Literatur-Nachrichten

"Uns fehlt ein Projekt"

Angst vor dem Versagen, vor festen Bindungen, vor der Zukunft: Was ist bloß los mit den 30-Jährigen von heute? Nina Pauer und Christoph Giesa unternehmen den Versuch einer Standortbestimmung ihrer Generation.

Sie legt in ihrem Buch „Wir haben keine Angst“ die Generation 30 auf die Couch, er plädiert in „Bürger. Macht. Politik“ für ein neues Verständnis von politischem Engagement und bürgerlicher Verantwortung. Nina Pauer (29) schreibt für die „Zeit“, Christoph Giesa (30) arbeitet für einen Handelskonzern und setzte sich 2010 als FDP-Mitglied für Joachim Gauck als Bundespräsident ein. Zwei junge Leute, die mit beiden Beinen im Leben stehen – oder etwa doch nicht? Was ist los mit ihrer Generation, die cool erscheint, aber verunsichert und orientierungslos ist?

Frau Pauer, nächstes Jahr werden Sie 30 – ein Geburtstag wie jeder andere?
Nina Pauer: Nein, ich denke schon, dass dies ein besonderes Datum ist. Für die meis­ten ist der 30. Geburtstag der Zeitpunkt, an dem man sich fragt, ob man jetzt eigentlich erwachsen ist und ob das Leben, das man führt, den Hoffnungen und Erwartungen entspricht, die man früher hatte. Ich persönlich sehe dieser biografischen Station aber noch ganz entspannt entgegen.

Herr Giesa, Sie wurden vergangenes Jahr 30 – wie war’s für Sie?
Christoph Giesa: Für mich war das keine Klippe, aber es ist schon so, dass um die 30 herum oft einschneidende Dinge passieren. Man gründet eine Familie, macht sich nach dem ersten Job vielleicht selbstständig oder man trägt im Beruf mehr Verantwortung als am Anfang.

Nina Pauer beschreibt in ihrem Buch die Generation 30 als eine, die sich nicht festlegen will, die sich scheut, Entscheidungen zu treffen, und die Angst hat vor den Chancen, die sich bieten. Erkennen Sie sich darin wieder?
G
iesa: Zum Teil ja, vieles, was ich da lese, kenne ich aber vor allem aus meinem Umfeld, meinem Freundeskreis – bis hin zur Psychologencouch.

Sind Leute um die 30, die sich psychologisch be­handeln lassen müssen, weil sie im Leben nicht klarkommen, denn keine Einzelfälle?
Pauer: Nein. Ich schätze, dass fast 90 Prozent der Leute, die ich kenne, zum Psychologen gehen, viele werden zum Teil sogar medikamentös behandelt.
Giesa: So viele sind es bei mir zwar nicht, den Trend sehe ich aber schon auch. Zum Teil sind das Leute, die mit Einser-Abi und Einser-Examen gestartet sind, mehrsprachig sind und bei Top-Firmen arbeiten.

Weswegen kommt Ihre Generation nicht klar?
Pauer: Weil wir leistungsfähig, fit und lässig zugleich sein wollen und dann auch noch für Freunde, Eltern und Partner da sein sollen. Alles muss perfekt sein, und das setzt einen enorm unter Druck.

Wird dieser Druck und der Gang zum Psychologen denn in Ihrer Generation besprochen?
Pauer: Darüber spricht man allenfalls mit den engsten Freunden, auf Facebook wird das nicht öffentlich gemacht, denn da will niemand Schwächen zeigen.
Giesa: Die Rechnungen für den Psychologen werden sowieso privat bezahlt. Deshalb taucht dieser Trend auch in keiner Statistik auf – und für das Attest beim Arbeitgeber geht man zu einem anderen Arzt, der einem eine andere Diagnose stellt.

Und warum kann man nicht ein wenig gelassener sein, das Leben liegt doch vor einem?
Pauer: Das ist das Problem. Das Leben bietet mir so viele Möglichkeiten, dass ich unsicher bin, ob das, was ich tue, das Richtige ist. Deshalb kann ich mich nie wirklich entspannen. Selbstverwirklichung klingt so leicht, ist es aber nicht. Unsere Generation hat Angst vor dem Scheitern; von der Atmosphäre der „Spaßgesellschaft“, die es in der vorherigen Generation gab, ist nichts übrig geblieben.

