Kolumnen

22.04.2011Stratmanns Welt

Bühne frei!

Heute erzähle ich Ihnen mal die Wahrheit über Lesereisen, die die Verfasser von gedruckten Werken nach deren Erscheinen ja zu absolvieren haben.

Schlagworte:
Kolumne, Cordula Stratmann

Dem ein oder anderen von Ihnen werden manchmal so Gedanken rausrutschen wie: Ach, was für ein schönes, aufregendes Leben! So auf Reisen sein! Jeder Tag ist anders! Immer neue Leute! Raus aus der Routine!

Und hier, liebe Leser und -innen, grätsche ich nun in Ihre Fantasien und verderbe Ihnen den Spaß mit schonungsloser Aufklärung: auf Reisen sein heißt auf den Zug warten, im Zug sitzen, aus dem Zug aussteigen; wahlweise auf das Flugzeug warten, im Flugzeug sitzen, aus dem Flugzeug aussteigen – im Flugzeug ist es im Unterschied zum Zug auch noch übel laut und eng. Außerdem hat man, wenn man sich sehr beeilen musste, immer noch nicht den Gürtel wieder in der Hose nach dem enervierenden Sicherheitscheck am Flughafen. Unerwähnt bleiben hier Komplikationen wie gestrichene oder überbuchte Flüge oder Laub auf den Schienen.

Ist man am Zielort angekommen, geht’s mit Sack und Pack und einem an diesem Tag übellaunigen Taxifahrer erst mal ins Hotel, wo man AUSNAHMSLOS ÜBERALL mit der Frage begrüßt wird, ob man eine gute Anreise hatte. Ich werde davon stets im selben Moment bleiern müde und möchte augenblicklich vor dem Frager auf dem Empfangstresen mit dem Kopf aufschlagen.

Dann geht’s weiter zum Veranstaltungsort. Soundcheck wird der nun folgende Tagesordnungspunkt genannt, damit der Autor ernsthaft glaubt, das sei alles irgendwie Rock ’n’ Roll. Wie Sie sich unschwer vorstellen können, dauert so ein Mikrofon-Ausprobieren für die Abteilung Technik rund zehn Minuten, wenn es nicht ganz glattläuft, sonst vier Minuten, danach verschwindet der Vorleser in der Garderobe, nicht selten ein improvisiertes Stück „Raum“, gern ohne Tageslicht.

Wer das Glück eines zur Lesereisezeit intakten Familienlebens genießt, pflegt natürlich regelmäßigen Kontakt mit daheim, was den Autor gefährlich der Zerrüttung  nahe bringt, wenn er, in der Ferne weilend, Fotomaterial erhält von lustigen Runden im heimischen Garten mit Eis schleckenden Kindern und Eiskaffee schlürfenden befreundeten Eltern anderer Eis schleckender Kinder.

Und jetzt verrate ich Ihnen, was den Autor beinahe täglich dann wieder entschädigt für dieses vollkommen unromantische, triste in einem zutiefst tiefen Sinne langweilige Kofferschleppen von A nach B: Das sind Sie, liebe Leser, die pünktlich und erwartungsvoll den Gastgeber auf der Bühne empfangen und ihm Ihre Aufmerksamkeit schenken.

Und das sind zum anderen einzelne Veranstalter, die liebevoll in die Garderobe alles anschleppen, wovon sie sich vorstellen, dass es des Autors Wohlbefinden steigert. Obacht! Diese unterscheiden sich vom anderen Veranstaltertypus,  der eher Unwohlbefinden bedient.

Herausgehoben sei hier ein Vertreter dieser Gattung, der mich zur Begrüßung mit einer Devotheit anstrengte, die man sonst nur für Diktatoren an den Tag legt, von denen man denkt, sie würfen einen in den Kerker, wenn man sie nicht günstig stimmt. Dieser Herr wollte mich günstig stimmen mit lang anhaltenden überbordenden Komplimenten, was ich wiederum ungünstig fand.

Noch ungünstiger dann die Diskrepanz zwischen dem Nichtvorhandensein einer vereinbarten Mahlzeit und dem Fortsetzen überbordender Komplimente. Am ungünstigsten erwies sich nach der Veranstaltung seine Abwesenheit, als ich langsam gewahr wurde, dass ich nun selbst für mein  Fortkommen und Türeschließen sorgen muss. Aber er hatte mir ja vorher schon ausreichend gesagt, wie toll er mich findet.

Dass ich den Abend dennoch in guter Erinnerung habe, verdanke ich wiederum Ihnen, die sich im Zuschauerraum alle tipptopp benommen haben! Und falls Sie mal ein Buch schreiben und damit auf Reisen gehen: Freuen Sie sich schon mal auf Kiel und das Metro-Kino. So wie von Andre sind Sie noch von niemandem versorgt worden!

Zur Person
Cordula Stratmann, geboren 1963, zählt zu den erfolgreichsten deutschen Komikerinnen.  Sie ist vielfach preis­gekrönt: vom Deutschen Comedypreis über die Goldene Kamera bis zum Bayrischen Fernsehpreis. "Sie da oben, er da unten" ist ihr erster Roman.

Cordula Stratmann

Titel
Cordula Stratmann
Sie da oben, er da unten
Kiepenheuer & Witsch - 13,95 € (D) / 14,40 € (A) / 21,90 sFr (UVP)
Format: 256 Seiten
ISBN: 978-3-462-03935-1
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Schlagworte:
Kolumne, Cordula Stratmann

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