Literatur-Nachrichten

Rot

Von Maria Prochaska Die Tüte knisterte und ich steckte meinen Kopf so weit wie es nur ging hinein. Die Farben der bunten Bärchen leuchteten und reflektierten das Sonnenlicht. Die roten gefielen mir am meisten.

Sie sahen nicht nur schön aus, sie schmeckten auch gut. Irgendwie … nach Kirschen. Wenn ich mir vorstellte, dass es böse und gute Gummibärchen gab, dann standen die roten ganz oben auf der guten Liste. Ich seufzte zufrieden und ließ mich auf den Rücken fallen. Während ich auf meine Mutter wartete, lag ich auf dem Gras und blickte in den Himmel. Ich hörte die Vögel zwitschern und – da war noch etwas. Ich kniff die Augen zusammen, aber am liebsten hätte ich meine Ohren zusammengekniffen, denn dieses Geräusch, was es auch war, war sehr, sehr leise. Mit einem Ruck setzte ich mich auf. Hatte da gerade jemand „Lass meine Pfote los“ gesagt? Ich schielte unauffällig zu meiner Gummibärchentüte rüber. Kam es etwa von dort her? Dann sah ich, wie etwas kleines, rotes aus der Tüte sprang. „Frei! Frei, ich bin frei!“, quiekte es. Sofort hechtete ich zu der Tüte rüber und schnappte mir das kleine rote etwas. Es war ein Gummibärchen. War ich jetzt verrückt geworden? Waren mir die vielen Süßigkeiten etwa zu Kopf gestiegen? Ich hielt mir das Wesen ganz nah vor die Augen.

 

„Lass mich los!“, schimpfte es. Kein Problem, ich wollte es loslassen, doch der Schock saß mir in allen Gliedern.

„Hör zu Freundchen“, sagte es in mahnendem Ton. „Mein Name ist Harry, bald schon Kommandant Harry. Ich bin gerade dabei, die Welt zu erobern, also lass mich gehen, sonst werde ich dich von meinen Lakaien vernichten lassen. Diese Lakaien muss, ähm, ich mir aber erst suchen.“

„Warte mal“, begann ich, nachdem ich mich wieder bewegen konnte. „Du willst was? Die Welt erobern? Aber du bist ein, ähm, wir Menschen essen solche wie dich.“

„Ganz recht! Und genau das wollen wir ändern! Kommt raus meine neuen Lakaien!“, kommandierte Harry und in der Tüte raschelte und knisterte es. Die Schar bunter Bärchen, erstaunt darüber, dass sie eben zu „Lakaien“ erklärt worden waren, kam nach und nach aus der Tüte hervorgekrabbelt. Mir vielen beinahe die Augen aus dem Kopf. Vor Schreck ließ ich Harry fallen.

„Und Marsch! Auf geht’s, Freunde!“ Und die roten Bären begannen ein Kriegsgeheul und hopsten durch das Gras davon.

Da saß ich also. Und mir war gerade mein Essen weggelaufen. Was sollte ich nur tun? Mein erster Gedanke: die Polizei! Aber den verwarf ich schnell. Mein zweiter Gedanke: hinterher! Ich sprang auf und sprintete über die Wiesen des Parks. Auf dem Gehweg angekommen sah ich die Spuren der Verwüstung: kleine schreiende Kinder, die leere Gummibärchentüten in der Hand hielten. Oh, oh.

Müde saß ich auf dem Sofa und zappte durch die Fernsehsendungen. Den ganzen Tag hatte ich die Bärenarmee gesucht, doch ich hatte außer den leeren Tüten keine Spur gefunden. Die Augen halb zu, sah ich mir die Nachrichten an. Immer noch keine Einigung im Landtag … Soll das Rauchverbot aufgehoben werden? Merkel sagt nein … Sensation: Gummibärchen fordern mehr Rechte. Ach ja? Wie schön … was!? Ich riss meine Augen auf.

„Wir schalten jetzt live zum Bundestag, wo eine große Schar bunter Leckereien demonstriert“, kündigte der Moderator mit gelangweilter Stimme an. Dann wurde der Bundestag gezeigt. Der ganze Platz war mit bunten Flecken bedeckt. Freiheit!, Freiheit! tönte es. Ich rieb mir einmal die Augen.

Am Bundestag war eine große Leinwand befestigt, auf der nun ein Bild zu sehen war. Es war Harry, das rote Gummibärchen.

„Ich fordere, im Namen meiner Mitbären, dass Sie unser gesamtes Volk aus diesen unhygienischen Plastiktüten befreien!“, schrie er und alle anderen Bären stimmten in sein Geschrei ein.

Ich schaltete den Fernseher aus. Starr blickte ich auf den schwarzen Bildschirm. War das etwa alles meine Schuld? Hätte ich Harry einfach essen müssen? Wäre das hier dann alles gar nicht passiert.

Mir kam eine Idee und ich stand vom Sofa auf. Schnell zog ich mir meine Jacke über und schnappte mir mein Fahrrad. Zum Bundestag waren es nicht einmal fünfzehn Minuten. Obwohl es schon dunkel war, schwang ich mich beherzt auf mein Rad und düste los.

Vor dem Bundestag angekommen (ich hatte mich durch eine riesige Menschen- und Bärenmenge kämpfen müssen) fragte ich einen Passanten nach Harry.

„Was? Harry? Harry Potter? Da musst du nach England, Freundchen!“, sagte er und drehte sich weg. Ich verdrehte die Augen und hörte ein Stimmchen neben mir.

„Der Chef ist auf einer Konferenz!“, sagte die Stimme. Ich sah mich um, dann blickte ich hinunter und sah ein orangefarbenes Gummibärchen.

„Danke“, murmelte ich und rannte los.

Ich schlüpfte an einem Bodyguard vorbei und sprang gekonnt in einen Wagen schmutziger Wäsche, was nun weniger gekonnt war. Die Wäsche entpuppte sich als Tischtücher und einige gebrauchte Servietten. Schon bald wurde mein Wagen in Bewegung gesetzt und ich spähte durch die Löcher des Gestells nach draußen in den Flur. „Konferenzsaal“ las ich an einer großen Tür. Oh Mist! Und wie kam ich jetzt aus dem verdammten Wagen heraus? Zu meinem Glück wurden ich und mein Wagen angehalten und ich hörte die Putzleute in einer Abstellkammer verschwinden. Ich kämpfte mich aus den Tischtüchern und schlich auf Zehenspitzen zu der großen Tür zurück. Vorsichtig drückte ich mich dagegen und öffnete sie einen Spalt breit. Keiner bewachte die Tür. Nun, es war ja auch nicht vorgesehen, dass unbefugte Leute wie ich daher kamen. Mörder, wie ich.

Ich drückte die Tür noch weiter auf und schlüpfte geduckt durch den Spalt. Im Saal schien mich keiner zu bemerken. Ich bückte mich hinter eine Pflanze und arbeitete mich weiter voran an mein Zielobjekt.

Das rote Gummibärchen, also Harry, saß auf einem sehr hohen Stuhl und blickte in die Runde der Politiker.

„Um nun Punkt sechsundzwanzig anzusprechen, legen wir großen Wert darauf, dass uns alle Rechte die Paragraph …“

Böse grinsend schlich ich mich von hinten an Harry heran.

„… was hier bedeutet, dass uns vor Gericht …“

Ich hob meine Hand.

„… dieselben Privilegien …“

Ich schnellte hoch und griff nach Harry.

„Zu Hilfe! Helft mir doch!“, kreischte er, während ich ihn fast in Zeitlupe auf meinen geöffneten Mund zubewegte. Dann wurde alles – rot.

Ich öffnete die Augen. Um mich herum zwitscherten wieder die Vögel. Ich hatte geträumt. Oh welche Schmach! Solche Mühe hatte ich mir gegeben dieses von Grund auf böse Gummibärchen zu ermorden! Welch abgrundtiefe Schande.

Die Tüte mit den Gummibärchen raschelte. Ich drehte mich langsam in ihre Richtung und kniff drohend die Augen zusammen.

„Noch eine Bewegung, und ich…“ Da raschelte die Tüte ein zweites Mal. „Gut, ihr habt es nicht anders gewollt“, beschloss ich und begann die Gummibärchen in mich reinzuschaufeln. Da kam meine Mutter mit einem Volleyball in der Hand über die Wiese auf mich zu.

„Willst du eine Runde – warte mal, iss doch nicht die ganzen Gummibärchen auf!“

In dem Moment hörte ich eine kleine Stimme. „Das wird dir noch ordentlich leidtun!“

Ich hielt einen Moment inne, dann schaufelte ich mit doppelter Geschwindigkeit weiter.

„Doch“, sagte ich an meine Mutter gewandt. „Ich rette gerade die Welt!“

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