Literatur-Nachrichten

Das Fleisch

Von Susanne WedlichAxt und Knochensäge waren geschärft, auch die Klingen der Messer bereits ein letztes Mal geschliffen, als sie plötzlich vor ihm stand.

„Dein Mordwerkzeug liegt ja schon parat“, sagte die Bäuerin mit einem schmalen Lächeln. So selten verirrte sie sich sonst in den Stall, dass er gar nichts zu sagen wusste, nur seinen Blick auf ihre hellen Augen zwang, deren Farbe er auch nach all den Jahren nicht beim Namen hätte nennen können. „Nimm die Braune“, sagte sie wie beiläufig und strich sich beide Hände an der Kittelschürze ab. „Die bringt nichts.“

Auch jetzt brachte er kein Wort heraus und hätte der Bäuerin doch sagen müssen, dass die Braune mit ihren vier Jahren sehr wohl noch Kälber bringen könnte. Er hätte ihr auch sagen können, wie er die Braune geholt hatte, damals als sie quersteckte in der Mutter, die vor Schmerz schrie wie ein Weib und ihm später unter den Händen verreckte. Das Kalb aber hatte er retten können damals. „So wie ich dich“, hatte ihm die Bäuerin erwidert, als er seine und der Braunen Geschichte einmal zu oft erzählte. „Außer mir hat dich damals doch keiner haben wollen.“

Daran hat er sich seitdem abgearbeitet wie kein anderer. Nur einmal hatte er der Bäuerin Nein gesagt, weil ein Knecht schuften und dennoch sein eigener Mensch sein muss. Mit Haut und Haaren und Fleisch der Bäuerin gehörte aber die Braune, deren dunkle Augen ihm jetzt von der Weide entgegenblickten. Seine Schritte erkannte die Braune immer schon von Weitem, auch wenn er wie jetzt Fuß mühsam vor Fuß setzen musste. Das Gatter hatte er noch nicht erreicht, da rieb sie schon mit tanzenden Ohren den Kopf mit der blonden Stirnlocke daran, die Augen hinter weißen Wimpern vor Genuss nach hinten gerollt.

Ihr weiches Maul an seine Schulter gedrückt, ließ sie sich von ihm abführen. Den langen Weg zurück vorbei an den Bäumen, die der Herbst langsam ausbluten ließ. Den Arm hätte er nicht so eng um ihren Hals schlingen, die Hand nicht so tief in das warme Fell vergraben müssen. Die Braune wäre ihm auch dieses Mal von selbst auf den Hof gefolgt. „Wie ein Hund“, hatte die Bäuerin einmal gesagt. „Wenn wir Glück haben, wirft sie uns irgendwann vielleicht wenigstens Welpen.“

Noch immer wölbte sich der klare Himmel über dem Hof. Doch kalt war es geworden. Stoßweise stand ihm der Atem vor dem Gesicht als er weit ausholte mit der Axt. Stumpf zwischen die Augen getroffen, taumelte die Braune, doch erst der zweite Schlag ließ ihre Beine unter dem schweren Leib einknicken, der langsam dann zur Seite sank. Die Augen erneut nach hinten gerollt, blicklos dieses Mal. Die Zunge bläulich und verdreht aus dem Maul gehängt, als müsse sie mit der Spitze vom harten Pflaster kosten.

Schnell drückte er den Kopf der Braunen nach hinten bis die Sehnen in seinem Arm spannten wie auch in ihrem Hals, wo er mit der anderen Hand das Stichmesser an die pulsende Ader setzte und tief bis fast zum Knochen schnitt. Unter dem sanften Maul nun ein zweiter tiefroter Schlund, aus dem Blut sich heiß ergoss. Als wolle die Seele sich lösen, stieg ein feiner Dampf auf in der klaren Luft, geleitet von seinem Atem, der wie das Blut nun schneller und schneller pumpte. Erst als der rote Strom als schma­les Rinnsal verendete, gab er sanft ihren Kopf frei.

