Literatur-Nachrichten

Hinter dem roten Schild

Von Myriam WittEs ist vorbei. Endlich ist es vorbei. Ich gönne Hans seinen Tod. Ich habe ihm den Tod gewünscht.

Ich habe auf den Tod gehofft. Er möge uns aus einer Pattsituation befreien, die wir erzwungen haben und aus der wir alleine nicht die Kraft haben, zu entkommen. Der Tod nimmt uns Hans aus den Händen, befreit uns aus einer Lage und von einer Aufgabe, die ihm und uns zur täglichen Last geworden ist.

Rosa steht in dem Zimmer hinter der Tür mit dem roten Schild und ordnet, was am Ende zu ordnen ist. Sie klickt die Überwachungskabel von den Monitoren ab und desinfiziert sie. Sie wäscht Hans, lässt  die Spuren einer invasiven Medizin verschwinden, die Hans’ Körper vielfach penetriert hat. Das verklebte Blut abwaschen, die braungelbe Jodfarbe herunterschrubben, den Speichel von Kinn und Hals wischen, den gelben Brei aus Eiter und Sekret, der noch in zähen Tropfen aus dem Plastikrohr kleckert, das wir ihm durch das aufgeschnittene Fleisch unter seinem Adamsapfel gesteckt haben. Den stinkenden Kot, der sich aus seinem erschlaffenden Darm entleerte und jetzt erkaltet zwischen seinen Beinen, zwischen Bettdecke und Haut pappt, fortschaffen. Rosa dreht Hans’ Leiche auf die Seite, rollt das mit allen ausgelaufenen Körpersekreten verschmierte Laken zu einer dicken Wurst zusammen und schiebt es so weit wie möglich unter den haltlosen Körper. Dann kann sie Hans von der anderen Seite des Bettes über die stinkende Wurst hinwegkippen und die zusammengeknüllten, letzten Ausscheidungen aus dem Bett ziehen und durch ein frisches Laken ersetzen.

Rosa ordnet Hans’ erkaltenden Körper und ich ordne seine Patientengeschichte. Ich schreibe den letzten Arztbrief, den, der auf den Satz endet „wir bedauern, Ihnen keine erfreulichere Mitteilung machen zu können und verbleiben mit freundlichen Grüßen“. Hans war so sehr  Patient, und so wenig etwas anderes, dass ich eigentlich nicht wirklich weiß, wie er aussieht. Sein Gesicht fließt auf befremdliche Art mit den verhärmten, zerfurchten, ausgemergelten Krankengesichtern all der anderen zusammen. Von meinem Platz am Rechner kann ich durch das Glas der Schiebetür seines Zimmers sehen. An der Wand hängt ein laminiertes Familienbild. Drei lachende Mittfünfziger. Hans und seine Brüder.  Es ist mir unmöglich, zu entscheiden, wer von den dreien er ist. Hans, der tote Patient nach über vierzig Tagen Intensivmedizin – der verklebte, beschmierte, verkabelte, bläulich blasse Körper – und Hans, lachend auf dem Bild, haben keine fassbaren Gemeinsamkeiten.

Aber wir sind hier auf der Intensivstation. Hier wird reichlich gelitten, erduldet und gestorben. Hier ist von Patienten die Rede. Von Intensivpatienten. In diesen Kreisen wurde schon immer viel gestorben. Heute genauso viel wie früher. Genauso viel, allerdings – etwas später und etwas länger. Vielleicht ein Sechstel der Patienten liegt in Isolierzimmern und auch hier ist das Sterben als solches sehr im Schwange. Es lässt es sich gemächlicher an und beiläufig.  Hinter dem roten Schild vergeht die Zeit anders. Hinter dem roten Schild ist die Hoffnung nicht mehr verzweifelt, wild und akut wie in den ersten zwei oder drei Tagen nach dem großen Knall der Krankheit, dem Infarkt, dem Unfall, dem Aortenriss. Nach vierzig Tagen auf der Intensivstation und zwanzig hinter dem roten Schild sind alle ausgelaugt, erschöpft, enttäuscht, benommen, verlangsamt, entkräftet, mutlos, hoffnungslos, willenlos.

