Hörbuch
31.08.2011Maria Furtwängler im Porträt
Empfindsame Powerfrau
Maria Furtwängler ist im Garten mit ihren drei Hunden. Die rennen laut bellend auf den Besucher zu, zeigen sich aber bald friedlich und verschmust. Die Schauspielerin, leger gekleidet in Jeans, Strickjacke und ein schlichtes weißes T-Shirt, hat alles entspannt im Griff, ist offen, freundlich und unkompliziert – von Diva keine Spur.
Sie geht voran in den ersten Stock eines Hauses, das auf einem Grundstück an einem der bayrischen Seen steht, an den Rändern von Hecken und hohen Bäumen gesäumt. Oben ist eine offene Küche, dahinter ein Esstisch in einer Nische, rustikal und gemütlich. Das Haus hat ihr Urgroßvater Adolf gekauft, der Vater von Maria Furt-wänglers berühmtestem Verwandten: des Dirigenten Wilhelm Furtwängler, ihres Großonkels.
„In diesem Haus war ich schon als Kind oft, und hier bin ich heute noch gern“, sagt die 44-Jährige, die längst selbst dafür sorgt, dass ihr Nachname bekannt bleibt – im Februar erst wurde die Münchnerin zur beliebtesten Schauspielerin Deutschlands gewählt. „Ich komme an den Wochenenden gern hierher und insbesondere, wenn ich zwischen Dreharbeiten etwas länger Zeit habe.“ Wobei man von Zeithaben bei ihr nicht wirklich sprechen kann. Sie hat immer neue Ideen für Filme, Veranstaltungen und Projekte und nutzt die Drehpausen, um das alles auszuarbeiten.
Diesen verregneten Sommermorgen hat sie aber ohne Hektik begonnen: mit ihrer Yogalehrerin. 90 Minuten Ruhe und Energietanken hatte Maria Furtwängler gemeinsam mit ihrem Mann, dem Verleger Hubert Burda.
Jetzt, am späten Vormittag, gibt es erst mal Frühstück, gesund und nicht allzu viel, wie man es bei ihrer schlanken Figur schon ahnen konnte: ein bisschen Müsli mit Obst, Toast und grüner Tee. Abgelenkt ist Maria Furtwängler nicht davon, dass sie das Frühstück zubereitet und nebenbei einer ihrer beiden Katzen Futter gibt, die zwischen den Hunden herumwuselt, im Gegenteil: Das alles geht schnell und effizient. Dabei erzählt sie von ihrem neuen, gerade abgeschlossenen Projekt: dem ersten Hörbuch, das sie eingelesen hat. Konzentriert und sehr ernst ist sie mitten im Thema, und das ist kein leichtes. Es geht um den Tod, um das Sterben und das Abschiednehmen – „eine Geschichte, die mich sehr berührt hat“.
„Sieben Minuten nach Mitternacht“, so heißt das Buch. Es ist die Geschichte des zwölfjährigen Conor, erzählt vom Journalisten und Kinderbuchautor Patrick Ness. Conors Eltern haben sich getrennt, sein Vater hat in Amerika eine neue Familie, und Conor lebt in England bei seiner Mutter, die an Krebs erkrankt ist. Sie versichert ihm immer wieder, dass sie gesund werden wird. Doch irgendwann kann er die Augen nicht mehr davor verschließen, dass keine der Behandlungsmethoden angeschlagen hat und seine Mutter bald sterben wird. In dieser Zeit, als er merkt, dass er Abschied nehmen muss, kommt nachts ein Monster zu ihm, eine mächtige, alte Eibe, erzählt ihm Geschichten und hilft ihm am Ende, seine geliebte Mutter loszulassen.
Ausgedacht hat sich diese Geschichte nicht Patrick Ness, sondern die Kinderbuchautorin Siobhan Dowd, die 2007 selbst an Krebs starb, bevor sie ihr Buch schreiben konnte. Ness hat ihre Ideen aufgenommen und daraus eine Geschichte gemacht, die die deutsche Verlagsgruppe von Random House nun herausbringt: für Kinder ab zwölf im Kinder- und Jugendbuchverlag cbj und für Erwachsene im Goldmann Verlag – mit zwei unterschiedlichen Covern, aber beide Bücher haben denselben Text und dieselben Illustrationen von Jim Kay; und als Hörbuch im Hörverlag.
„Klar: Das ist eine Kindergeschichte – einfach und spannend geschrieben, mit einem Jungen und einem Monster als Helden“, sagt Maria Furtwängler. Aber nicht nur im Verlagshaus ist man davon überzeugt, dass das zu Herzen gehende Buch auch ältere Leserinnen und Leser ansprechen kann. Die Schauspielerin, deren zwei Kinder bereits erwachsen sind, glaubt es ebenfalls: „Diese Geschichte hat mich als Mutter sehr bewegt, und ich kann mir vorstellen, dass es anderen ähnlich geht.“
Maria Furtwängler hatte schon früher verschiedene Anfragen, Hörbücher einzu-lesen. „Wenn man mit Texten ins Studio geht, verbringt man viel Zeit mit ihnen, und dafür waren sie mir nicht interessant genug, hatten nicht die Tiefe und Vielschichtigkeit, die ich mir gewünscht hätte“, sagt sie. „Bei ‚Sieben Minuten nach Mitternacht‘ war es anders: Ich wollte die Geschichte als Hörbuch einlesen, weil es Patrick Ness gelungen ist, seinen Figuren in den intimsten Momenten – dem Abschiednehmen, dem Sterben – unerhört nah zu sein. Was auch immer sie sagen oder tun, es wirkt authentisch und ist trotz der Schwere des Themas nie pathetisch. Selbst als ich im Studio war, um das Buch einzulesen, ist mir die Geschichte wieder so nahgegangen, dass wir einige Stellen wiederholen mussten, weil ich schon wieder einen dicken Kloß im Hals hatte.“
Die Tränen sind in der endgültigen Fassung nicht mehr zu hören. Maria Furtwängler hat sich für einen ruhigen, unpathetischen Erzählton entschieden, und er ist es, der am Ende dominiert – in einer Lesung, die von Kindern genauso gehört werden kann wie von Erwachsenen.
Wie berührbar die Schauspielerin ist, ist nicht nur an ihrer Reaktion auf Conors Geschichte zu merken, sondern auch an ihrem sozialen Engagement. Sie setzt sich ein für die Hilfsorganisation „Ärzte für die Dritte Welt“ und für das „Bündnis für Kinder – gegen Gewalt“ und jetzt auch für die Dominik-Brunner-Stiftung für Zivilcourage. Auch hierbei spielt es eine große Rolle, dass sie einen Sohn und eine Tochter hat. „Insbesondere das ‚Bündnis für Kinder‘ und die Stiftung sprechen mich als Mutter an: Es geht darum, Kindern zu helfen – auch dabei, nicht zu Gewalttätern zu werden.“
Zusätzlich zu ihrem bisherigen Engagement wird Maria Furtwängler nun auch ein Projekt mit ihrer Tochter auf die Beine stellen. „Sie war einige Wochen in Kambodscha und hat dort eine Frau kennengelernt, die sehr jung in die Zwangsprostitution verkauft wurde und heute Frauen hilft, die Ähnliches durchmachen mussten“, berichtet sie. „Anschließend war Lisa auf den Philippinen, einem der Länder, von dem aus besonders viele Mädchen und Frauen verkauft werden.“ Und dort werden sie nun ein ähnliches Projekt, wie sie es in Kambodscha kennengelernt hat, möglich machen.
Die konkrete Arbeit vor Ort werden die „Ärzte für die Dritte Welt“ leisten. Aber Mutter und Tochter wollen das Ganze aufbauen. Wobei die berühmte Mutter, die bereits Erfahrung damit hat, Gelder für Hilfsprojekte einzuwerben, sich vor allem um die Finanzierung kümmert. Für den Bau des Hauses für die minderjährigen Mädchen ist das Geld schon gesammelt.
Die Themen Menschenhandel und Zwangsprostitution will Maria Furtwängler auch in einem ihrer nächsten „Tatorte“ mit Charlotte Lindholm aufgreifen. Seit 2002 spielt sie die Kommissarin, die bei vielen Zuschauern auch deshalb sehr beliebt ist, weil sie eine starke Frau ist. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, wie die Schauspielerin selbst.
Frauenpower, das ist ein Thema, das ihr ebenfalls sehr wichtig ist. „Ich komme aus einer Familie beeindruckender Frauen“, erzählt Maria Furtwängler, die deutlich spürbar stolz auf ihre Ahninnen ist. „Ich habe eine starke Mutter und Großmutter, und ich hatte eine sehr energische Urgroßmutter, die sich schon früh dafür eingesetzt hat, die Rechte von Frauen zu stärken: Kathinka von Oheimb, eine der ersten weiblichen Reichstagsabgeordneten. Sie hat zum Beispiel einen Verein zur politischen Bildung von Frauen eingerichtet.“
Maria Furtwängler hat aber nicht nur besondere Vorfahren. Sie hat auch in eine Familie mit einer sehr selbstständigen Frau eingeheiratet: ihre Schwiegermutter Aenne Burda, die als Verlegerin erfolgreich war.
Die familiären Vergangenheiten hätte Maria Furtwängler hinnehmen und selbst einfach nur Gattin und Mutter sein können, nachdem sie 1991 mit 25 Jahren den damals 51-jährigen Hubert Burda geheiratet hatte. Aber so ganz geheuer war ihr die staatlich abgesegnete Beziehung nicht. „Ich war zwölf, als meine Eltern sich scheiden ließen“, sagt sie, „und hatte danach keine ausschließlich positive Einstellung zur Ehe.“
Erst als ihr zweites Kind unterwegs war, entschloss sie sich dann doch zur Heirat. Aber sie wollte auf eigenen Füßen stehen bleiben, auch wenn sie mit Hubert Burda, in dessen Imperium unter anderen die „Bunte“ und der „Focus“ erscheinen, mit einem sehr wohlhabenden Mann zusammengekommen war. Sie absolvierte weiter ihre Ausbildung zur Ärztin, promovierte und arbeitete in ihrem Beruf, den sie sehr mochte und an den sie auch heute noch gern zurückdenkt.
„Aber ich wollte Schauspielerin werden und lernen, so durchlässig zu werden, dass ich authentisch wirke. Ich habe wahrscheinlich auch geahnt, dass sich darin eine große Möglichkeit zur Selbstentwicklung verbirgt. Das macht den Beruf der Schauspielerin nach wie vor enorm spannend.“ Aber der Erfolg ist Maria Furtwängler nicht in den Schoß gefallen. „Ich wollte meine eigene Marke, meinen eigenen Namen haben“, sagt sie, und den hat sie sich erarbeitet.
Sie lebt ihr eigenes Leben an der Seite eines mächtigen Mannes. Und setzt sich, auch wenn sie für sich viel erreicht hat, für die Gleichberechtigung von Frauen ein, „weil mich Ungerechtigkeiten jeder Art auf die Palme bringen“. Ungerecht findet sie, dass von Chancengleichheit auch in Deutschland noch nicht die Rede sein kann.
Wann immer es möglich ist, engagiert sie sich. Sie spricht sich für die Quote aus. Sie war Mitglied der „Besonderen Elf“: Promifrauen um „Teamchefin“ Angela Merkel, die für die Frauenfußball-WM geworben haben. Sie hat Digital Life Design (DLD) Women ins Leben gerufen, eine Konferenz, bei der sie interessante Frauen aus aller Welt vorstellt, unter ihnen in diesem Jahr Ursula von der Leyen und Google-Managerin Megan Smith. Und sie spielt starke Frauen: nicht nur im „Tatort“, sondern auch in den Fernsehproduktionen „Die Flucht“ und „Schicksalsjahre“, und gern würde sie Figuren wie Cosima Wagner oder Leni Riefenstahl in Filmen verkörpern – „Persönlichkeiten, die unser modernes Frauenbild entscheidend mitgeprägt haben.“
Ihr soziales Engagement, Frauenthemen, das Buch von Patrick Ness, das sie gern verfilmen würde – es ist ihr wichtig, über all das zu reden, das ist zu merken. Aber die vereinbarte Gesprächszeit geht zu Ende, die Energiegeladene, Vielbeschäftigte wird unruhig: Gäste sind im Haus, und sie will die Tochter zurückrufen, die während des Interviews versucht hat, sie zu erreichen.
Während ihre Hunde selig schliefen, hat Maria Furtwängler einen kurzen, aber intensiven Einblick gegeben in das Leben einer Frau, die bewusst und erfolgreich ihren eigenen Weg geht. Blond, schlank, sexy, schön: Das ist sie auch. Kühl: Das ist sie wohl vor allem als Charlotte Lindholm. Engagiert, nachdenklich, berührbar: Das scheint sie ganz besonders zu sein – eine Frau, die ihren selbst erarbeiteten Status als Prominente und ihre Stellung als Verlegergattin für gescheite Projekte nutzt.
Zur Person
Maria Furtwängler, geboren 1966 in München, ist die Tochter der Schauspielerin Kathrin Ackermann und des Architekten Bernhard Furtwängler, und sie ist die Großnichte des Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Im NDR-„Tatort“ verkörpert die Schauspielerin die populäre Kommissarin Charlotte Lindholm. Sie erhielt unter anderem den Deutschen Fernsehpreis und die Goldene Kamera, für ihr soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz. Seit 1991 ist sie mit dem Verleger Hubert Burda verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in München.
Sabine Schmidt
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Patrick Ness, Siobhan Dowd. Übersetzt von Bettina Abarbanell Sieben Minuten nach Mitternacht Goldmann - 16,99 € Format: 216 S. ISBN: 978-3-442-31280-1 Bestellen |
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Patrick Ness, Siobhan Dowd. Übersetzt von Bettina Abarbanell Sieben Minuten nach Mitternacht cbj - 16,99 € Format: 216 S. ISBN: 978-3-570-15374-1 Bestellen |
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Patrick Ness, Siobhan Dowd. Übersetzt von Bettina Abarbanell. Gelesen von Maria Furtwängler Sieben Minuten nach Mitternacht Der Hörverlag - 19,99 € Format: 4 CDs ISBN: 978-3-86717-783-2 Bestellen |
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