Nur langsam kam er auf die Beine, musste sich stützen auf den massigen Leib der Braunen in ihrem Blut, das sich noch immer neue Flussbetten suchte und dabei die unebenen Pflastersteine wie Inseln umspülte. Auf seiner Schürze aber, das sah er jetzt, trug er ein Mal, ein tiefroter Fleck starrte ihm entgegen wie ein Auge, dessen unerbittlichem Blick er sich lange nicht entziehen konnte. Kaum konnte er aber die Augen heben, sah er sich von der Bäuerin angestarrt. Nur ein helles Auge aber war es, das ihn nun weit geöffnet und lidlos verfolgte, wohin er seinen Blick auch wenden mochte.

In einem dunklen Schneegestöber hatte er sich einmal gewähnt, als nach langen Stunden Arbeit in gleißend hellem Sonnenlicht dunkle Flecken um sein Gesicht tanzten. Ein Nachbild sei das und müsse von selbst wieder vergehen, hatte ihm der Doktor damals erklärt und – angetan von seinem Interesse an diesen Dingen – ihm sogar einen Artikel dazu in einem dicken Buch gezeigt. So wie er die Ausführungen verstanden hatte, konnte das Auge eine Farbe, von der es genug gesehen hatte, wie zum Ausgleich ins Gegenteil verkehren.

Und nun verstand er auch, dass er nun endlich den hellen Augen der Bäuerin einen Namen geben konnte, der weder blau noch grün war, sondern irgendwie beides zusammen und auch wieder nicht. Zyan hieß die Farbe, an der sich seine Augen nun abkühlen mussten, da sie sich an am Rot des Blutes überfressen hatten. Zyan war der Blick, der sich giftig in sein Hirn brannte und selbst noch den Weg hinter die geschlossenen Lider fand. Zyan aber war auch das Auge, das sich von der weißgetünchten Stallwand abhob und sich nicht einmal von seinem verzweifelten Blick gen Himmel abschütteln ließ.

Es setzte sich fest auf dem blassen Eingeweidesack, bevor sich dieser mit einem Schmatzen aus der Bauchhöhle des Kadavers erbrach. Nicht einmal die Masse der Innereien konnte das helle Auge für immer unter sich begraben, kroch es doch im nächsten Moment schon über das tiefrote Fleisch zurück in die klaffende Wunde, um als zyanfarbene Iris unter seinem Blick langsam über das silbrigzarte Häutchen im nun weit offenen Leib der Braunen zu wandern.

Wie bei einem unerbittlichen Versteckspiel blinzelte es immer wieder auf zwischen den fahlen Falten der Haut, die das tote Tier nur mehr lose wie ein Mantel umhüllte. Seine vor Schweiß nassen Hände konnten die Knochensäge kaum halten, die sich knackend und knirschend entlang der Wirbelsäule durch den schweren Körper der Braunen fraß. Von Wirbel zu Wirbel hüpfend, war das helle Auge den metallenen Zähnen immer einen Schritt voraus. Vom Kopf der Braunen hatte er die Haut gezogen, doch auch aus den leeren Augenhöhlen dieser Maske traf ihn ein starrer Blick in Zyan.

Da packte er fest den Schädel, auch blutig schmiegte sich das Maul noch in seine Hand, während die andere fast am blanken Knochen abgeglitten wäre, hätte sie nicht eines der weichen Ohren zu fassen bekommen. Ganz nah vor das Gesicht hielt er den Schädel, bis sich ihm das dunkle Auge in seiner grenzenlosen Tiefe offenbarte. In die­se Schwärze zwang sein Blick das helle Auge, in dem sich ein kaltes Grün und ein noch kälteres Blau vereinten, um es es noch einmal hell erstrahlen und sich dann verlieren zu sehen.

Dunkel war es schon, und unversehens strich ihm auf dem Weg zum Haus ein warmer Wind ins Gesicht. Die Braune war ihm nur mehr Haut und Fleisch, aus dem er mit spitzem Ausbeiner sorgsam die Knochen geschält hatte. Axt und Säge waren schon wieder geschärft, auch die Klingen der Messer bereits ein letztes Mal geschliffen. So selten verirrte er sich in die gute Stube, dass er zunächst gar nichts zu sagen wusste, nur seinen Blick in die Augen der Bäuerin zwang. Ihr Blick aber glitt ab und blieb hängen an seinen blutigen Händen und dem kleinen Fleisch darin. Trächtig war die Braune gewesen. „Ich geh‘ jetzt“, sagte er und schloss, ohne erst die Hände abzuwischen, die Tür hinter sich.