Warum ist das so?
Giesa: Wir sind in einer Zeit mit vielen Umbrüchen aufgewachsen. Wir sind die letzte Generation, die als Kinder ohne Internet und Handy aufgewachsen ist. Wir haben zu hören bekommen, dass es doch nicht immer aufwärts geht und die Rente auch nicht sicher ist. Wir sind die erste Generation nach dem Krieg, die ihre Eltern zum Teil scheitern sieht, Leute, die in den 80er Jahren eine Firma hatten, aber dann den Anschluss verpasst haben und heute arbeitslos sind. Das ist unsere Situation – ob unsere Ängs­te immer einen realen Grund haben, ist natürlich eine andere Frage.
Pauer: Zu dieser Umbruchsituation kommt das Internet dazu, das enorm viele Möglichkeiten bietet, sich zu beschäftigen, Netzwerke zu knüpfen, Leute kennenzulernen. Dieser Überschuss an Möglichkeiten lähmt.

Objektiv gesehen geht es Ihrer Generation aber nicht schlecht – wo liegt das Problem?
Giesa: Was unserer Generation fehlt, ist ein Projekt, eine Vision, hinter der man sich versammeln könnte. Ich bin mir sicher, dass viele der 30-Jährigen genug haben vom hedonistisch geprägten Leben der 80er und 90er Jahre und es eine Suche nach Sinn gibt.

Wie könnte solch ein Projekt denn aussehen?
Giesa: Ich weiß es nicht genau, aber ganz sicher steckt in der Vernetzung über das Internet enormes Potenzial. Auch ein nicht di­gitales Projekt wie das Betahaus in Berlin könnte Vorbild sein. Dort haben sich Freiberufler aus der Kreativszene zusammengetan und ihre eigene Arbeitswelt geschaffen –ohne klassische Büros, man arbeitet stattdessen vernetzt. Nebendran liegen die ­Prinzessinnengärten: ein Urban-Garde­ning-Projekt, wo auf frei gewordenen Flä­chen einfach gepflanzt wird und ein Ort neuen urbanen Lebens entstanden ist. Mittags sitzen dort die Kreativen, essen Gartengemüse und spielen mit ihren Smartphones. Vielleicht ist es genau das, wofür unsere Generation stehen kann: die Verknüpfung vermeintlicher Gegensätze wie Umwelt und Technik, Realität und digitaler Welt.
Pauer: Das Netz dient aber nicht nur den Kreativen, sondern auch Leuten, die ganz normal im Büro sitzen. Dass ein Mausklick enorm viel bewirken kann, merkt man doch an Dingen wie der absurden Diskussion um das Verbot von Facebook-Partys. Da ist zwar viel Quatsch und Chaos im Spiel, aber man ahnt, was für eine Kraft dahintersteckt. Für unsere Generation sehe ich eine große Chance, über das Netz etwas zu bewegen.

Ohne Social Media geht es heute nicht mehr?
Pauer: Nein. Es wäre auch dumm, weil Netzwerke wie Facebook einfach viel zu wichtig sind, um sie zu ignorieren. Man nutzt sie ja nicht nur, um Wohnungen und Partner zu finden und um sich zu verabreden und zu organisieren. Man kann auch großen beruflichen Nutzen daraus ziehen. 
Giesa: Wenn ich will, dass meine Meinung gehört wird, sind Twitter, Facebook und Blogs die mächtigsten Tools, über die ich verfüge – und diese Tools nutze ich auch.

Die Veränderungen im Medienverhalten und in der Kommunikation werden von älteren Leuten noch eher misstrauisch beäugt …
Giesa: Dies ist sicher auch ein Grund dafür, warum sich Politik und Politiker immer weiter von der jungen Generation entfernen. Das ist auch eines der Themen meines Buchs: Wie die Politik gefangen ist zwischen den alten Regeln und der neuen digitalen Welt. Es ist leider so, dass man vielen Politikern, aber auch Managern erklären muss, dass sich die Welt geändert hat und dass sie sich angewöhnen müssen, auf Jüngere zu hören und von ihnen zu lernen. Das könnte auch eine Aufgabe für die Generation 30 sein, denn von einem 20-Jährigen wird sich Sigmar Gabriel die Welt sicher nicht erklären lassen. Uns hört er aber vielleicht doch zu – wir kennen beide Seiten, weil wir ja noch in der „alten Welt“ aufgewachsen sind.
Pauer: Und wir sind es, die auch den Jüngeren sagen können, dass Veränderungen nicht so schnell gehen, wie man es sich bisweilen wünscht. Wir sind die Generation, die dazwischensteht, wir verstehen beide Seiten und können vermitteln.

Ist die Generation 30 aber nicht viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit der Karriere, dem Privatleben und der eigenen Seele, um Verantwortung zu übernehmen und sich für Projekte zu engagieren?
Pauer: Das ist zwar richtig, ich sehe bei vielen aber schon auch eine Sehnsucht, sich zu etwas zu bekennen, sich für etwas einzusetzen. Unser eigener Zynismus kotzt uns ja auch an. Viele Leute, da bin ich mir sicher, hätten schon Lust, die vorhandenen Energien in sinnvolle Projekte zu kanalisieren und die Gedanken nicht nur immer um sich selbst kreisen zu lassen.
Giesa: Diese Energie ist da, das stimmt. Die Leute sind ja auch nicht unpolitisch, nur ihre Aktionen sind es noch. Da vereinbart man über Facebook doch lieber die nächste Kissenschlacht. Es gibt viel Aktionismus im Netz, es fehlt aber, wie bereits gesagt, das Projekt, die politische Idee, eine Vision. Es gibt aber genügend Themen, für die es sich lohnt zu kämpfen, und ich habe das Gefühl, dass sich im Internet, in den Netzwerken Dinge entwickeln, die enorme Kraft bekommen können.

Könnte der Sinn vielleicht auch darin liegen, sich ins Private zurückzuziehen und eine Familie zu gründen?
Giesa: Ich würde das ins Gegenteil wenden. Wenn man eine Familie gründet, hat man ja automatisch mehr Verantwortung zu tragen, man ist sozusagen zum Sinn gezwungen und muss sich dafür engagieren, dass das Umfeld entsprechend gestaltet ist.
Pauer: Natürlich gibt es bei vielen Leuten die Angst, auch noch Verantwortung für Kinder zu übernehmen – man bekommt ja sein eigenes Leben kaum geregelt. Wenn es aber so weit ist, würden Kinder der Ichbezogenheit automatisch ein Ende setzen.

Hindert diese Ichbezogenheit auch daran, sich in einer Partei politisch zu engagieren?
Giesa: Das hat mehr mit der Lebenswirklichkeit zu tun. Man hat einfach keine Lust drauf, den Sonntagmorgen bei einer Parteiveranstaltung in einer Kneipe zu verbringen, um dann doch nichts zu bewegen. Und auch die in Teilen existierenden Internetverbände der Parteien sind keine Alternative, solange diese keine Stimmrechte haben. Allein diese Tatsache zeigt doch, wie starr die Parteien an Traditionen festhalten und wie die neuen Institutionen für sie nur Alibifunktion haben.
Pauer: Ich muss leider immer wieder feststellen, wie wenig die Politik von der Lebenswirklichkeit junger Leute versteht, und dass vieles, was die Politik zu bieten hat, uns nicht anspricht. Außerdem muss man auch nicht unbedingt einer Partei oder Organisation angehören, um sich für Aktionen und Projekte zu engagieren.

Sie, Herr Giesa, sind FDP-Mitglied. Müssen Sie schwer daran tragen?
Giesa: Ich finde es wichtig, sich zu bekennen, auch wenn ich nicht alles mittrage, was sich die Parteiführung so ausdenkt. Mein Engagement für Joachim Gauck als Kandidaten von Rot-Grün für das Amt des Bundespräsidenten hat mir die Türen auch in andere Richtungen geöffnet. Seitdem sind die Beißreflexe mir gegenüber viel geringer, und mir hören heute Leute zu, die das vorher niemals gemacht hätten, nur weil ich für sie eben das falsche Parteibuch habe.

Hätte aus dem Engagement für Gauck nicht eine neue Bürgerbewegung oder politische Partei entstehen können?
Giesa: Nein. Die Initiative war überparteilich, da waren CSUler ebenso beteiligt wie Linke. Es war die gemeinsame Überzeugung, die uns geeint hat. Es wäre aber undenkbar, dass sich diese Leute auf ein gemeinsames Parteiprogramm einigen könnten.

Interview: Eckart Baier

Titel

  1. Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation
    • VerlagS.Fischer
    • ISBN 978-3-10-060614-3

    bestellen

  2. Bürger. Macht. Politik.
    • VerlagCampus
    • ISBN 978-3-593-39465-7

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld