Kolumnen
23.08.2011Stratmanns Welt
Bitt vrsthn Si das!
Sehr geehrte Leute! Heute Morgen erreichte mich die Nachricht, dass auf der Tastatur eines Computers 400-mal mehr Keime sitzen als auf einer herkömmlichen Klobrille! Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen heute so unappetitlich mit der Tür ins Haus falle und diese Schreckensnachricht nicht etwas charmanter umschreibe, zumal wir uns ja erst am Beginn unseres dieskolumnischen Kontaktes befinden.
Aber ich bin nun nachhaltig erschüttert ob dieser Hiobsbotschaft, da sich meine berufliche Tätigkeit außer zu den Zeiten, in denen ich Ihnen gerade vorführe, was ich mir zwischenzeitlich erdacht habe, ja überwiegend am oben schlecht beleumundeten Gerät abspielt, eben um die Dinge zu erdenken, die ich Ihnen dann irgendwann wieder vorführe.
Seit drei Stunden geht meine Hauptenergie in den Gedanken, wie ich für ein ganzjährig unangreifbares Immunsystem sorgen kann – der einzigen Chance, von meinem Arbeitsmittel nicht langfristig dahingerafft zu werden. Das muss wiederum zu erreichen sein, ohne dass ich das Joggen anfange, da ich Herumrennen hasse. Aber ich brauche, auf welchem Weg auch immer, ein beinhartes Immunsystem, damit ich mich nicht frühverrenten lassen muss, weil mein Arbeitsplatz verlustig gegangen ist.
Ich werde an dieser Stelle die erste Maßnahme zu meiner Gesunderhaltung ergreifen müssen; je eher ich anfange im Kampf gegen die Bazillen, desto besser. Mein erstes Stemmen gegen die Ansteckung hat allerdings für Sie etwas unkomfortable Folgen: Ich werde ab hier in meinem Text auf das e verzichten, da laut Forschung dies der belastetste, weil meistgebrauchte Buchstabe ist. Und ich möcht ungrn im Wissn darum witr machn, als wär nichts, bitt vrsthn Si das!
Ich hab in supr Id ! Ich kopir Ihnn in Gdicht, das ich shr mag, di ’s darin sind ja schon vor längrr Zit ingfügt und stckn nicht mhr an! Jtzt muss ich rst mal in Gdicht suchn, ich mag nämlich gar nicht so grn Gdicht, und davon dann min Liblingsgdicht, das kann jtzt bisschn daurn.
Da bin ich widr. Immr rst mal bim Kästnr nachschaun. Und hirmit wünsch ich Ihnn alln inn schönn:
Der August von Erich Kästner
Nun hebt das Jahr die Sense hoch
Und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muss mähen.
Und wer mäht, muss säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.
Stockrosen stehen hinterm Zaun
In ihren alten brüchigseidnen Trachten.
Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun,
mit Schleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau’n,
die eine Reise in die Hauptstadt machten.
Wann reisten sie? Bei Tage kaum.
Stets leuchteten sie golden am Stakete.
Wann reisten sie? Vielleicht im Traum?
Nachts, als der Duft vom Lindenbaum
an ihnen abschiedssüß vorüberwehte?
In Büchern liest man groß und breit,
selbst das Unendliche sei nicht unendlich.
Man dreht und wendet Raum und Zeit.
Man ist gescheiter als gescheit, –
Das Unverständliche bleibt unverständlich.
Ein Erntewagen schwankt durchs Feld.
Im Garten riecht’s nach Minze und Kamille.
Man sieht die Hitze. Und man hört die Stille.
Wie klein ist heut die ganze Welt!
Wie groß und grenzenlos ist die Idylle …
Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht.
Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,
ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.
Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht!
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.
(aus: Erich Kästner, "Die dreizehn Monate", © Atrium Verlag, Zürich, und Thomas Kästner)
Zur Person
Cordula Stratmann, geboren 1963, zählt zu den erfolgreichsten deutschen Komikerinnen. Sie ist vielfach preisgekrönt: vom Deutschen Comedypreis über die Goldene Kamera bis zum Bayerischen Fernsehpreis. „Sie da oben, er da unten“ ist ihr erster Roman. Nach Wladimir Kaminer (2009) und Jan Weiler (2010) ist Cordula Stratmann 2011 die Buchjournal-Kolumnistin.
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Cordula Stratmann Zwischen Himmel und Erde. Cordula Stratmann und Matthias Brandt sind »Sie da oben, er da unten« Roof Music - 14,95 € Format: 1 CD ISBN: 978-3-941168-70-1 Bestellen |
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