Sachbuch

Asfa-Wossen Asserate: Äthiopien und Kartoffelsalat

10.09.2010

Asfa-Wossen Asserate: Äthiopien und Kartoffelsalat

Er ist mit Goethe, Schiller und mit Königsberger Klopsen in Addis Abeba groß geworden. Seit 1981 ist Asfa-Wossen Asserate deutscher Staatsbürger und hat mit "Draußen nur Kännchen“ eine unverkrampfte, bisweilen lehrreiche Liebeserklärung an seine Wahlheimat geschrieben.

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Der Prinz begrüßt mit Handkuss und nein, niemals würde er der Dame die Rechnung für den Kaffee überlassen. Keine Diskussion. "In dem Punkt bin ich altmodisch.“ Asfa-Wossen Asserate, trotz Hitze korrekt in Anzug und Weste, lächelt charmant und lehnt sich im dunklen Ledersessel der Hotellobby zurück. Der kaiserlichen Hoheit widerspricht man nicht. Wenngleich der Adelstitel des Großneffen von Haile Selassie, des letzten Kaisers von Äthiopien, nur noch Geschichte in der Vita des Wahl-Frankfurters ist.

Seit 1974 lebt der 61-Jährige in der Stadt, die ihm Heimat geworden ist, wie er sagt, und die er liebt. Weil sie Provinzialität, Internationalität und Weltoffenheit auf kleinstem Raum verbindet. Und er liebt sie für ihre Geschichte als freie Reichsstadt und Wiege der Demokratie. Das passt zu Asfa-Wossen Asserate. Der Jurist, Volkswirt, Historiker und Autor ist ein Mann, der sich bewusst mit Kultur­geschichte auseinandersetzt. Weil sie Identifikation schafft, Heimatgefühl, jene nationale Identität, die ein Mensch braucht, um international denken zu können, weltoffen und tolerant zu sein, wie er sagt. „Man muss wissen, wer man ist.“

Der äthiopische Prinz versteht sich als Deutscher. Und das nicht nur, weil er seit 42 Jahren im Land lebt, für schwäbischen Kartoffelsalat und Frankfurter Grüne Soße schwärmt oder seit 1981 deutscher Staatsbürger ist. Asserate ist mit der deutschen Sprache und Kultur groß geworden, mit Goethe und Schiller, mit Plätzchenbacken und baye­­rischem Schuhplattler. Er denkt deutsch, war in Addis Abeba von deutschen Kindermädchen umgeben, von „Tante Luise“, die ihm und den sechs Geschwistern Königsberger Klopse oder Wiener Schnitzel auftischte. Der Vater schickte ihn mit sieben auf die deutsche Schule; dass er später nach Deutschland kam, „war gewissermaßen vorgezeichnet“.

Jetzt hat Asserate auf Wunsch seines Verlags ein Buch über Deutschland und die Deutschen verfasst. Er hat zusammengetragen, "was mich bewegt, wenn ich an Deutschland denke“. „Draußen nur Kännchen“ ist eine herrlich unverkrampfte, bisweilen auch lehrreiche Liebeserklärung an seine Wahlheimat geworden, in der Asserate vom Hohelied auf die Kartoffel, deren Anbau Friedrich II. durchsetzte, bis hin zum Geschimpfe auf die deutsche Bahn alles versammelt, woraus sich sein buntes Bild von Deutschland zusammensetzt. Ein Deutschland, das endlich auch unverkrampft nationale Identität demonstrieren kann. „Das hat aber nicht die Wiedervereinigung 1989, sondern erst die Fußball-WM 2006 geschafft.“ Ein Dammbruch – für Asserate ein heilsamer.

Er selbst kam just im studentenbewegten 1968 von Addis Abeba zum Studium nach Tübingen – und sah sein Bild vom Land der Dichter und Denker gehörig erschüttert: Kommilitonen, die sich im Ausland nicht als Deutsche zu erkennen geben wollten. Demos und hitzige Debatten bis tief in die Nacht. Der Prinz aus Äthiopien war alles andere als ein Verfechter der „Diktatur des Proletariats“, obwohl er den Absolutismus von Kaiser Selassie kritisierte. Ihm schwebte vielmehr eine konstitutionelle Monarchie à la England vor. Die 68er haben ihn dennoch nachhaltig geprägt: "Ich habe gelernt, dass man sich stundenlang über Politik streiten kann, bis die Köpfe rauchen, aber danach wieder zusammen ein Bier trinkt.“ Inhaltliche Gegnerschaft bedeutet nicht persönliche Feindschaft, sondern – das war bemerkenswert – gelebte Demokratie.

Doch nicht die Studentenrevolte, 1974  hat sein Leben grundlegend erschüttert. Zu Beginn der kommunistischen Revolution in Äthiopien wurde sein Vater an die Wand gestellt, Mutter und Geschwister kamen in Arrest. Über Nacht war Asfa-Wossen nicht mehr der privilegierte Auslandsstudent, sondern politischer Flüchtling und mittellos. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Mehr sagt der Mann des vornehmen Understatements nicht über die persönliche Katastrophe. Nur, dass ihn sein tiefer Glaube – Asserate ist äthiopisch-orthodoxer Christ – gerettet hat. Er studierte damals in Frankfurt, arbeitete an seiner Promotion. "Ich musste mich fortan auf Deutschland konzentrieren.“ Auf neue Ziele – und auf seine Familie.

Mit wahnwitziger Energie kontaktierte er fast zwei Jahrzehnte lang Staatsoberhäupter, EU, Parlamente, Amnesty International, sogar den Papst, um sich für seine Familie einzusetzen. Das hat ihn geprägt, sagt er, vor allem seinen Hass auf die Realpolitik geschürt, die bis heute die Afrika-Politik der meisten Staaten diktiere und selbst korrupte Regime unterstütze, nur um Einflussgewalt und eigene Interessen zu wahren. Bei dem Thema kann sich der nonchalante Plauderer in Rage reden, „und ich werde das schreien, so lange ich lebe“.

Seine Familie kam frei, lebt heute in England. Doch sein Engagement für seine alte Heimat ist ungebrochen. Als Unternehmensberater vermittelt Asserate Kontakte für Betriebe, die in Afrika investieren wollen, gründete die erste  Menschenrechtsorganisation in Äthiopien, ebenso die Gesellschaft zur Kulturförderung, Orbis Aethiopicus, und er engagiert sich für demokratische Strukturen und ein föderales System, das keine ethnischen Grenzen zieht. Seit dem Sturz des Mengistu-Regimes 1991 reist er regelmäßig nach Äthiopien, ein Zurück gibt es nicht.

Asserate hadert nicht mit seinem Schicksal. Jammern und meckern, wie es die Deutschen nach seinem Geschmack viel zu oft tun, sind nicht seine Sache. Auch eine Haltung, die ihn sein Schicksal gelehrt hat. Und es hat ihn zum Weltbürger gemacht, zum Deutschen „mit äthiopischem Herzen“, zum begehrten Afrika-Experten und Autor, ständig auf Achse für Lesungen und Vorträge.

Geheiratet hat er nie, der Prinz führt seinen Haushalt im noblen Frankfurter Westend inmitten berstend voller Bücherregale und von Artefakten aus seiner Heimat alleine. Als es Zeit fürs Heiraten war, hatte er keine, sagt er, lächelt  – und schweigt.

Anita Strecker

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1 Kommentar/e

1. juergen von chamier 26.04.2011 18:26h

ich bin begeisterter Leser Ihrer Bücher und würde Sie gerne bei einer Lesung, die Sie in Berlin abhalten, hören und kennen lernen. Ich freue mich, von Ihnen zu hören - Ihr Jürgen von Chamier, Berlin.

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