Hans, Hans’ Angehörige, Hans’ Ärzte und Pfleger. Das rote Schild hängt am Glasfenster von Hans’ Zimmer. Und hinter dem roten Schild gibt es keine großen Fortschritte. Hinter dem roten Schild ist ein isolierter Patient. Ein Patient, der nicht stirbt und nicht lebt. Hinter dem roten Schild herrscht Stillstand. Auf dem roten Schild steht MRSA – multiresistenter Staphylococcus aureus. Antibiotikaresistenter Keim.

Das rote Schild bedeutet, dass niemand mehr ‚mal eben’ etwas für Hans tun kann. ‚Mal eben’ geht erst, wenn man die Mütze auf, den Mundschutz an, die Hände desinfiziert, den Kittel übergestreift und zugebunden hat. Niemand hält mehr ‚mal eben’ Hans Hand, seitdem das rote Schild auf dem Glas seiner Tür klebt. Niemand stellt ‚mal eben’ einen der Alarme aus. Niemand spricht ‚mal eben’ ein Wort mit ihm. Niemand richtet ‚mal eben’ seine Kissen, wischt ‚mal eben’ seinen Schweiß weg, bietet ‚mal eben’ einen Schluck Wasser an.

Visite ist vor dem roten Schild.

Schwesternübergabe ist vor dem roten Schild.

Angehörigengespräch ist vor dem roten Schild.

Hans ist hinter dem roten Schild.

Wir Ärzte starren länger auf sein Röntgenbild als auf ihn. Er ist der letzte, der in der Frühschicht untersucht wird. Er ist derjenige, bei dem es am wenigsten Zeit braucht. Es war gestern nicht anders als vorgestern, es wird heute nicht anders sein, als es gestern war. Ich mag Hans nicht untersuchen, Hans mag nicht untersucht werden. Ich sage durch meinen Mundschutz hindurch, „drücken Sie meine Hände“, aber unsere Hände bleiben durch die Latexhandschuhe getrennt. Er dreht den Kopf weg. Ich lege die Membran des Stethoskops auf seine Brust und höre dieselbe Kakophonie aus Pfeifen, Giemen, Jaulen, Brummen, Stöhnen, Rasseln, die ich jeden Tag höre. Er schließt die Augen. Ich frage, ob er Schmerzen hat, Hunger, Durst Atemnot? Er antwortet nicht. Hans mag nicht mehr. Er mag die fruchtlosen Untersuchungen nicht, die nur sein Leiden täglich akkurat dokumentieren. Er mag die Schmerzen nicht, die Einsamkeit der Isolation. Er mag uns nicht mehr.

Ich mag ihn auch nicht. Ich gehe ungern in Hans’ Zimmer, ich gehe schon ungern daran vorbei. Ich habe Hans nichts anzubieten. Keine Hoffnung, keine Therapie, keine Besserung, keine Aussicht. Ich bin Arzt, ich will den Patienten heilen. Wenn er sich weigert, geheilt zu werden, fühle ich mich unzulänglich, frustriert, hintergangen, betrogen. Betrogen darum, mein Ziel erreichen zu können. An schlechten Tagen kann es passieren, dass ich diese Niederlage Hans anlaste. Dann wird aus unzulänglich unfreundlich oder gar unbeteiligt. Mein Oberarzt sagt: „Du darfst Dir nichts daraus machen. Du musst immer denken, dass es der Patient ist, der angefangen hat. Er hat mit der Krankheit angefangen, mit seiner koronaren Herzerkrankung, seinem Infarkt, seinem schwachem Herzen. Du therapierst nur das Elend, das er mitgebracht hat.“ Er sagt, „sei froh, dass Du machtlos bist, sonst wärest Du schuld“.

Die Schwestern haben es leichter, sie sollen nicht heilen, sie sollen pflegen. Pflegen, also  behüten, umsorgen, sich kümmern. Und das kann man schon erreichen, indem man ein Kissen richtig hinschiebt.

Die Schwestern haben es schwerer, denn während wir uns Röntgenbilder vor dem roten Schild auf dem Gang ansehen, sehen sie die Verzweiflung hinter dem roten Schild, beim Waschen, beim Füttern, beim Lagern, beim Betten.

