Literatur-Nachrichten

"Was ist ein guter Krimi, Herr Gohlis?"

Spannungsliteratur ist sein Metier – er gilt vielen sogar als Deutschlands "Krimipapst". Wir wollten es genau wissen und haben Tobias Gohlis gefragt, was das eigentlich ist, ein guter Krimi. Und wie man ihn findet.

Vor zehn Jahren begannen finstere Zeiten für Tobias Gohlis – der Hamburger Journalist, der sich bis dahin überwiegend mit Reiseliteratur befasst hatte, konzentrierte sich zunehmend auf Mord und Totschlag. 2001 übernahm er die Krimikolumne der „Zeit“, 2005 gründete er die KrimiBestenliste: Eine Jury aus 17 Kritikern präsentiert jeden Monat die zehn Titel unter den Neuerscheinungen, die sie für die bes­ten hält – nicht immer, aber oft abseits vom Mainstream. Genau darum geht es: „die Leser und auch die Feuilletons, die Krimis und Thriller oft als allzu schlichte Unterhaltungsliteratur abtun, auf originelle, besondere, auch anspruchsvolle Titel aufmerksam zu machen“, sagt Tobias Gohlis. Wir haben ihn gefragt, welche Erfahrungen und Kriterien hinter seinen Buchempfehlungen stehen.

Können Sie sich erinnern, wann Sie angefangen haben, Krimis und Thriller zu lesen?
Tobias Gohlis: Mit zehn. Ich wurde damals aus meinem sehr bildungsbürgerlichen Elternhaus ausquartiert und durfte Ostern zu einer Tante fahren. Sie hatte laut Familienmeinung zwei Macken: Sie war Mitglied bei Christian Science und sie las Krimis. Der erste, den ich bei ihr las, war einer aus der Nero-Wolfe-Serie: eine von Rex Stouts Geschichten über den fetten Privatdetektiv, der Orchideen züchtet und Frauen nicht ausstehen kann. Vermutlich keine passende Lektüre für einen Zehnjährigen, aber ich fand es faszinierend.

Seitdem haben Sie etliche Bücher rezensiert. Was ist das für Sie, ein guter Krimi?
Tobias Gohlis: Einen Kriterienkatalog habe ich nicht. Ich halte es mit meinem Freund Thomas Wörtche, der sagt: „Wenn ich einen guten Krimi treffe, erkenne ich ihn.“

Ist das immer Liebe auf den ersten Blick?
Tobias Gohlis: Leider nicht. Zum Beispiel Manuel Vázquez Montalbáns „Quintett in Buenos Aires“. Das ist ein tolles Buch – aber die ersten 60, 70 Seiten sind unglaublich schlecht.

70 Seiten sind nicht ganz wenig – halten Sie immer so lange durch?
Tobias Gohlis: Das ist unterschiedlich. Manchmal neh­me ich ein Buch aus meinem Regal mit den Neuerscheinungen, lese zehn Minuten darin und weiß, ob es gut ist oder nicht. Manchmal bleibe ich aber dran, auch wenn es mir nicht gefällt, weil ich hoffe, dass noch etwas kommt, wie bei Montalbán; manchmal aber auch nicht.

Es gibt also keinen Masterplan, einem guten Krimi auf die Spur zu kommen.
Tobias Gohlis: Nein, natürlich nicht. Das hat viel mit Leseerfahrungen und Traditionskenntnis zu tun, mit Leuten, die man kennt und mit denen man sich austauscht. Aber auch mit Zufällen und Stimmungen.

Auch wenn es keinen Masterplan und keinen Punktekatalog gibt – es muss doch Kriterien geben, an denen Sie einen guten Krimi erkennen. Oder anders gefragt: Was muss ein Buch haben, damit Sie es zu einem guten Krimi erklären?
Tobias Gohlis: Friedrich Ani hat einmal gesagt, der Krimi sei eine Sache auf Leben und Tod, die man nicht als Spiel betreiben könne. So sehe ich das auch. Für mich ist ein ausschlaggebendes Kriterium, dass der Autor sich ernsthaft mit seiner Thematik auseinandersetzt. Dazu gehört auch, dass der Plot und die ästhetischen Mittel stimmen müssen. Zum Beispiel das Thema Gewalt: Wenn ein Opfer mit Säure übergossen und in seinen Eingeweiden herumgestochert wird, nur weil der Autor so die Konkurrenz überbieten will, halte ich das in der Regel nicht für gute Krimiliteratur. Anders sieht es aus, wenn jemand Folter beschreibt und damit auf Praktiken realer Geheimdienste hinweist, wenn Gewalt also in einem politischen und moralischen und damit auch ästhetisch sinnvollen Zusammenhang steht.

Einer Ihrer Lieblingsautoren ist Friedrich Ani mit literarisch anspruchsvollen Krimis. Sie haben aber auch über Lee Child mit seinen weniger komplexen Thrillern gesagt, dass seine Geschichten süchtig machen. Wie passt das zusammen?
Tobias Gohlis: Gut. Friedrich Ani schreibt ernste, melancholische Krimis mit stimmigen Geschichten, deren Sprache mich überzeugt. Aber ich lese auch gern Thriller, die nicht  tiefernst die Seelenlage des 21. Jahrhunderts behandeln, sondern auf intelligente Weise Spaß machen. Und von Lee Child fühle ich mich gut unterhalten. Seine Plots sind klar, überschaubar und wahnsinnig spannend. Und er wirft, jedenfalls in den guten Bänden seiner Serie um den früheren US-Militär­polizisten Jack Reacher, einen sehr schrägen Blick auf Amerika.

Von Friedrich Ani bis zu Lee Child – das ist ein weites Feld. Wie werden Sie und die Bestenlisten-Kritiker sich einig?
Tobias Gohlis: Jeder liest für sich, und jeder vergibt seine Punkte: sieben, fünf, drei Punkte oder einen Punkt für die Bücher, die ihm oder ihr am meisten zusagen. Die Bewertungen werden dann addiert – wobei niemand mehr als dreimal für ein und dasselbe Buch stimmen darf. Das hat sich bewährt: Wir haben in den vergangenen Jahren sehr unterschiedliche, aber überwiegend wirklich gute Krimis und Thriller vorgestellt und dabei auch Bücher entdeckt, die dann Bestseller wurden, wie Andrea Maria Schenkels „Tannöd“.

Heißt das, dass jeder für sich seine Punkte abgibt und es keine Diskussionen gibt?
Tobias Gohlis: Wir tauschen uns schon aus, empfehlen uns gegenseitig Bücher, wir streiten miteinander. Aber oft haben wir für Ausein-andersetzungen leider auch keine Zeit. Und kein Medium. Das ist es, was mir vor allem fehlt: ein Forum, in dem wir nicht nur über Krimis und Thriller abstimmen, wie wir das jetzt schon tun, sondern auch über sie diskutieren könnten.


Zur Person
Tobias Gohlis, 1950 in Leipzig geboren, ist aufgewachsen in Frankfurt am Main. Er hat 2001 die Krimi-Kolumne der „Zeit“ übernommen und 2005 die ­Krimi-Bestenliste (seit 2011 KrimiZeit-Bes­ten­liste – www.arte.tv/krimiwelt) gegründet, deren Sprecher er bis heute ist. Auch für das Buchjournal schreibt er eine Kolumne: die „Dunkelkammer“. Tobias Gohlis lebt mit seiner Frau in Hamburg.

Interview: Sabine Schmidt

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