10 Kommentar/e

1. MissGlueckTwit 01.09.2011 11:25h http://missglueckdotcom.wordpress.com/ 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Herzlichen Glückwunsch
zum ersten Platz und zur feinen Kurzgeschichte.

2. Lina 01.09.2011 20:21h 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Herzlichen Glückwunsch zum 1. Platz,

ich frage mich als Tierärztin bei dieser Geschichte nur, wieso vor der Schlachtung keine Untersuchung auf Trächtigkeit der Kuh vorgenommen wurde? Das stößt mir komisch auf.

3. Nina Müller 05.09.2011 19:20h 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Sich mit dieser Hingabe dem Thema Schlachten widmen zu können, beeindruckt mich. Allerdings nicht im positiven Sinne. Diese Kurzgeschichte ist absolut fantasielos, es wird einzig und allein der Vorgang des Schlachtens beschrieben.
Wie kommt man auf die Idee über ein solches Thema zu schreiben? Nur weil das Thema des Wettbewerbs "Rot" war, und einem dabei als erstes Blut einfällt?
Ehrlich gesagt kann ich nicht einmal die Aussage hinter dieser Geschichte nachvollziehen. Gibt es denn überhaupt einen tieferen Sinn?!
Dass diese Geschichte auf Platz 1 gelandet ist, kann ich absolut nicht verstehen. Meiner Meinung nach standen weitaus bessere Geschichten zur Wahl... Diese ist einfach nur ekelhaft!

4. Max Mustermann 06.09.2011 21:15h 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Ja,wo is der Sinn bei dieser Geschichte...Das Thema war ``rot``...muss es denn gleich so blutig sein?Nein!Thema verfehlt!6 setzen!Ich bin auch von der Jury enttäuscht solch eine Geschichte zum Sieger zu erklären...da hätte man auch einen Auszug aus einem Charlotte Roche-Buch gewinnen lassen können,genauso ekelhaft!!

5. Eckart Baier, Redaktionsleiter Buchjournal und Jury-Mitglied 07.09.2011 12:42h 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Natürlich kann man über literarische Texte immer geteilter Meinung sein – im Fall von "Das Fleisch" war es die Schreibwettbewerbsjury nicht: Die Kurzgeschichte wurde von allen 5 Juroren auf Platz eins gesetzt. Weil der Text eben beileibe nicht nur den bloßen Vorgang des Schlachtens beschreibt – dies übrigens sehr virtuos –, sondern es um die Tötung eines besonderen Tiers geht. Die Kuh ist für den Knecht kein normales Schlachtvieh. Aus dieser besonderen Beziehung und aus dem Konflikt zwischen Knecht und Bäuerin bezieht der Text seine Spannung. Dazu kommt die sprachliche Präzision, mit der die Autorin die Geschichte erzählt. Doch ich greife der "offiziellen" Laudatio vor, die es bei der Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse (Halle 4.0, D 1339) am Samstag, 15. Oktober ab 14 Uhr geben wird – seien Sie herzlich dazu eingeladen!

6. Karin H. 07.09.2011 16:58h 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Text! Bei mir geht es immer zuerst nach dem Bauchgefühl, manchmal bekomme ich eine Gänsehaut, und dann weiß ich, dieser Text ist gelungen. Wenn dann auch noch die Sprache stimmt, und der Autor viele treffende Bilder verwandt hat, empfinde ich ihn als sehr gelungen.

