Literatur-Nachrichten

Das Tuch

Von Petra Grill Die Tage, an denen die Frauen vor dem Haupthaus mit den Wurzeln des Krapp Tuche und Wolle färbten, erinnerten an Schlachttage. Ein halbes Dutzend Feuer brannte, es brodelte aus Kesseln, deren Unterseiten sich schwärzten mit Ruß, und ein Geruch nach Moder lag in der Luft, als koche man einen Sarg aus.

Die Ärmel aufgekrempelt, fleckige Tücher vorgebunden, rührten die Frauen mit langstieligen Holzlöffeln in der Brühe, aus deren Tiefe hin und wieder etwas Dunkles empor strebte wie ein toter Fisch, den es an die Oberfläche treibt. Als Unna einen Strang Wollgarn aus dem Kessel zog, verschlungen, tropfend, dunkelrot, mußte sie an die Innereien eines Schafes denken.

"Zu früh", sagte Odalhild kopfschüttelnd, die zwischen den Feuern umherging. Unna ließ den Strang zurück in die Brühe sinken.

"Du bist ungeduldig", schalt die Schwägerin. "Zieh nichts zu oft heraus. Es wird verfilzen. Achte lieber auf die Feuer." Sie schlug Asella, der Hörigen, auf die Hand. "Nicht zu viel, nicht zu wenig."

Sie hatte recht. Krapp war tückisch. Drei Jahre vergingen, ehe die Wurzeln der Pflanze genügend Rot enthielten, damit es sich lohnte, sie auszugraben. Die Wurzeln mußten getrocknet, geschnitten und in Wasser ausgekocht werden; ihr Sud färbte Tuche und Garn. War die Hitze im Kessel zu hoch, schlug das Rot um in Braun, und alle Mühe war vergebens. Hatten die Pflanzen in den Jahren zuvor nicht genug Wasser und Sonne gesehen, taugten die Wurzeln wenig, und die Farbe, die sie brachten, war nicht klar und leuchtend.

Doch die Mühe lohnte. Der rote Stoff war kostbar.

Ihr erstes krapprotes Tuch hatte Unna von Waltrich erhalten. Es war sein Geschenk gewesen an sie, als er um sie warb, und vielleicht war es diese Gabe, die Unnas Vater überzeugte, einzuwilligen. Waltrich war der zweite Sohn, und die Nachkommen Waldmars hielten zusammen, das wußte man. Die jüngeren Söhne blieben bei der Familie und gehorchten den älteren Brüdern; sie hatten wenig eigenen Besitz und standen in den Augen vieler kaum höher als Knechte. Der Vater hätte es lieber gesehen, wenn Wolfhart, der ältere Sohn, um Unna geworben hätte, aber der war da schon mit Odalhild verlobt.

Unna gefiel ihr Bräutigam. Er war kleiner als sein Bruder, hatte aber hübsche Locken und Augen, die aussahen, als wollten sie gleich zwinkern. Und er sagte drollige Dinge: daß er finde, Schweine hätten niedliche Gesichter, und daß es gar nicht nett sei, einer Henne zeitlebens die Eier zu stehlen und sie am Ende zur Suppe zu verkochen. - Waltrich war einer, auf den sein Bruder manchmal herab sah, weil er das Gesicht verzog, wenn es galt, ein Schaf zu schlachten, und diese Arbeit die Hörigen tun ließ.

Wenn aber einer gebraucht wurde auf dem Gut, der für den kranken Onkel zum Pflügen hinausging, dann war es Waltrich, den Wolfhart fragte.

Unna würde nie vergessen, wie Waltrich eines Abends nach Hause gekommen war, nachdem die Männer vergeblich versucht hatten, eine Rotte Wildschweine aus den Obstgärten zu vertreiben. Angesichts seiner sterbensbeleidigten Miene hatte sie so lachen müssen, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als mitzulachen. Sie hatten gelacht, bis Unna sich die Seite hielt und er sie an den Hüften packte, sie in die Luft hob und herum schwenkte. Was machte es, wenn die Schweine sich heuer ihren Anteil am Fallobst geholt hatten; würde es eben dünneren Most geben als im letzten Winter. Sie waren Unna und Waltrich, sie hatten einander, hatten ein Dach, Tisch und Bett, gesunde Kinder und gesunde Arme, verhungern würden sie nicht.

Was konnte man sich mehr wünschen als einen Mann, der mitlachte, wenn die eigene Frau ihn verspottete, und der sie noch immer "kleine Füchsin" nannte, nachdem sie ihm vier Kinder geboren hatte?

Heute tat er es nicht mehr.

Asella, die Römerin, beugte sich über den Kessel und fischte mit dem Löffel nach dem Tuch, das darin schwamm.

"Wenn du dich noch weiter vorbeugst, fällst du hinein", sagte Unna. "Hast du Odalhild nicht gehört? Laß das Tuch und sei nicht so neugierig."

"Aber Unna." Etwas Hämisches geriet in die kindliche Stimme, und die Augen unter den langen Wimpern funkelten Triumph. "Es ist mein Tuch dort im Kessel. Der Herr hat es mir versprochen. Wie sollte ich da nicht neugierig sein?"

Sie sprach so laut, daß alle es hörten, und störte sich nicht an den wütenden Blicken, die sie trafen. Im Gegenteil, sie stützte die Hand in die Hüfte und ging hin und her, so daß alle Augen an ihr hängen und darüber staunen mußten, wie zierlich sie ihre Schritte setzte, wie vollendet die Art war, in der sie den Arm hob oder den Nacken beugte.

Eine Taube war Asella, ein Turteltäubchen in einer Herde Enten.

Unna stieg das Blut ins Gesicht, sie bückte sich und tat, als wolle sie das Feuer schüren. Odalhilds älteste Töchter, die den Kessel der Mutter bewachten, so daß diese bei den übrigen Feuern nach dem Rechten sehen konnte, sahen sich nach ihr um.

Aber die Schwägerin tat nichts. Was hätte sie auch tun sollen? Die Dinge lagen, wie sie lagen.

Als Waltrich Unna bei seiner Brautwerbung den roten Stoff schenkte, von dem niemand zuvor gesprochen hatte, sagte er, es sei wegen ihres Haars. "Damit dein Gewand zu deinen Haaren paßt, kleine Füchsin." Solche Dinge sagte Waltrich, und er sagte sie mit einer Stimme, der man gerne zuhörte. Nun verblaßte das Rot in Unnas Haar, und das Grau hatte sich hineingeschlichen.

Lag es daran? Mußte es mit den Menschen so sein wie mit dem Feuer, in dem alle Wärme starb, wenn das Rot zum Grau verfiel?

Unna wußte noch, wie ungern Waltrich aufgebrochen war, als Wolfhart ihn für einige Tage zu den Verwandten schickte, um Salz gegen Jungvieh zu tauschen. Ihr Kleinster, der jetzt mit seinen Geschwistern die Schweine im Wald hütete, hatte gerade laufen gelernt, und Waltrich wollte nichts lieber, als zu Hause auf dem gestampften Lehmboden kauern und das Kind auffordern, noch einmal die wenigen, tapsigen Schritte zum Vater zu tun. Aber der Besuch mußte begangen werden, und Waltrich fuhr.

Als er einige Tage später zurück kam, hatte er Asella dabei. Er hob sie vom Karren und trug sie in das Haus, das er für sich und Unna gebaut hatte. Das Mädchen war verletzt und fieberte. Stundenlang saß Unna saß an ihrem Krankenbett und wischte ihr den Schweiß von der Stirn.

Tat sie es nicht, tat es Waltrich.

Er hatte Asella an der Straße aufgelesen, eine entlaufene Hörige, von Räubern überfallen und halbtot. "Sie ist noch ein Kind, Unna. Schau nur, wie dürr sie ist. Wir werden sie schon durchfüttern. Und du könntest Hilfe gebrauchen im Haus."

So blieb Asella, die Römerin mit den flinken Bewegungen und den dunklen Augen, auch nachdem sie gesundet war. Sie war ihrem Retter so dankbar, daß sie ihm kaum mehr von der Seite wich. Irgendwann in diesen Tagen hörte Waltrich auf, Unna seine "kleine Füchsin" zu nennen.

Vielleicht mußte es so sein. Vielleicht war es unrecht, mehr zu erwarten. Aber die stummen Blicke der Frauen glitten zwischen den Kesseln hin und her, und Unna wand sich darunter vor Scham.

"Euer Holz wird nicht reichen", sagte die Schwägerin in die Stille. Sie deutete mit ausgestrecktem Arm auf Unnas Kessel. "Das Feuer wird zu stark herunter brennen, ehe das Tuch fertig ist. Geht besser und holt neue Scheite."

Aufatmend gehorchte Unna. Sie winkte der Hörigen, ihr zu folgen. Asella ging ohne Schuhe. Sie hatte schöne Füße, klein und zierlich, mit schimmernden Nägeln unter dem Schmutz und mit Zehen, die aufgereiht lagen wie auf einer Schnur, fünf braune runde Perlen.

Das Holz lagerte in einer alten Werkstätte, die in den Boden eingetieft war und deren Dach bis auf die Erde herab reichte. Waltrich war fleißig gewesen; die Scheite stapelten sich bis über Unnas Kopf empor. Sie mußte auf einen Schemel steigen, um die obersten zu erreichen.

In letzter Zeit arbeitete Waltrich mit doppelter Kraft. Als wolle er sich nichts nachsagen lassen. Nie waren die Speicher so voll gewesen, die Feldzäune so sorgfältig ausgebessert und das Vieh so fett. Aber Unna dachte mit Wehmut daran, wie sie einst zusammen über das eigene Unglück hatten lachen können.

Einige Scheite polterten vor Unnas Händen auf den Erdboden. "Heb sie auf, Asella." Die Hörige bückte sich zu Füßen des Holzstapels. Wie sie so da saß, kauernd in der Hocke, erinnerte sie Unna an ihre Töchter. So saßen Kinder, wenn sie mit dem Finger zum Vergnügen Muster auf den Boden malten. Eine Locke fiel unter dem Kopftuch hervor in die Stirn. Nicht verschwitzt und strähnig wie bei Unna, sondern fein und glänzend und seidig. Dieses Haar fiel nicht absichtslos, es war ein Ruf, es lockte den Finger jeder Hand, danach zu greifen. Wie gern wollte ich mich um dich winden, wie Efeu sich um junge Bäume windet, sagte dieses Haar.

Was blieb einer wie Asella denn auch, außer sich empor zu schlingen am nächstbesten Baum, der sich ihr anbot? Mitleid durchzuckte Unna, so plötzlich, als sehe sie die Hörige zum ersten Mal. Sie hatte kein Mitleid empfunden, als Waltrich die Römerin ins Haus gebracht hatte, und keines, als sie krank auf den Tod in ihrer Ecke lag.

Nun empfand sie es, so sehr, daß sie hätte weinen mögen.

Dann lehnte sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den Stapel. Das Holz prasselte auf die Römerin herunter wie ein Steinschlag, so laut, daß selbst Asellas Schreien darin unterging.

Unna stieg vom Schemel. Ein Kopf lugte unter den Scheiten hervor, und ein dünnes Rinnsal von Blut wand sich rot aus dem Ohr den Hals hinunter; es sah fast aus wie eine von Asellas Locken.

Unna nahm eines der blutigen Scheite und schlug noch einmal auf den Kopf.

Dann waren die Frauen auch schon da.

"Was ist geschehen?"

"Der Stapel ist umgestürzt."

Sie betrachteten das Holz und die Frau darunter.

"Wer hatte die Scheite aufgerichtet?" fragte Odalhild streng. Unna deutete mit den Hand nach unten.

"Asella."

Die Schwägerin sah sie an. Dann nickte sie.

"Sie war immer eine schlampige Arbeiterin. Hiltrud, Gernlind. Tragt sie ins Gesindehaus und legt sie einstweilen dort hinein. Und ihr anderen kehrt zurück zu den Feuern. Wir haben Tuch zu färben."

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