Schwestern sind auch genervt. Manchmal brüllen sie es sogar heraus. Sie sagen: ist mir doch egal, ob er sich schon wieder erbrochen hat, ist mir doch egal, dass ihm der Eiter aus der Trachealkanüle kleckert. Sie schimpfen, stöhnen, zetern, sie tun gleichgültig, unberührt, knallhart. Vor dem roten Schild. Und dann stehen sie auf und gehen die Bettwäsche wechseln, absaugen, füttern und Hand halten. Sie kümmern sich. Denn tatsächliche Gleichgültigkeit tolerieren sie nicht. Man darf Fehler machen, aber sich nicht zu kümmern, ist schmählich. Schwestern pflegen und kümmern bis zum Ende.

Nur wir Ärzte hören irgendwann auf, zu therapieren. Und niemandem fällt es richtig auf. Wir diskutieren, Hans nicht mehr wieder zu beleben bei der nächsten Rhythmusstörung, ihm keine Antibiotika zu geben bei der nächsten Lungenentzündung, ihn nicht mehr zu dialysieren beim nächsten Nierenversagen. Wir sagen, man sollte ihn gehen lassen.

Wir sagen nicht, wir lassen ihn gehen.

Es wird diskutiert. Diskutiert aber nicht bejaht.

Es wird bejaht. Bejaht aber nicht aufgeschrieben.

Es wird aufgeschrieben. Aufgeschrieben, aber nicht umgesetzt.

Wir haben mit Hilfe der modernen Intensivmedizin den Fortgang dieses Lebens erzwungen, ertrotzt. Dieses Vegetieren zwischen Leben und Tod. Wir haben alles für unseren Patienten getan, haben ihm alle Möglichkeiten angeboten, haben ihm alle Therapien und deren Folgen im Namen des Weiterlebens auferlegt.

Aber das Weiterleben haben wir nicht erreicht. Wir haben nur geschafft, ihn nicht sterben zu lassen. Und damit lassen wir ihn jetzt allein.

Die Schwester sagt, er habe Schmerzen. Wir ordnen Morphin an. Sie sagt, er habe immer noch Schmerzen, wir erhöhen die Dosis. Er sei unruhig. Wir geben Diazepam. Er habe Albträume und Halluzinationen. Wir schreiben Haldol auf.

Immer draußen, immer vor den roten Schild. Hans ist dahinter.

Es ist uns klar, dass Hans sterben wird. Es ist sogar recht, dass Hans sterben wird. Aber auf gar keinen Fall darf er an etwas sterben, was möglicherweise uns anzulasten wäre. Auf gar keinen Fall können wir nicht dialysieren, antikoagulieren, medikamentieren. Auf gar keinen Fall können wir es unterlassen, das Unvermeidliche längst möglich hinaus zu zögern. Sterben ist für Hans nur erlaubt, wenn es schicksalhaft, unzweideutig ärztlich nicht zu verhindern ist.

Gestern hielt ich seine Hand einen Moment mit meiner. Seine Wärme drang durch den Latex des Gummihandschuhs. Heute ist er tot. Und auf gar keinen Fall möchte ich so sterben, wie ich Hans habe sterben lassen. Hinter dem roten Schild.

1 Kommentar/e

1. Pauline Werner 05.09.2011 19:08h 
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"Hinter dem roten Schild"ging mir unter die Haut, denn die Autorin spricht damit ein sehr sensibles Thema an.
Mich hat die Geschichte aus mehreren Gründen bewegt:
Zum einen arbeite ich selber in der Medizin und so ist mir weder MRSA, noch die Intensivmedizin fremd. Der Autorin ist es gelungen, Gedanken und Gefühle aller Beteiligten, sowohl vor, als auch hinter dem roten Schild zu "beleuchten".
Zum anderen habe ich selber an diesem Schreibwettbewerb teilgenommen. Leider konnte ich die Jury mit der Geschichte von einem anderen Tod nicht überzeugen.
Ich gratuliere Myriam Witt herzlich zu diesem Erfolg.

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