7. Hans Walter 07.09.2011 19:41h 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Als Freund der deutschen Sprache interessiere ich mich sehr für Schreibwettbewerbe und lese gespannt die gekürten Geschichten.
Ich bin erleichtert, dass es zu dieser Siegergeschichte kontroverse Ansichten gibt.
Der rote Faden der Geschichte mag es tatsächlich sein, dass der Bauer der Kuh stärkere Gefühle entgegenbringt, als seiner Frau. (Warum beugt er sich ihrem Willen trotzdem widerspruchlos?)
Dennoch ist das vordergründige Thema die virtuose Beschreibung der Schlachtung in Einzelheiten. Da bleibt ein gewisser Ekelfaktor nicht aus.
Ich habe auch die Geschichte "Das rote Schild" gelesen. Und wieder geht es Ekelerregendes, um Exkremente und andere Ausscheidungen, deren Herkunft sich dem unbedarften Leser nicht gänzlich erschließt.
Welchen kritischen Leser käme da nicht der Gedanke, dass es nicht unbedingt um gute Geschichten geht, sondern um gute Geschichten mit "Igitt- Faktor"? Nicht zuletzt, weil diese sich besser verkaufen lassen?

8. Christina Blum 15.09.2011 18:56h 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Diese Geschichte ist grauenhaft- aber ein Spiegel der heutigen Gesellschaft. Was ist das für eine Sprache, rau und rüpelhaft!
Wie kann sowas einen 1. Platz erhalten?

9. Krueger, Barbara 21.09.2011 12:04h 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Herzlichen Glückwunsch zu dieser fantastischen Geschichte.
Sie hat m.M. den 1. Platz voll verdient. Die Geschichte hat
mich vor allem wegen der Zuneigung des Knechtes zur Kuh
so sehr berührt. Wie einen Verrat muss er es empfunden haben, dass er seiner Chefin nicht widersprochen hat. Interessant finde ich den Aspekt der warmen Farbe (rot)
des Blutes im Gegensatz zur Komplementärfarbe der
Augen der Bäuerin (kaltes Blau). Auch den Erzählton
der Geschichte muss ich loben. Ich bin sehr beeindruckt!

10. Michael Erle 04.10.2011 10:49h http://michaelerle.blogspot.com/ 
Warning: htmlspecialchars() expects parameter 1 to be string, array given in sixcms90://sixcms/core/api/wte/classic/placeholder/data.php on line 392

Eine großartige Geschichte. Ich denke es ist ein gutes Zeichen, dass sie hier zu so leidenschaftlichen Debatten führt.

Ich muss @Nina, @Max, @Christina und teilweise @Hans aber widersprechen: hier geht es nicht um den Ekelfaktor seiner Selbst willen. Auch der Verlgeich mit Charlotte Roche passt m.E. nicht. (Roche setzt auf den Ekel, um den Leser direkt mit den aktuellen Tabus gerade zur weiblichen Sexualität zu konfrontieren - eine rüpelhafte, aber angemessene Methode in der Tradition der sexuellen Revolution der 70er). Bei Susanne Wedlich aber ist der Ekel Ausdruck und Palette für die innere Wandlung des Knechts, also keinesfalls ein unprovozierter Angriff auf die Empfindlichkeiten des Lesers. Der Text handelt (so jedenfalls verstehe ich ihn) um das Verhältnis von Gehorsam, Pflicht und Schuld - ein Thema mit großen historischen Vorbildern in der deutschen Nachkriegsliteratur. Den Ekel vor sich selbst, dem eigenen Tun, wird jeder "Knecht" oder Handlanger schon einmal empfunden haben, der von seinem Herrn zu Taten angehalten wurde, die er moralisch oder emotional unhaltbar findet. Solche Gewissenskonflikte so anschaulich zu schildern (und dies mit einer sprachlichen Feinheit, die beachtlich ist, wenn man bedenkt, dass dieser Text noch vor einem professionellen Lektorat steht) ist die Aufgabe der Literatur. Von daher finde ich die Wahl der Jury völlig richtig und begründet.

Michael Erle

P.S: @Lina: ich nehme an, dass es sich um eine historische Geschichte handelt - Knechte gibt es in der klassischen" Form heute nicht mehr. Insofern würde ich vermuten, dass die modernen Verordnungen zur Schlachtung nicht gelten.

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld