Sachbuch

Paris, Stadt der Künstler

27.08.2010

Paris, Stadt der Künstler

Kunst, Mythos, Sehnsucht und Legendenbildung: neue Bücher über Leben, Lieben, Spotten und Sterben in Frankreichs Metropole.

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"Ein aufgeschlagenes Buch ist Paris zu nennen, durch seine Straßen zu wandern, heißt lesen.“ Auch deshalb war Ludwig Börne so begeistert von Frankreichs Hauptstadt. Dort lebte er lange, dort starb er. Dort las er. Und war als Autor ungemein produktiv. Wie auch sein Antipode Heinrich Heine. Der begnadete Spötter und grandiose Lyriker schrieb im Oktober 1832 einem Freund euphorisch: „Fragt Sie jemand, wie ich mich befinde, so sagen Sie: wie ein Fisch im Wasser. Oder vielmehr, sagen Sie den Leuten, daß, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: ich befinde mich wie Heine in Paris.“

Paris – nicht erst seit Börne und Heine einer der großen Sehnsuchtsorte der Deutschen. Doch von Börnes und Heines Stadt, dem Paris zwischen Napoleon I. und Napoleon III., ist nicht allzu viel geblieben. Schon vor Heines Tod 1856 nahm Georges Haussmann seinen radikalen Umbau in Angriff und schlug große Boulevards durch das Zentrum. In den 1980er Jahren veränderte François Mitterrand ein zweites Mal die Physiognomie der Stadt durch Pres­tigeprojekte. Fällt der Name Paris, denkt man heute dennoch weltweit reflexhaft an das kulturarchäologische Paris, an die Stadt der Dichter, Künstler, Bohemiens.

Mit einigen neuen Büchern lässt sich dies vertiefen. Das Paris von Heine zum Beispiel ist lesend, allerdings weniger promenierend zu erkunden mit dem klugen Band der Literaturwissenschaftler Gerhard Höhn und Christian Liedtke. Ins Paris der Anarchisten und Kommunarden, der antibürgerlichen Revolutionäre und Revolutionen führt der informative Stadtführer von Rámon Chao und Ignacio Ramonet. Und zwei Bücher zeichnen die goldenen Jahrzehnte zwischen 1910 und 1930 nach.

1928 kam ein junger Kanadier namens John Glassco nach Paris. Und genoss das Leben, fast allem gegenüber aufgeschlossen, gierig und in vollen Zügen. Er lernte viele Berühmte kennen, Hemingway, Gertrude Stein, James Joyce und jede Menge Möchtegernberühmte. „Was werde ich mit meiner Jugend, meinem Leben anfangen? Mich vergnügen, was sonst“, liest man zu Beginn des lebendigen, überaus farbigen Erinnerungsbuchs, dessen auftretende Personen, fast alles Nicht-Franzosen, im Anhang aufgeschlüsselt werden und das Glassco Anfang der 1930er Jahre geschrieben haben will. Tatsächlich entstand es aber erst 35 Jahre später in Kanada. Ein Schlüssel­dokument einer scheinbar endlosen Party, die mit dem Börsenkollaps im Oktober 1929 auf einen Schlag vorüber war.

Da war Amedeo Modigliani schon fast zehn Jahre tot. Mit gerade einmal 35 Jahren war der Künstler Anfang 1920 gestorben, wenige Tage später beging seine Lebensgefährtin Jeanne Hébuterne Selbstmord. Michel Georges-Michel (1883 – 1985) brachte seinen Roman über die Boheme, der nun erstmals auf Deutsch vorliegt, 1924 heraus. Überlange Körper, Gesichter wie Ornamente: Modiglianis Arbeiten sind unverwechselbar und hängen heute in allen großen Museen der Welt. Wie aber lebte der 1886 im italienischen Livorno geborene, seit 1906 in Paris wohnende jüdische Maler? Er hungerte und er starb elend.

Georges-Michel, Maler, Romancier, Journalist, gut vernetzt und mit vielen befreundet, erzählt sein Leben und das der Künstlerboheme farbig und präzise nach. Unverkennbar diente Modigliani als Vorbild für den genialen, von vielen geliebten und selber viele liebende Modrulleau. Neben ihm treten zahlreiche andere Künstler unter ihren realen Namen auf, Moise Kisling, Pablo Picasso oder auch Leonard Foujita, von dem mehrere Zeichnungen abgedruckt sind. „Der Montparnasse von 1925“, schrieb Armand Lanoux einmal, "war verrückt und freigebig in Formen und in Ideen. Es war echt und absurd, verzweifelt, marktschreierisch und delirierend. Unfruchtbar auf der menschlichen Ebene, war sein Ideenreichtum enorm. Wir schulden ihm alles.“

Was Europa und die Welt Paris schuldet, ist eines: Esprit. Diesen hat der Wahlpariser, legendäre Dokumentarfilmer und Interviewer Georg Stefan Troller in einem Lesebuch zusammengetragen. Man findet in dieser Zitatenlese zündende und vergnügliche Aphorismen, nach Schlagworten wie Glück, Jugend und Alter, Kunst, Wahrheit und, natürlich, Liebe angeordnet.

Die Ironie und Klugheit der Bonmots von unter anderen Henri de Regnier ("Die Liebe ist ewig, solang sie dauert“) über Colettes Lamento („Das Glück, das heißt seine Sorgen wechseln“) bis zu Jules Renards charmanter Bemerkung „Zwei Buchstaben zu Paris dazufügen, und es ist: le paradis, das Paradies“ ließe sich um vieles ergänzen. Etwa um einen Gedanken, der von der Berliner Sängerin Kitty Hoff stammt. "Was wären die Deutschen ohne ihre schlechte Laune?“, fragte sie einmal. Und gab voller Esprit selber die Antwort: "Franzosen.“

Die Sehnsucht nach der Stadt der Lichter und der Stadt der Liebe ist einfach zu groß. Schließlich gab am Ende von „Casablanca“ Humphrey Bogart alias Rick Blaine Ilsa (Ingrid Bergman) vor ihrem Abflug einen berühmten Trost mit: "We’ll always have Paris.“ Paris bleibt uns immer. Um dorthin zu fahren. Und darin zu lesen wie in einem Buch.

Alexander Kluy

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