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Was heißt es, deutsch zu sein

In ihrem neuen Buch gehen sie der deutschen Seele auf den Grund – und fürchten bei ihrer Bestandsaufnahme von A bis Z weder die politische Linke noch die Rechte. Ein Gespräch mit den den beiden eigensinnigen Denkern Thea Dorn und Richard Wagner.

Ein heller Raum in einer ruhigen Berliner Altbauwohnung mit Bücherregalen bis unter die hohe Decke; an einer Wand hängt ein Ölschinken mit zwei Frauen, die einem Mann hingebungsvoll den Kopf abschneiden. Hier in ihrem Arbeitszimmer mit den vielen Büchern und dem ironischen Kommentar an der Wand schreibt Thea Dorn ihre Texte: Krimis, „Tatort“-Drehbücher, Sachbücher und Essays.

Während ihr Name ein Pseudonym ist – ausgedacht in einer bierseligen Berliner Nacht im Jahr 1994 mit Anklängen an den Philosophen Theodor W. Adorno –, ist der Name ihres Koautors echt. „Richard Wagner“ kam zu ihm, weil sein Vater, der mit seiner Familie zur deutschen Minderheit in Rumänien gehörte, den gleichnamigen Komponisten sehr schätzte. Und weil Richard ein Name war, den rumänische Behörden in der Geburtsurkunde nicht rumänisieren konnten – die Namensgebung war 1952 ein kleiner Akt des Widerstands gegen das verhasste Regime.

Sein Name ist nicht ganz unschuldig daran, dass die beiden Autoren sich kennenlernten. Die Wagnerianerin Thea Dorn griff einst auf der Buchmesse zu einem Band von Richard Wagner, erstaunt, dass es Texte von ihm gab, die sie noch nicht kannte – um dann festzustellen, dass jemand anders es gewagt hatte, unter dem Namen des hochverehrten Komponisten zu publizieren. Kurz darauf lernte sie den Frevler kennen und musste feststellen, dass gar kein Frevel vorlag. Damals – 1995 – begannen die beiden, gemeinsam ins Kino zu gehen und über ihre Texte zu sprechen.

In diesen Gesprächen gründet ihr erstes gemeinsames Buchprojekt „Die deutsche Seele“, wobei Richard Wagner seinen Anteil in seiner nahe gelegenen Wohnung geleistet hat, die noch voller mit Büchern gepackt ist als die Arbeitsstätte seiner Mitstreiterin. Bei so viel gesammelter Gelehrsamkeit ist es klar, dass das Werk ein gelehrtes und lehrreiches ist. Und zwar eines, das der deutschen Seele auf den Grund zu gehen sucht: in Stichwörtern von Abendbrot über Fahrvergnügen, Feierabend, Fußball, German Angst, Gründerzeit, Schrebergarten, Waldeinsamkeit bis zu Zerrissenheit. Ironisch, witzig, unterhaltsam ist es aber auch, nicht zuletzt wenn die Autoren manch schräges Detail hervorholen: zum Beispiel, dass Hermann Hesse entschiedener Nacktkletterer war oder Carl Zuckmayer seine Tochter „Winnetou“ nannte.

560 Seiten über die deutsche Seele – wie ist es dazu gekommen, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?

Thea Dorn: Letztes Jahr im Spätsommer saß ich mit dem Verleger Wolfgang Ferchl zusammen. Wir sprachen über Integration, und ich sagte, dass ich die ganzen Debatten nicht mehr hören kann. Es reicht nicht, sich darüber Gedanken zu machen, wer sich wie integrieren soll. Wir sollten auch darüber nachdenken, wer wir sind, wo wir herkommen und wohin sich Migranten denn integrieren sollen. Sobald das Stichwort „deutsch“ fällt, geht es nur noch um Aversionen und Klischees: Oktoberfest, Bier und Sauerkraut. Ich hielt ein flammendes Plädoyer dafür, dass man stattdessen ernsthaft darüber nachdenken müsse, was es heißt, deutsch zu sein. Der Verleger antwortete: „Dann schreib’s doch.“ Ich wollte erst nicht, weil es ein Wahnsinnsprojekt ist. Aber dann habe ich Richard davon erzählt und er war sofort davon überzeugt, dass es ein solches Buch geben muss. Und zu zweit war es zu schaffen.

Warum haben Sie sich für die lexikalische Form entschieden?
Richard Wagner: Wir wollten in der deutschen Geschichte zurückgehen, zugleich wollten wir aber auch die Gegenwart in Augenschein nehmen – das ist ein riesiger Steinbruch, und der kann nur über die Form zu einem Buch werden. So sind wir dann auf die Lexikon-Form gekommen mit den Stichwörtern, weil mit ihr vieles möglich ist und man mit dem Material spielen kann.
Dorn: Innerhalb der einzelnen Artikel gehen wir historisch vor, und so werden die erstaunlichsten Zusammenhänge klar. Zum Beispiel beim Männerchor. Auf den ersten Blick denkt jeder: peinlich, gestrig. Dabei kann man anhand des Männerchors alles über die deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert erfahren: den Verdruss über die Kleinstaaterei, die Sehnsucht nach einem geeinten Deutschland, die Überhöhung der Musik zu etwas Heiligem, die deutsche Waldverklärung und sogar über den guten alten Vater Rhein – weil der deutsche Mann nirgendwo lieber singt als am Rhein. Wir stießen dauernd auf solche Querverbindungen, und es wurde uns klar, dass man von der deutschen Seele nicht linear erzählen kann. Man kann nicht mit Tacitus anfangen, weil er als Erster von den Germanen berichtet hat, und dann einfach fortfahren, sondern am besten schreibt und liest man kreuz und quer. Deshalb gibt es am Ende jedes Textes auch Verweise zu anderen, thematisch anschließenden Texten, sodass sich jeder seinen eigenen Weg durch das Labyrinth der deutschen Seele suchen kann.

Sie gehen zum Teil sehr weit in die Geschichte zurück. Worum geht es Ihnen dabei?
Wagner: Wir wollen an das erinnern, worauf sich unsere Gesellschaft gründet und was uns – mehr oder weniger bewusst – bis heute prägt. Tatsächlich wird das aber meist ignoriert oder abgelehnt, während wir heute alles, was von außen kommt, als Bereicherung annehmen; die Frage geht aber unter, was denn bereichert wird. Wir haben vergessen, was es heißt, deutsch zu sein, weil es seit 1945 verpönt ist, darüber zu sprechen – die politische Linke lehnt alles Vergangene ab, weil es ihrer Meinung nach notwendig auf 1933 zugelaufen ist. Es sind aber nicht die langen Linien der deutschen Geschichte, die die Katastrophe herbeigeführt haben, es war vielmehr die Kapitulation der deutschen Gesellschaft vor dem Totalitarismus.

Wenn man an das Furchtbare denkt, das zwischen 1933 und 1945 passiert ist und gerade mit dem Deutschsein verbunden wurde, macht es doch aber auch Sinn, mit diesem Thema sehr vorsichtig umzugehen. Haben Sie keine Angst, von den Rechten vereinnahmt zu werden?
Wagner: Es gab in diesem Land schon früher die Neigung, politisch vieles zu blockieren, und zwar mit der Parole: Beifall von der falschen Seite. Wenn man 1968 gegen den Sowjet-Einmarsch in Prag demonstrierte, wurde man darauf hingewiesen, dass auch NPD-Leute im Demonstrationszug seien. Das Problem in Prag gab es deshalb aber immer noch. – Unser Motto ist: „Die Gedanken sind frei.“ Das heißt auch, dass wir sagen, was wir für richtig halten.
Dorn: Ich rechne nicht damit, dass wir Beifall von rechts bekommen werden, weil wir keine rechten Positionen vertreten. Wir sprechen uns deutlich für die Westbindung aus und für die Verantwortung Deutschlands Israel gegenüber. Es wird Zeit, das Deutsche aus den Händen des braunen Gesocks zu befreien.

Was nützt es uns, wenn wir uns der Vergangenheit vergewissern?

Dorn: Ein Land, das 99 Prozent seiner Geschichte vergisst, kann nicht vital und zukunftsfähig sein. Mein Haupteindruck von der gegenwärtigen Gesellschaft ist eine furchtbare Verzagtheit, Ratlosigkeit, fast kindliche Hilflosigkeit, ein ängstliches In-die-Zukunft-Blinzeln, vor lauter Problemen sehen wir den Wald nicht mehr. Es gibt keinen Lebensmut und keine Energie, und das, obwohl Deutschland in der Mitte Europas gut aufgestellt ist.

 

Das ist ja allerdings ziemlich deutsch: Wenn man in die Vergangenheit zurückschaut, sieht man ja auch eher weniger Lebenslust und Leichtigkeit.
Dorn: Aber jetzt werden wir von einer ängstlichen Mitte dominiert. Es gab in diesem Land einmal sehr starke Extreme. Es gab radikale Technikenthusiasten, die sagten: Ich erfinde euch den pferdelosen Wagen, später Automobil genannt, die dafür die verrücktesten Sachen unternommen haben. Zur selben Zeit, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, entstand eine massive Lebensreformbewegung – da war der gute Rousseau mit seinem „Zurück zur Natur“ nichts dagegen. Da wurden Kommunen gegründet und die FKK-Kultur erfunden, weil der Mensch in dem Moment, in dem er Kleider anzieht, sich angeblich von der Natur entfernt. Das waren extreme Gegensätze, und die haben die deutsche Gesellschaft schon immer geprägt. Die Kunst, deutsch zu sein, besteht für mich darin, diese Gegensätze auszuhalten und sie produktiv zu machen, anstatt das Heil in der vermeintlich sicheren Mitte zu suchen, wie wir es jetzt tun.

Inwiefern ist zum Beispiel Ihr Text über die Freikörperkultur eine Antwort darauf?
Dorn: Eine direkte Antwort ist das natürlich nicht. Wir haben ja kein Rezeptbuch geschrieben, in dem wir die zehn wichtigsten Missstände aufzeigen und zehn Lösungen liefern. Aber ich habe beim Recherchieren und Schreiben selbst erlebt, welche Vitalität es freisetzt, sich mit Epochen der deutschen Geschichte zu beschäftigen, in denen dieses Land vor Kreativität und Aufbruchsgeist nur so gefunkelt hat. Für meine Seele war es die reinste Frischzellenkur, mich in das zu versenken, was das Deutsche zu seinen Blütezeiten, beispielsweise um 1800 herum, einmal war.

Und welche Rolle spielt die Wurst?
Wagner: In einem Lexikon ist Platz für vieles. Den Text über die Wurst habe ich wegen des Klischees geschrieben, dass die Deutschen große Wurstfans sind. Das war der Ausgangspunkt. Aber ich gehe bald zu dem sozialen Phänomen über: der Wurstbude. Das ist ja ein Treffpunkt, der weit über sich hinausweist. Bei dem Berliner Imbiss, über den ich schreibe, geht es unter anderem um die Wiedervereinigung; und bei dem Kölner Imbiss kommt man über die beiden Kommissare, die dort ihre Wurst essen, zum „Tatort“ – und anhand des „Tatorts“ könnte man eine komplette Geistes- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik erzählen. So werden die Details zu Facetten eines Ganzen, das in der deutschen Seele zum Ausdruck kommt.

Und was ist für Sie „typisch deutsch“? Unter allen Kommentatoren verlosen wir 1 Exemplar von Thea Dorns und Richard Wagners Buch "Die deutsche Seele“!
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Interview: Sabine Schmidt

9 Kommentar/e

1. Annette B. 30.11.2011 14:14h Annette B.

Was ist für mich typisch Deutsch?
Vielleicht, sich immer und überall über alles beschweren zu müssen. Die Sonne ist zu heiß, der Regen zu nass, der Schnee zu spät. Was für das Wetter gilt, gilt ebenfalls für Restaurantbesuche... ständig wird genörgelt, dabei geht es uns besser als den meisten anderen Weltbürgern...

2. Isabella K. 30.11.2011 14:44h Isabella K.

Pünktlichkeit! Keine andere Nation hat das so im Blut wie wir. Das merkt man bei internationalen Treffen besonders!

3. Camilla 30.11.2011 15:01h Camilla

Typisch deutsch ist es für mich, den Kopf auch in schwierigen oder vielleicht ausweglos scheinenden Situationen nicht hängen zu lassen, sondern die Sache mit Tatkraft und Organisationstalent anzupacken.

4. Corey 30.11.2011 16:50h Corey

Typisch deutsch ist die unschlagbare Art der Interpretation. Ein Beispiel: Alkoholkonsum wird in der Gesellschaft erst als gefährdend eingestuft, wenn sich keine Entschuldigungen mehr für den eigenen Konsum finden lassen. Für den einen ist es manchmal schick (ein Glas Wein am Abend), manchmal verdient (ein Bierchen nach Feierabend), unterhaltend (wenn der Chef auf einer Betriebsveranstaltung den Wein "spendiert") ... Ist nur ein Beispiel, aber für mich typisch deutsch!

5. Stephan 01.01.2012 23:07h Stephan

Typisch deutsch ist die Obsession wer am frühesten aufstehen kann. Da gibt es ja sogar einen Frühaufsteher-Wettbewerb zwischen den Bundesländern. Da können Wissenschaftler über den menschlichen Biorhythmus schreiben was sie wollen der Deutsche denkt: wer früh aufsteht ist produktiver. Unsere armen Schulkinder!

6. Peter 06.01.2012 03:20h Peter

"Aber jetzt werden wir von einer ängstlichen Mitte dominiert. Es gab in diesem Land einmal sehr starke Extreme."

Ungeschickter kann man wohl nicht formulieren...

7. Korinna Heimer 06.01.2012 18:38h Korinna Heimer

Wohl seit Herder ist typisch deutsch, sich die Frage zu stellen, was denn deutsch eigentlich ist.

8. Korinna Heimer 06.01.2012 18:41h Korinna Heimer

Und, woran ich beim Kommentare lesen erinnert wurde: Zu glauben, dass die Volkseele stets im Blute steckt. Das hier ist alles furchtbar grässlich zu lesen und erinnert wohl daran, um auch Adorno noch einmal aus den Fängen dieses ihn in den Dreck ziehenden Pseudonyms und was damit zusammenhängt zu retten, dass die faschistischen Tendenzen in der Demokratie wohl tatsächlich bedrohlicher sind als diejenigen gegen sie.

9. Karl Theodor 08.01.2012 19:37h Karl Theodor

Genau, typisch deutsch ist die Innerlichkeit, die ewig währende Selbstbeschäftigung, die verdruckste Frage, was deutsch sei, die immer wieder gestellt wird, weil sie vernünftig nicht beantwortet werden kann. Das deutsche Wesen ist ein Unwesen. Es erscheint in der Vernichtung alles individuierten. Die Deutschen reden von sich in immer in der ersten Person Plural. Wenn sie ich sagen, meinen sie grundsätzlich: ich als Deutscher, also wieder: wir.

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