Literatur-Nachrichten

Fels-Safe und Jodlersammlung

Regionalkrimi geht auch anders: Der Autor und Kabarettist Jörg Maurer führt in seinen Alpenkrimis Menschen, Orte und Landschaft subversiv und it hintersinnigem Witz vor. Eine Empfehlung von Buchjournal-Krimiexperte Tobias Gohlis.

Regionalkrimi ist blöd. Zu den Wesensbeschränktheiten dieser Spießerabteilung germani­schen Krimischaffens gehört die Unbedarftheit, mit der Orte, Zeiten und lokale Bräuche eins zu eins als wahr und gegeben behandelt werden. Dazu passt auch eine brunftige G’spaßigkeit, die als Wiedererkennungseffekt touristen- und quotenkonform eingesetzt wird. Doppelte Erniedrigung – der als Deppen vorgeführten Region-Bewohner und des lesenden Publikums.

Dass es mit Ort, Landschaft und Witz anders geht, wissen wir aus den Romanen eines Alfred Komarek, einer Uta-Maria Heim oder aus Andrea Maria Schenkels „Tann­öd“. Dass das zudem noch sehr komisch, verspielt und hintersinnig gehen kann, liest man in den „Alpenkrimis“ von Jörg Maurer, deren dritter Band kürzlich erschienen ist.

Auf den liebevoll mit der Laubsäge gestalteten Covern bedeuten Schnitzwerk, Bergviecher und Einschusslöcher: „Zum Schießen“. Auf Gämsen zum Beispiel, wie sie auf dem Buchdeckel von „Niedertracht“ schießbudenmäßig vorüberziehen. Womit wir dort wären, wo die Weisheit der Kriminalpsychologie den Serienkiller freudianisch am Schlafittchen packt: bei der prägenden Urszene. Die hat der Putzi, ein 31-jähriger, stämmiger Ureinwohner, kurz nach seinem zehnten Geburtstag erlebt. Beim Wandern mit dem Vater hat Putzi eine junge Gams entdeckt, die sich verstiegen hatte und von ihrem Felsvorsprung nicht mehr wegkam. Seitdem erforscht Putzi experimentell existenzielle Grenzsituationen: „Springen oder Bleiben“ lautet die Wahl, vor die er die Trottel stellt, die auf seine vorgetäuschten Schwächeanfälle gutmenschelnd hereingefallen sind.

Man sieht: Maurer nimmt den Berggast als solchen ernst. Überhaupt durchweht seine Romane ein Hauch jener ebenso brachialen wie nahe am Desaster gebauten Wut, die für einen kritischen Heimatroman spätestens seit den 1980er Jahren unverzichtbar ist. Wer nicht schreibt, als wolle er das ganze Gebirge plattmachen, kriegt keine Saisonkarte auf der Seilbahn. Das weiß der Komödiant und Kabarettist Maurer. Deshalb heißen seine im Schatten des höchsten deutschen Berges ausgetüftelten Mordsstückchen auch „Alpenkrimi“. Dessen Kriterien erfüllt sein drittes, „Niedertracht“, voll und ganz. Ein Mann, ein Subgenre. Das Maurer mit Fels-Safes, entomologischen Mafia-Ortungssystemen, Jodlersammlungen und diversen Abseiltricks clever füllt. Durch all die witzigen Einfälle, Spöttereien und Karikaturen hindurch schimmert das prekäre, enteignete, Authentisch-Sein-Müssende der Touristenzone Garmisch-Partenkirchen (im Text: „der Kurort“) so durch, dass einem mittenmang das Lachen vergeht. Maurer: „Der Berg ist einer der wunderbarsten Tatorte, die es gibt.“

Eine Freundin, die als Kind das Jennerweinlied gesungen hat, hat mich auf Maurers Kleinode aufmerksam gemacht. Danke! Jener Jennerwein verstarb 1877 als Rebell im Berg. Sein Nachfahr Hubertus Jennerwein ist bei Maurer Kommissar. Wenn der überhaupt etwas repräsentiert, dann „dieses grundsätzlich Anarchis­tische des Bajuwaren.“
Tobias Gohlis

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