europäer kann, weil er nicht wirklich in diese Gemeinschaft hineinkommt, drinnen keinen Schaden anrichten. Oft kapituliert man, weil man die Dynamiken der Kommunikation nicht erfasst. Allein unter Japanern, füllte ich dieses Vakuum damit, ständig zu beobachten und zu dechiffrieren: Wieso macht der das jetzt? – Es wird ja nicht direkt kommuniziert. Kaum ein Satz der Japaner beginnt mit „ich“; die Leute sagen nicht: „Ich meine oder mache dies und jenes, weil …“. Man muss die Geschichten dazuraten. Und das ist, glaube ich, das Buch: all diese Zwischenräume. Die man dann anfüllt – mit Geschichten.
Wenn es so schwierig ist, ins Innenleben der Japaner vorzudringen, wie haben Sie dann als Autorin aus deren Innenschau schreiben können?
Einige Momente der Berührung kamen, wenn ich viel Zeit mit Menschen zubrachte. Man hielt Stille miteinander aus, dann fiel ein Satz, der die Stimmung traf. Wie bei der Frau aus meiner Kurzgeschichte „Das Monster“, die ihr Kind schrecklich gleichgültig behandelt. Diese Figur hat ein reales Vorbild. Die Art, wie diese Frau den Zigarettenrauch in die Dunstabzugshaube blies, vergesse ich nicht! Am dritten Tag des Zusammenseins sprach sie den einen Satz: dass ihr Mann nicht so lustig sei, wie sie ursprünglich gedacht habe. Mehr musste sie nicht sagen. Plötzlich erschloss sich vieles, ohne dass sie sich hätte erklären müssen.
Warum sind etliche Ihrer Figuren alte Menschen, zum Beispiel der Mann, der sich als imaginären Begleiter in den Tod kurioserweise einen amerikanischen Wrestler auserkoren hat?
Ich fühle mich Älteren mehr verbunden – eine meiner engsten Freundinnen ist 65 – und arbeite am Set auch lieber mit älteren Kollegen zusammen. Die haben eine ganz andere Ruhe. Von diesem alten Japaner, wie er seine kleine Katze im Arm hält, in seinem kleinen Lädchen, habe ich ein Foto. Ich überlegte, wie es wäre, dieser Figur einen unsichtbaren Freund an die Seite zu geben. Dieser Wrestling-Samurai ist Traumsequenz, surreal ist alles möglich. Ich glaube, in Träumen unterscheiden sich die Menschen gar nicht so erheblich voneinander. Das ist der freieste Raum, den es gibt. Und wenn man älter wird, wird man auf eine bestimmte Weise wieder jünger: Man gibt Verantwortung zurück – wie der alte Mann an seine Traumfigur.
In Ihren Geschichten geht es auch um die durchaus einengenden Grenzen japanischer Konventionen und deren Konfrontation mit einer anderen Kultur.
Wir schauen mit unseren westlichen Augen darauf und empfinden das alles als sehr eng und bedrückend; umgekehrt schauen die Japaner auf uns und finden uns unmöglich: „Ach, die Armen, reden ganz viel und sagen nichts!“ Ich glaube, beides muss man als anders so stehen lassen, ohne Bewertung. Mir hat man immer gesagt: „Du bist wie ein Samurai, immer hast du das Schwert draußen.“ Die Japaner finden es lächerlich, wenn jemand seine Energie so herausballert. Sich nicht unnötig zu verausgaben ist eine andere Art und Weise, miteinander umzugehen. Bei uns ist ja immer ein Raum da, sich einzubringen oder etwas zu berichtigen. Es fällt mir selbst schwer, darauf zu vertrauen, dass es nonverbal geht, mit Zeit, betrachtend, wie man körperlich miteinander in einem Raum ist, was die Distanz mit einem macht, die man dann sucht oder nicht sucht. (lacht) Jetzt bin ich in der Bredouille, das, was im Buch nicht erklärt ist, doch ein bisschen zu erläutern.
Zur Person
Franka Potente, 1974 in Münster geboren, gehört seit ihrer Titelrolle in Tom Tykwers „Lola rennt“ zu den international gefragtesten deutschen Schauspielerinnen. Sie trat unter anderem in „Die Bourne Identität“ und in der Literaturverfilmung von „Elementarteilchen“ auf. Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über „Underground Art“ in Tokio führten sie 2005 nach Japan, wohin sie seitdem immer wieder zurückkehrt. Japan ist auch ihr Erzähldebüt „Zehn“ gewidmet. Franka Potente lebt in den USA.
Elisabeth Grün


