Literatur-Nachrichten

Erfundene Wahrheiten

Das nächste Buch ist immer das schwerste – vor allem nach einem gelungenen Debüt. Doch auch in seinem zweiten Roman „Der Spiegelkasten“, der von den Schrecken des Ersten Weltkriegs erzählt, überzeugt Christoph Poschenrieder als begnadeter Stilist.

Am Anfang war ein altes Album. Vergilbte Fotografien zeigten Männer in Uniform, zerbombte Landschaften, Stacheldraht und Schützengräben, Tote am Straßenrand, altertümliche Lastwägen, öde Felder, ein paar Soldaten, die in die Kamera lachen, das verwackelte Bild einer feuernden Kanone. Immer wieder blätterte er als Kind fasziniert im Album seines verstorbenen Großonkels Ludwig Rechenmacher, erinnert sich Christoph Poschenrieder und streicht seinem Hund übers Fell. Der 13 Jahre alte Moe, ein Schäferhundmischling mit väterlicherseits belgischen Wurzeln, legt sich brav neben den Tisch in der kleinen Münchner Café-Buchhandlung, lässt sein Herrchen aber keine Sekunde aus den Augen.

„Was in dem Album genau zu sehen war, wusste ich damals nicht. Das schnörkelige Sütterlin unter den Fotos kann ich heute immerhin lesen.“ Es waren Bilder aus dem Ersten Weltkrieg, jener „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie ein amerikani­scher Historiker schrieb, die fast zehn Millionen Menschen das Leben kostete. Aus den fleckigen Fotos, die Poschenrieder auch später immer wieder zur Hand nahm, formten sich in seinem Kopf Bilder und Geschichten. Er las und recherchierte, beschäftigte sich mit den brutalen Materialschlachten und sinnlosen Grabenkämpfen. Von diesem Krieg erzählt Poschenrieder nun in seinem neuen Roman „Der Spiegelkasten“.

Vor anderthalb Jahren hatte der 46-Jährige, der in München lebt und lange als Journalist gearbeitet hat, mit seinem Debütroman „Die Welt ist im Kopf“ die Kritiker begeistert. Der Druck, einen mindes­tens ebenso guten Roman folgen zu lassen, ist groß – „auch wenn man sich den Druck wahrscheinlich am ehesten selbst macht“, wie Poschenrieder meint. Sein Erstling, in dem der junge Schopenhauer die Hauptrolle spielt, Goethe und Lord Byron auftreten, ist ein fabelhaft erzähltes, intellektuell anspruchsvolles Lesevergnügen. „Es gab wohl einige, die von mir wieder so etwas in diese Richtung erwartet haben.“

Im „Spiegelkasten“ treten zwar erneut historische Figuren auf, doch tragen die Helden keine berühmten Namen, sondern sind Offiziere und heißen Ismar Manneberg und Ludwig Rechenmacher – der Großonkel wurde zur Romanfigur.  Und mit dem burlesken Charme seines Debütromans war dem Thema auch nicht beizukommen. Umso mehr beweist Poschenrieder, dass er sein Handwerk glänzend versteht und eine packende Geschichte leichtfüßig, stilistisch brillant und höchst lesenswert erzählen kann.

Rechenmachers Existenz ist familiär belegt, doch auch den Manneberg hat es tatsächlich gegeben, erzählt der Autor. Doch außer, dass beide als Offiziere im bayerischen Infanterieregiment dienten und sich vom Jurastudium in München her kannten, hat ihr wahres Leben nichts mit dem zu tun, was wir im „Spiegelkasten“ über sie lesen. Ihre Geschichte hat sich ­Poschenrieder ausgedacht; er hat in Archiven gestöbert, über den Krieg gelesen, Schauplätze aufgesucht und sich so Stück für Stück die Vergangenheit zu eigen gemacht.

Poschenrieder konfrontiert den Leser mit dem Irrsinn der mörderischen Schlachten an der Westfront und verknüpft das Geschehen raffiniert mit einer Handlung, die in der Gegenwart spielt: Es geht um einen  Journalisten, der als Media-Analyst arbeitet und der zufällig in alten Fotoalben blättert, sich mehr und mehr für den Ersten Weltkrieg interessiert, nächtelang im Internet recherchiert und sich immer tiefer in die Welt vor knapp 100 Jahren eingräbt – bis er irgendwann nicht mehr zwischen der Welt von einst und der Wirklichkeit unterscheiden kann.

Dreh- und Angelpunkt ist der Spiegel­kas­ten – eine Erfindung, die Poschenrieder dem Militärarzt Karamchand zuschreibt. Mithilfe eines optischen Tricks, der an dieser Stelle nicht näher erläutert werden soll, gelingt es, Phantomschmerzen an amputierten Gliedmaßen zu beseitigen. Dass sich diesen Kasten in Wahrheit ein Hirnforscher namens Ramachandran in den 1990er Jahren ausgedacht hat, spielt für ­Poschenrieder keine Rolle. „Ähnlich wie bei meinem ersten Buch war mein Ziel, Fakten und Fiktion so zu vermischen, dass der Leser das Erfundene für wahr und das Wahre für erfunden hält.“

Bei seinen langen Spaziergängen mit Hund Moe an der Isar nahm die Idee für seinen zweiten Roman Gestalt an. Hier, abseits des Großstadttrubels, habe er meistens die besten Gedanken, erzählt Poschenrieder, der mit der Glitzerwelt der Isarmetropole ohnehin nur wenig anfangen kann. Vielleicht ist ihm in den Isar-Auen auch erstmals der Gedanke gekommen, sich von seinem festen Redakteursjob zu verabschieden und freier Schriftsteller zu werden. Nach einem Volontariat beim „Münchner Merkur“ und einigen Jahren als Lokalreporter, studierte Poschenrieder an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München, besuchte eine Journalistenschule in New York und arbeitete anschließend als Autor von Dokumentarfilmen. Zuletzt war er als Redakteur für eine Softwarefirma tätig.

Jahrelang hatte er nebenher an seinem ers­ten Roman geschrieben, legte das Manuskript beiseite, kramte es wieder hervor, schrieb weiter. Im Sommer 2008 machte ­Poschenrieder dann ernst, nahm zwei Monate unbezahlten Urlaub, verordnete sich eine Schreibklausur in einem Dorf in Süd­tirol, wo seine Familie eine Wohnung besitzt. „Arbeiten, essen, schlafen, mit dem Hund spazieren gehen: Das war alles, was ich dort gemacht habe.“ Er wollte nicht nur seinen Roman zu Ende schreiben, sondern auch „das Schriftstellerleben testen“. Sein Fazit lautete: Test bestanden, dies war genau das Leben, das er sich gewünscht hatte.
Dass er mit seinem Manuskript dann gleich in der Verlags-Beletage, bei Diogenes, landete, machte sein Glück perfekt: „Es klingt banal, aber für mich ist damit schon ein Traum wahr geworden.“

Eckart Baier

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