Literatur-Nachrichten

Lange spukten die Erinnerungen im Kopf

1988 hat er die DDR verlassen – und sich jetzt noch einmal mit ihr auseinandergesetzt. Für seinen faszinierenden Debütroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" wurde Eugen Ruge mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

"Ein guter Lauf!“ So umschreibt Eugen Ruge eine Erfolgsgeschichte, an die er wohl bis vor wenigen Monaten selbst noch nicht geglaubt hätte. Da schafft es ein bislang fast unbekannter Autor, mit seinem ersten Roman zum Gewinner des Deutschen Buchpreises zu werden. Und ist plötzlich in aller Munde. Es war allerdings ein Marathon-Lauf, der schon 2009 mit dem Alfred-Döblin-Preis für das damals erst entstehende Manuskript begann – und nun quasi mit der Goldmedaille endete.

Wenn man auf der Longlist stehe und dann gar auf der Shortlist, beginne man schon zu überlegen, sagte Ruge in einem der vielen Interviews, die er vor und nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises im Oktober gegeben hat. „Ich habe den Gedanken an den Preis aber auch immer wieder versucht zu verdrängen. Die Wahrscheinlichkeit war schließlich nicht so groß.“

Da hat sich der studierte Mathematiker allerdings verrechnet. Die Spekulationen im Vorfeld wiesen sehr deutlich darauf hin, dass Ruge mit seinem Roman zu den aussichtsreichsten Kandidaten dieses Jahrgangs gehören würde. Und zweifelsohne gehört er zu den eher ungewöhnlichen Siegern. Denn nicht nur, dass zum ersten Mal ein literarisches Debüt ausgezeichnet wurde. Es stammt zudem von einem 57-jährigen Autor, der bereits verschiedene Leben hinter sich hat und nicht in Schreibschulen verzweifelt nach einem Stoff suchen musste. Der Stoff hatte sich ihm vielmehr förmlich aufgedrängt. Er lag in der eigenen Familienhistorie offen da und hat als Folie eine wichtige Phase in der Geschichte Deutschlands.

Als Ruge, der einige Jahre am Zentral­institut für „Physik der Erde“ an der Humboldt-Universität arbeitete, 1988 aus der DDR in den Westen ging, lag dieser Stoff eher hinter als vor ihm – an eine Bearbeitung war damals nicht zu denken. Die DDR hatte für den Sohn des Historikers Wolfgang Ruge, der in Soswa am Ural geboren wurde, keine Zukunft geboten. Die Zukunft lag nun im Westen, und sie sollte nicht durch Nachdenken über die Vergangenheit verschattet werden.

Dann aber kam der Mauerfall, und der Stoff schlich sich wieder in Ruges Leben zurück: die Geschichte der Großeltern, überzeugte Kommunisten der ersten Stunde, und der Eltern, denen der real existierende Sozialismus bereits Zweifel eingeimpft hatte.

Während er Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher schrieb, spukte das große Projekt dieser Ost-Familiensaga in seinem Kopf herum. Es dauerte fast zehn Jahre und die Diagnose einer schweren Krankheit (die sich dann aber als falsch erwies), um wirklich mit der Arbeit zu beginnen. „Es ist schwer, über lebende Personen zu schreiben“, sagte er in einem Interview. „Das begreift man erst, wenn sie tot sind. Auch deshalb hat es so lange gedauert, bis ich mich darangewagt habe. Und dann habe ich noch sehr lange über die Form nachgedacht.“

Dass dieser Prozess so lange gedauert hat, merkt man als Leser nicht: Ruges Roman ist eine leichte und unterhaltsame Lektüre, der man die Arbeit an der Struktur nicht ansieht. Raffiniert ist sie aber durchaus. Ruge springt geschickt hin und her zwischen verschiedenen Zeitebenen, wirft einen multiperspektivischen Blick auf eine Epoche, die fast schon historisch geworden ist – und doch auch 20 Jahre nach dem Mauerfall in vielen Menschen und gesellschaftlichen Gemengelagen fortwirkt. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist ein historischer Roman, aber kein Geschichtsbuch. Es wird darin erzählt, und erst aus den verschiedenen Blickwinkeln seiner Figuren ergibt sich vielleicht so etwas wie eine his­torische Wahrheit. „Ich bin Geschichtenerzähler und kein Richter“, sagt der Autor. Als Interpret der Sozialgeschichte Deutschlands möchte er nicht missverstanden werden.

Die Entstehungsgeschichte seines Bestsellers – inzwischen sind weit über 200 000 Exemplare verkauft worden – ist ebenso außergewöhnlich wie der Werdegang des Autors. Nach dem Gewinn des Döblin-Preises, mit dem Ruge ausgezeichnet wurde, als erst ein Viertel des Manuskripts fertiggestellt war, standen die Verlage bereits Schlange. Es war schon zu ahnen, dass dieser Roman etwas Besonderes sein könnte.
Der Rowohlt Verlag war wohl der engagierteste unter den Bewerbern. Verleger Alexander Fest reiste, nachdem er die ers­ten 80 Seiten gelesen hatte, nach Berlin, um sich mit dem Autor zu treffen. Der Lektorin Katja Seemann, die das Buch zunächst auf dem Tisch hatte, schrieb er in einer SMS: „Sie haben die Goldader gefunden.“ Und das Gold wollte man unbedingt fördern. Ruges anfängliche Bedenken, Rowohlt sei ein zu großer Verlag – „wo bleibe ich zwischen diesen Riesennamen?“ –, konnte Fest zerstreuen. Das nennt man wohl eine glückliche Liaison.

Ulrich Rüdenauer

Titel

  1. In Zeiten des abnehmenden Lichts
    • VerlagRowohlt
    • ISBN 978-3-498-05786-2

    bestellen

  2. In Zeiten des abnehmenden Lichts
    • VerlagArgon
    • ISBN 978-3-8398-1121-4

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld