Literatur-Nachrichten

Die Welt erobern wie ein Kind

Sie schreibt über Freundschaften, Knatsch mit den Eltern und verwirrte Omas: Bettina Obrecht weiß, was Kinder bewegt, und trifft immer den richtigen Ton. Ein Besuch bei der Schriftstellerin in der hessischen Provinz.

Wer sie finden will, muss die Augen offen halten. Zweiter Feldweg links, tief im verschlafenen Lumdatal in Mittelhessen, dann, irgendwann, taucht sie auf, die alte Mühle mit Scheune, Stall und windschiefem Bienenhäuschen, wo die Zeit seltsam verlangsamt scheint, nur Vogelgezwitscher die Stille durchbricht. Dorthin hat sich Bettina Obrecht mit Mann und Sohn zurückgezogen, um Ruhe zu finden, Atmosphäre und Stimmungen zu erspüren, Bilder zu sehen, Gerüche wahrzunehmen, die die Fantasie beflügeln und sie zu ihren Kinderbüchern inspirieren. Alles  findet sich eins zu eins in ihren Geschichten wieder.

Die alte Eiche vorm Haus, Rehe, die abends auf der Wiese weiden, die sie vom Küchenfenster aus sehen kann, der Fuchs, der vorüberstreicht, der schmale Bach, der Kuckuck, der ruft, die Wildschweine, die sich nachts bis auf den Hof wagen. „Alles Urbilder der Kindheit, und sie sind mein Alltag.“

Die kleine Frau mit den braunen, schulterlangen Haaren lacht und brüht in ihrer großen Bauernküche frisch gemahlenen Kaffee für ihre Besucher auf. Sie braucht den persönlichen Bezug, um sich in ihre Figuren hineinzudenken, sagt sie. Die Nähe zu den Charakteren. „Über extrem selbstbewusste oder supersportliche Kinder könnte ich nicht schreiben.“ Und sie braucht den Bezug zu den Themen und Erlebnissen, die ihre jungen Heldinnen und Helden durchleben. Wie Sophie in ihrem jüngsten Werk, die durch einen ängstlichen Hund im Tierheim ihre eigene Schüchternheit überwindet. „Ich war auch eher schüchtern, hatte Mühe, Leute anzusprechen.“ Oder Carina in „Briefe aus Amerika“, die in ihrer Schule gemobbt wird.

Oder Anna, die sich – wie sie selbst früher als Kind – sehnlichst einen Hund wünscht.Die 47-Jährige schreibt über alles, was Kinder und Jugendliche bewegt. Über Freundschaft, Scheidung, Knatsch mit Eltern, altersverwirrte Omas, über Patchworkfamilien, den Umgang mit Außerirdischen. Und sie trifft zielsicher den richtigen Ton, egal wie alt ihre Romanhelden gerade sind. Obwohl sie „dafür gar nichts extra mit Kindern macht“, eher Beobachterin bleibt.

Sie hat einen zehnjährigen Sohn, kennt natürlich seine Freunde. Aber sonst? „Vieles ist Intuition. Ich kann mich in Kinder hineinversetzen und mich sehr gut erinnern, wie es früher bei mir war.“ Was sie braucht, ist schlicht ein Name. Ein Name, den sie mit einem Charakter verbindet und der zum Thema ihrer Geschichte passt.

„Ich sitze dann stundenlang da und wälze Namensbücher.“ Das Aussehen ihrer Helden – Haarfarbe, Frisur, Kleider, die sie tragen, all das spielt für sie keine Rolle. „Ich mache mir dazu kein Bild.“ Allein der Name ist Initialzündung, dann blendet sie die Erwachsenenwelt aus, betrachtet die Welt wie ein Kind, das wissbegierig und unbedarft mit Witz und Entdeckergeist seine eigenen Erklärungen zusammen­bastelt. „Hofnarren-Perspektive“ nennt Bettina Obrecht das.

Dabei hatte die gebürtige Badenerin nie im Sinn, je ein Kinderbuch zu schreiben. Nicht mal ganz am Anfang, als sie in der dritten Klasse beschloss, Schriftstellerin zu werden, und ihre Deutschlehrerin mit ellenlangen Aufsätzen in den Wahnsinn trieb. Bücher und ihre eigenen Geschichten waren die Fluchttür in andere Welten, voller Abenteuer, die es in dem Reihenhäuschen in Weil am Rhein und dem bürgerlich-biederen Familienleben – Mama Hausfrau, Vater kaufmännischer Leiter – nicht gab. Damals waren Tiergeschichten interessant. In allen Variationen. Tiere, die sie tollkühn aus den Fängen von Pelztierhändlern befreite, vorm Schicksal der Massentierhaltung, vorm Tod im Schlachthaus.

Sie hat sich früh engagiert, Partei für die Schwachen ergriffen, gegen Ungerechtigkeit protestiert, sogar schon, als noch die Märchen der Grimms angesagt waren und die kleine Bettina gegen grausige Todesstrafen für die Bösen aufbegehrte: „Was kann die Hexe dafür, dass sie als Hexe geboren wurde?“
Die Empathie ist geblieben. Und die Besessenheit zu schreiben. „Nur zur Sicherheit“ hat sie nach dem Abi Sprachen studiert, mit Abschluss Dolmetscherin und Übersetzerin. Nebenbei schrieb sie Kurzgeschichten und Lyrik, hat ein Stipendium auf Schloss Solitude bekommen, Hörspiele für den Rundfunk getextet und bei einem Schreibwettbewerb schließlich eine Fortbildung für Kinderbuchautoren gewonnen. Sie hat sich einfach angemeldet, trotz leiser Panik: „Ich dachte, oh Gott, die merken doch gleich, dass ich keine Kinderbuchautorin bin.“ In der Not hat sie losgeschrieben, ein Kapitel für „Manons Oma“ – und damit prompt ihren ersten Vertrag bei Oetinger geerntet.

Im Kinderbuch hat sie „ihr“ Metier gefunden, ihren Ton, die ideale Form, sich auszudrücken. Und auch die Tiere sind in ihre Geschichten zurückgekehrt. „Kinder und Tiere gehören einfach zusammen.“ Inzwischen hat die 47-Jährige mehr als 30 Bücher für alle Altersgruppen in verschiedenen Verlagen veröffentlicht, zählt zur ersten Riege der deutschen Kinderbuch­autoren, tourt jährlich für bis zu 100 Lesungen kreuz und quer durch die Republik, beackert zwischendurch ihren Gemüse­garten und schreibt im Schnitt noch zwei Bücher pro Jahr.

Dass deren Verfallszeit immer kürzer wird, ein Titel nach zwei Jahren meist aus den Regalen verschwindet und der Markt nach neuem Lesefutter lechzt, frustriert sie. Bettina Obrecht geht es um gute Sprache und die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die sie bietet. Das will sie Kindern vermitteln. Sie schaut versonnen aus dem Fenster über die Wiesen und Felder vor ihrem Haus. Sie werden immer da sein – wie gute Literatur.

Anita Strecker

Titel

  1. Die kleine Hexe Ida
    • Verlagcbj
    • ISBN 978-3-570-13944-8

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  2. Ich wär so gern ... Wie Sophie ihre Schüchternheit vergaß
    • VerlagGabriel Verlag
    • ISBN 978-3-522-30243-2

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  3. Sputnik
    • VerlagOetinger media
    • ISBN 978-3-8373-0540-1

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